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Börseninterview

«Musk überschreitet immer wieder die Grenzen der Vernunft»

Elon Musk: Der Tesla-Chef hat mit seinen Plänen für einen Rückzug von der Börse für Irritation gesorgt. Quelle: Jason Merritt/Getty
Börsenexperte Jacques Stauffer erklärt, wie Tesla-Chef Elon Musk tickt. Und sagt, warum Apples Geschäftsmodell weiter funktioniert.
von am

Was beschäftigt derzeit die Finanzmärkte?
Seit Monaten dominieren die immer gleichen Themen die Finanzmärkte: Handelskonflikte, Donald Trump, die Zinsentwicklung und die Gefahr einer inversen Zinskurve in den USA. Trotz höherer Volatilität und Sommerflaute haben sich die Aktienbörsen in den letzten Monaten wacker geschlagen. Unsere Risikoindikatoren haben in den letzten Tagen wichtige Marken unterschritten und signalisieren ein ausgesprochen vorteilhaftes Risikoumfeld. Viele Investoren empfinden diese objektive Risikobeurteilung zurzeit als kontraintuitiv. Emotionen können im Kontext der Börsen jedoch täuschen und müssen deshalb immer wieder hinterfragt werden.

Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln?
Nachdem sich der Schweizer Aktienmarkt seit Anfang Jahr eher schlecht als recht entwickelt hat, sind wir heute aus verschiedenen Gründen etwas zuversichtlicher. Die Konsolidierung in bestimmten Branchen und Titeln hat zu einer deutlichen Bereinigung geführt. Viele Investoren wurden im Februar vom Rückschlag überrascht und sind seither nicht mehr an die Märkte zurückgekehrt. Die Schweizer Börse ist im Vergleich zu anderen Aktienmärkten vernünftig bewertet. Wir gehen von einer weltweit weiterhin freundlichen Börsenentwicklung aus, was Schweizer Titel positiv beeinflussen dürfte.

Wo steht der SMI in 12 Monaten?
Wenn die Konjunktur in Europa, die in den letzten Monaten an Schwung verloren hat, erneut anzieht, könnte der SMI im Verlauf der nächsten zwölf Monate in Richtung vergangener Hochs klettern. Die Voraussetzungen dazu sind im Kontext der weltweit robusten wirtschaftlichen Entwicklung gut, und die Risikoverhältnisse an den europäischen Börsen lassen auf solide und wenig anfällige Märkte schliessen.

* Jacques E. Stauffer ist Gründungspartner und CEO beim Vermögensverwalter Parsumo Capital AG. Er verfügt über mehr als 25 Jahre Erfahrung in der Vermögensverwaltung und in der Beratung institutioneller und privater Anleger, unter anderem bei der Credit Suisse. Quelle: ZVG

Tesla-Chef Elon Musk hat seine Pläne für einen Rückzug von der Börse fallengelassen. Wie stark haben die Spekulationen rund um ein «Going Private» dem Unternehmen geschadet?
Der schillernde Visionär Elon Musk hat sich und sein Unternehmen einmal mehr in die Schlagzeilen gebracht. Auf der Gratwanderung zwischen Aufmerksamkeit und Glaubwürdigkeit überschreitet nicht nur Elon Musk immer wieder die Grenzen der Vernunft. Seine ambitionierten Ankündigungen – auch die des «Going private» – fordern alle Betroffenen zur Stellungnahme auf. Dadurch erreicht er sein Ziel, die bestmöglichen Entscheidungsgrundlagen zu erhalten und seine Mitarbeiter zu Höchstleistungen zu motivieren. Ein Führungsstil, der unweigerlich harscher Kritik unterworfen ist, der aber auch das Durchbrechen von Normen ermöglicht. Die Durchsetzung neuer Standards ist im Zeitalter der «Disruptive Economy» eine absolute Voraussetzung für Erfolg.

Grossbritannien steuert aus heutiger Sicht auf einen «harten Brexit» zu. Wie stark ist das Land wirtschaftlich auf enge Banden mit der EU angewiesen?
Grossbritannien blickt nicht nach vorne, sondern zurück. Das Land möchte seine Vergangenheit zu seiner Zukunft machen – ein Experiment das seinesgleichen sucht. Es ist heute kaum abzuschätzen, ob dieses Vorgehen zum Erfolg oder zum Desaster führt. Ohne die Unterstützung der USA dürfte dieser Kraftakt jedoch kein gutes Ende nehmen. Die EU wird keine Kompromisse eingehen und die gewünschte enge Beziehung nur bei umfangreichen Zugeständnissen von Grossbritannien erlauben. «Lose-lose-lose» statt «Win-win»?

Huawei: Der chinesische Hersteller verkauft mehr Smartphones als Apple. Quelle: Keystone .

Huawei hat erstmals mehr Smartphones verkauft als iPhone-Hersteller Apple. Ist dies ein Anzeichen, dass Apples Geschäftsmodell unter Druck kommt?
Nein, Apples Geschäftsmodell ist langfristig ausgerichtet und äusserst robust. Allerdings muss auch Apple seine Geschäftsstrategie immer wieder neuen Gegebenheiten anpassen, was in der jüngsten Vergangenheit weniger gut gelungen ist als auch schon. Huawei seinerseits nutzt die Grösse des Heimmarkts Asien sehr geschickt. Das Unternehmen entwickelte sich vom unbekannten Namen zum namhaften Konkurrenten, unter anderem dank seiner Flexibilität und raschen Markteinführung überzeugender Produkte. Das Problem für Apple ist, dass sein Heimmarkt weitestgehend saturiert ist, Huawei’s Heimmarkt Asien jedoch noch lange nicht.

Die USA und Mexiko haben einen neuen Freihandelsvertrag aufgegleist. Waren die Befürchtungen vor einem durch US-Präsident Donald Trump ausgelösten internationalen Handelskonflikt verfrüht?
Ein ausgewachsener internationaler Handelskonflikt liegt im Interesse keiner Nation, und schon gar nicht im Interesse der USA oder Chinas. Deshalb beurteilen wir das neue Freihandelsabkommen zwischen den USA und Mexiko als Richtschnur für die Handhabung anderer Konflikte. Allerdings wird die Lösung der Probleme zwischen den USA und China weit mehr Zeit brauchen als das Abkommen mit Mexiko oder die in Kürze folgende NAFTA-Neuauflage mit Kanada. Die Befürchtungen der Anleger scheinen uns deshalb übertrieben, und die Marktreaktionen eröffnen Möglichkeiten. Dies vor allem in den Schwellenmärkten, die in den letzten Wochen deutliche Korrekturen verzeichnen mussten.