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Syrien-Affäre

Jan Jenisch räumt bei Lafarge auf

Jan Jenisch: Der Chef muss bei Tochter Lafarge umdisponieren. Quelle: Keystone
Die französischen Richter machen Druck. Chef Jan Jenisch reagiert und setzt bei Tochter Lafarge eine Frau aus der Zürcher Zentrale ein.
von am

Der Notruf erreichte die Lafarge-Zentrale an einem Montagabend im November 2012 per E-Mail: «Unser Werk wurde heute erneut von bewaffneten Männern angegriffen. Ich wiederhole meine Forderung, dringendst den Krisenstab einzuberufen, um über die Fortsetzung des Betriebs zu entscheiden. Das aktuelle Dispositiv und unsere Mittel erlauben es nicht, uns gegen solche Attacken zu verteidigen.»

Absender des Hilferufs mit dem Betreff «Krisenstab Syrien» ist ein kampferprobter Kommandant der französischen Marine, der 2012 Sicherheitschef von Lafarge war. Die E-Mails an den Hauptsitz in Paris sind Teil der Akten in den laufenden Ermittlungen gegen die Verantwortlichen des Baustoffherstellers.

Hilferufe aus Paris

Hilferufe erreichen 2018 auch Zürich. Weniger dramatisch im Tonfall – und die Absender sitzen diesmal in Paris. Denn die französische Tochter des fusionierten Zementriesen Lafarge Holcim ist wegen ihrer Syrien-Vergangenheit unter Dauerbeschuss der Justiz und scheint hilflos sich selbst überlassen.

Seit zwei Wochen ermitteln die Behörden auch wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Hinzu kommen Vorwürfe der Terrorismusfinanzierung, Bruch der Embargobestimmungen sowie der Gefährdung von Menschenleben.

Am Hauptsitz in Zürich versucht derweil Konzernchef Jan Jenisch Tabula rasa zu machen. Er will dezentralisieren und den Länderchefs mehr Ergebnisverantwortung übertragen.

Chaotische Situation bei Lafarge

Im Syrien-Dossier heisst das aber auch: eine klare Verteidigungslinie aufbauen. Nach der Schliessung des zweiten Hauptsitzes in Paris im Mai verabschiedete Jenisch Anfang Juli auch Saâd Sebbar. Der Lafarge-Mann war in Zürich in der Geschäftsleitung. Noch bis im Mai amtete der Marokkaner zugleich als Chef der Tochter Lafarge und hätte diese vor den Untersuchungsrichtern vertreten sollen.

Hätte, denn wie «Le Monde» schreibt, soll er kalte Füsse bekommen haben. Ende Mai ging bereits Verwaltungsrat Lars Kristiansson von Bord. Die Situation in Frankreich wirkt chaotisch.

Da der Lafarge-VR mit diesen Abgängen auf zwei Mitglieder geschrumpft ist, musste Ende Juni eine ausserordentliche Generalversammlung einberufen werden, um einen neuen Chef zu bestellen. Denn die Richter machten Druck: Ohne Führung konnten sie Lafarge nicht vorladen. Französische Medien mutmassten, ob es sich gar um eine gezielte Verzögerungstaktik des Konzerns handle, was dieser aber verneinte.

Jan Jenischs neue Frau in Paris

Doch Jenisch musste reagieren und setzte eine Frau aus der Zürcher Zentrale ein: Magali Anderson wurde an der GV zur neuen Chefin und Präsidentin bei Lafarge gewählt. Gleichzeitig leitet sie seit 2016 die Abteilung Gesundheit & Sicherheit am Hauptsitz. Zuvor war sie für den Erdölspezialisten Schlumberger tätig. Doch vor den Richtern vertrat Lafarge-Holcim-Verwaltungsratspräsident Beat Hess die Franzosen.

Die Strategie in der Zentrale scheint klar. Um einen drohenden Prozess in Frankreich abzuwenden, nimmt die Führung das Heft selber in die Hand und befreit Lafarge von vorbelastetem Personal.