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Experiment

Viele Rheinauer wollen vom Grundeinkommen profitieren

Rheinau: Die Gemeinde experimentiert mit einem bedingungslosen Grundeinkommen. Quelle: Keystone
Die Zürcher Gemeinde Rheinau will ein bedingungsloses Grundeinkommen einführen. Viele Bürger bewerben sich.
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Schon Dutzende von Rheinauerinnen und Rheinauern haben sich für das bedingungslose Grundeinkommen angemeldet. Noch während der Informationsveranstaltung vom Freitagabend haben viele von ihnen das Anmeldeformular ausgefüllt.

Eine der ersten, die sich angemeldet haben, ist Martina Kunz, eine junge Mutter von drei Kindern, die als Schneiderin selbständig ist. Sie weiss jetzt schon, was sie mit den 2500 Franken Grundeinkommen machen würde: «Ich würde das Geld nutzen, um die Kinder mehr in die Betreuung zu geben. Dann könnte ich mehr arbeiten.»

Eine ältere Rheinauerin, die sich mit Agnes vorstellte, war anfangs gar nicht begeistert, als sie vom bedingungslosen Grundeinkommen hörte. «Geht es noch? So verrückt.» Sie sei skeptisch, räumte sie ein. Doch wenn man es nicht probiere, wisse man nie, ob es funktioniere oder nicht. Deshalb mache sie mit.

Formulare im Sekundentakt

S o wie diese beiden Frauen denken viele der rund 400 Rheinauerinnen und Rheinauer, die ihren Freitagabend in der Mehrzweckhalle verbrachten, um mehr über das Experiment zu erfahren.Im Sekundentakt landeten nach dem Anlass die Anmeldeformulare in der Abstimmungsurne, welche die Gemeinde beim Ausgang bereitstellte. Wie viele sich bereits anmeldeten, kann noch nicht gesagt werden.

Damit mit dem Experiment gestartet wird, muss etwa die Hälfte der Gemeinde mitmachen. Nötig sind also etwa 650 Anmeldungen. Die Anmeldefrist beträgt zwei Wochen. Fehlen dann nur noch einige wenige Mitstreiter, wird die Frist aber noch etwas verlängert. So ganz bedingungslos ist das Grundeinkommen allerdings nicht: Mitmachen kann nur, wer in Rheinau wohnt und älter als 25 ist. Es ist zudem kein Zusatzeinkommen, sondern soll vielmehr als Absicherung verstanden werden.

Wer also mehr als 2500 Franken Einkommen hat, muss das Grundeinkommen, das jeweils Anfang Monat aufs Konto kommt, zurückzahlen. Das Projekt bringt finanziell somit nur jenen etwas, die ohnehin weniger als 2500 Franken pro Monat einnehmen, also etwa Alleinerziehende, Studenten oder Rentner, die nur von der AHV leben.

Auswirkungen auf das Dorfleben

«Ich verdiene mehr als 2500 Franken. Weshalb soll ich denn mitmachen?», lautete am Freitag eine wichtige Frage. Wegen der Erfahrungen, antwortete Filmemacherin und Initiantin Rebecca Panian. Das sei zwar kein finanzieller Profit, aber dennoch wertvoll.

Lohnenswert könnte es hingegen für Familien werden, denn Kinder können auch dann angemeldet werden, wenn ihre Eltern mehr als 2500 Franken verdienen. Pro Kind würde es 625 Franken geben, wovon allerdings noch die Kinderzulage abgezogen würde.

Ein Wissenschaftsteam will das Projekt begleiten und die Veränderungen in der Gemeinde beobachten. Untersucht werden soll die Wirkung auf Familien, die Kaufkraft und das Dorfleben.

Drei bis fünf Millionen nötig

Doch auch wenn genügend Rheinauer mitmachen: Gesichert ist das Projekt auch dann noch nicht. Es müssten noch drei bis fünf Millionen Franken zusammenkommen. Weil die Gemeinde keine Steuergelder aufwenden will, müsste das Geld über eine Sammelaktion zusammenkommen. Gestartet wird diese, sobald die 650 Anmeldeformulare beisammen sind.

Was am Freitag in Rheinau gut ankam, hatte vor zwei Jahren auf Bundesebene keine Chance. Die Schweizer Stimmbevölkerung lehnte die Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens wuchtig ab. Diese Abstimmung hatte die Filmemacherin Rebecca Panian aber dazu veranlasst, das Projekt zu starten. Auf Rheinau kam Panian, weil sich die Gemeinde nach einem Aufruf selber dafür auf der Projektwebsite angemeldet hatte.

(sda/mbü)