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Olga Feldmeier

Was es braucht, um ein Startup zu führen

Arbeiten im Startup: andere Bedingungen als im klassischen Unternehmen. Quelle: Getty Images
Startup-Gründerin Olga Feldmeier ist in der Blockchain-Szene zu Hause. Sie sagt, dort sei die Führung eine besondere Herausforderung.
von am

Schwarze Jeans, ein schwarzes T-Shirt mit dem schlichten Aufdruck «Smart Valor» und ganz leger ein Headset um den Hals – beim Interviewtermin erfüllt Olga Feldmeier das äusserliche Klischee einer Startup-Gründerin ohne Probleme. Seit dem letzten Herbst befindet sich das Hauptquartier von Smart Valor im Zuger Innovationszentrum von Thomson Reuters in Baar. Mit fünf anderen Jungunternehmen wurde das Startup aus Hunderten Bewerbern für einen Platz im Thomson Reuters Labs-Incubator ausgewählt. In der Schweiz arbeitet nur die Hälfte der 22 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Smart Valor.

«In unserer Branche muss man ganz anders führen als anderswo», sagt Olga Feldmeier. Das liegt an der dezentralen Organisation und den Mitarbeitenden, die dank Online-Kommunikation überall auf der Welt leben können. «Für diese jungen Talente, insbesondere im Tech-Bereich, ist es super uncool, einen Arbeitgeber zu haben», so Feldmeier. Viele von ihnen arbeiten lieber als Freelancer und leben irgendwo auf der Welt, zum Beispiel auf den Bermudas. «Wenn wir ihnen anbieten, in die Schweiz zu kommen, weil hier unser Headquarter ist, lehnen sie dankend ab», so Feldmeier. «Sicherheit, Angestelltenverträge – dies alles interessiert sie nicht. Sie leben in einer virtuellen Welt, in der es viele spannende Projekte gibt. Es gibt einen enormen Wettbewerb um diese Menschen.»

Team trifft sich einmal im Monat

Die Technologie macht es möglich, dass etliche Mitarbeiter von Smart Valor «remote» arbeiten, dass man ständig über Slack kommuniziert und sich vor allem in Skype-Konferenzen sieht. Eine grosse weisse Wand ist für die Projektion der wöchentlichen Sitzungen reserviert. Feldmeier, die weiss, dass sie deswegen als altmodisch gilt, besteht aber darauf, dass sich einmal pro Monat alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Baar treffen. Dann kommen die Leute aus Polen, Paris und München in die Schweiz. «Es ist eine Herausforderung, diese Leute zu halten. Wenn du sie nicht siehst, gibt es keinen persönlichen Touch. Man kann nicht einfach mal ein Bier zusammen trinken gehen», so Feldmeier.

Darum sind die monatlichen Treffen sehr wertvoll. Auf den Bermudas lebt keiner der Smart-Valor-Mitarbeiter, denn man hat sich aus pragmatischen Gründen dazu entschlossen, sich zumindest in der ersten Phase bei der Rekrutierung auf die europäischen Zeitzonen zu konzentrieren. Das gelte in der Branche schon als «super konservativ». Denn eines ist klar: Die Spezialisten im Bereich Softwareentwicklung, die Smart Valor braucht, würde das Startup nie alle in der Schweiz finden.

International ist auch der persönliche Hintergrund von Olga Feldmeier. Im Jahr 1977 geboren, aufgewachsen in der Ukraine, hat sie am eigenen Leibe erlebt, was Inflation bedeutet. Was es heisst, wenn die Mutter, eine vom Staat angestellte Pianistin, den Lohn erst mit ein paar Monaten Verzögerung erhält und in der Zwischenzeit die Inflation so weit fortgeschritten ist, dass man dafür nur noch ein Stück Brot kaufen kann. «Ohne Gemüse in unserem Garten und zwei Jobs hätten wir nicht überlebt», sagt Olga Feldmeier nüchtern.

Olga Feldmeier: Besteht «altmodisch» darauf, dass sich ihr Team einmal im Monat trifft. Quelle: Max Riché/Tryptich

Eine Kindheit in einem Land mit Hyperinflation von 10 000 Prozent in fünf Jahren und einer korrupten Regierung – vor diesem Background ist es einfacher zu verstehen, weshalb die talentierte junge Frau sehr überzeugt sagt: «In den meisten Ländern der Welt ist staatlich emittiertes Geld nichts Gutes für die Menschen. Die kleinen Leute werden durch die Inflation ausgenommen. In zwei Dritteln aller Länder ist die Geldentwertung ein Problem.»

Viel lieber als dem Staat vertraut Olga Feldmeier dem alternativen Finanzsystem, das durch Kryptowährungen wie Bitcoin erst möglich geworden ist. Ihre 2017 gegründete Firma Smart Valor basiert auf der Vision, mit Blockchain-Technologie eine neue Klasse der Investitionsmöglichkeiten zu schaffen.

Demokratischer Stil als Vorteil

«Wir bauen eine Investitionsplattform, die den Menschen den sicheren und einfachen Zugang zu digitalen Anlagen verschafft. Diese neue Anlageklasse beinhaltet in erster Linie Kryptowährungen und andere Tokens», sagt Feldmeier.

«Kryptowährungen vereinfachen einerseits den Geldtransfer. Anderseits können diese Währungen und Tokens auch benutzt werden, um Jungunternehmungen zu finanzieren», sagt Olga Feldmeier, die vom Magazin «Forbes» als Bitcoin-Queen tituliert wurde. Der Vorteil dieser digitalen Beteiligungen liegt für sie auf der Hand, da sie beliebig teilbar, sekundenschnell übertragbar und daher viel liquider sind. Smart Valor hat sich auf digitale Anlagen sowie die Tokenisierung – Verwandlung in Token – von weniger liquiden alternativen Anlagen wie Startups, Beteiligungen oder Immobilien spezialisiert.

Anspruchsvolle Führung

Olga Feldmeier: «Die Idee ist, durch den Zugang über die Kryptowährungen einer breiteren Investorenschicht aus der ganzen Welt den Zugang zu alternativen Investitionsmöglichkeiten zu geben», so Feldmeier. Sie legt Wert darauf, dass bei den ICO nur die Besten ausgewählt werden, während der Prozess von Initial Coin Offerings in der Schweiz denselben Compliance-Regeln und Kontrollen entspricht, wie dies bei Banken der Fall ist.

In diesem internationalen Umfeld ist es selbstverständlich, dass man auch beim Thema Führung auf kulturelle Eigenheiten der Mitarbeitenden Rücksicht nimmt. Dies macht die Führung im klassischen Sinn noch einmal herausfordernder, wie die Jungunternehmerin erklärt. Einige sind aus der Schweiz, aber die grosse Mehrheit der Smart-Valor-Belegschaft stammt aus Deutschland, Frankreich, Grossbritannien oder China – Geschäftssprache ist selbstverständlich Englisch. Olga Feldmeier: «Typisch für die Schweiz ist hingegen unser demokratisches Führungsverständnis. Wir fragen die Mitarbeitenden, was sie wollen. Das passt sehr gut zu unserer Branche, in der die Leute sehr selbstständig und individuell agieren.» Auch aus diesem Grund sieht die Gründerin gute Chancen, dass sich die Schweiz zum weltweiten Zentrum der Blockchain-Branche entwickelt und die Region Zug dem Namen Crypto Valley noch stärker gerecht wird.