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Anlagestrategie in Zeiten von Disruptoren

Internetgiganten wie Amazon, Google und Co. stellen die Welt auf den Kopf. Quelle: Chesnot / Kontributor/ Getty Images
Unternehmen wie Amazon, Uber und Airbnb verändern viele Branchen. Es gibt jedoch Unternehmen, die gegen Disruption gut gewappnet sind.
von am

Als Amazon kürzlich den Kauf des amerikanischen Pharmahändlers PillPack für knapp eine Milliarde Dollar bekannt gab, wurde am selben Tag ein Marktwert von mehr als zehn Milliarden Dollar bei anderen Pharmagross- und -einzelhändlern wie McKesson und Walgreen Boots vernichtet. Die Reaktion der Anleger war eine weitere ernüchternde Erinnerung an die zerstörerische Kraft der Disruption - in diesem Fall die Angst vor künftigen umwälzenden Neuerungen. Als Amazon 2017 Whole Foods erwarb, gingen in Erwartung des wahrscheinlichen Eintritts des Internet-Versandhändlers in den Online-Lebensmitteleinzelhandel parallel die Kurse konkurrierender Supermärkte in den USA auf Talfahrt.
Der Disruption sind inzwischen aber nicht nur einige etablierte Bereiche des Einzelhandels zum Opfer gefallen, sondern auch so manch ein solides Unternehmen wie Kodak oder Encyclopedia Britannica. Disruptoren sind allgegenwärtig. Paradebeispiele sind neben Amazon im Einzelhandel Ryanair im Billigflugsegment, Google in der Internetsuche und -werbung, Airbnb in der Hotelbranche und Uber im Taxisektor. Aber wie sollten Anleger darauf reagieren?

Vorsicht ist geboten
Zunächst einmal sollten sie versuchen, Disruptoren zu erkennen und Unternehmen zu meiden, denen diese das Wasser abgraben könnten. Aber Vorsicht ist geboten: Denn während die Kurse einiger erfolgreicher Disruptoren durch die Decke gingen, haben sich einige vermeintliche Disruptoren als Flop erwiesen. Rocket Internet, ein Startup-Inkubator mit Sitz in Berlin, hat die Erwartungen nicht erfüllt. Auch die Aktie des britischen Händlers von Haustierbedarf, Pets at Home, ist nach dem Börsengang eingebrochen. Bei der Disruption handelt es sich zudem nicht wirklich um ein neues Konzept. Sie ist lediglich ein trendiger Begriff für ein Produkt oder eine Dienstleistung, das oder die es so bisher noch nicht gab: Man könnte also sagen, dass das Auto das Pferd als traditionelles Transportmittel abgelöst bzw. disruptiert hat. Allerdings ermöglicht die Digitalisierung einen schnelleren Wandel, denn das Internet bietet Herausforderern eine billige Plattform – und hilft beim Vertrieb neuer Produkte. Man denke nur an den rasanten Aufstieg von Craft-Bieren oder neuen Rasierermarken und -produkten gerade in den USA. Anleger können jedoch nicht immer in die attraktivsten Disruptoren investieren. Denn viele wie Airbnb oder Uber bleiben über Jahre in privater Hand. Einige stehen für eine Anlage schlicht nicht zur Verfügung. Oder ihre Unternehmensführung lässt beim Gang an die Börse zu wünschen übrig beziehungsweise ihre Bewertungen sind bereits schwindelerregend hoch.

Als aktive Anleger kann man aber nicht nur nach Disruptoren Ausschau halten. Es steht einem auch frei, einen Bogen um Firmen zu machen, deren Geschäftsmodell durch Innovationen auf den Kopf gestellt werden könnte – auch wenn diese Bedrohung heute noch nicht allzu offensichtlich ist. Wie inzwischen jeder weiss, setzt der Internethandel dem traditionellen Einzelhandel mächtig zu. Auf der Hut sein sollte man jedoch auch gegenüber vielen anderen Bereichen wie etwa der Logistik, in der zunehmende Preistransparenz den Druck auf die Unternehmen verstärkt. Fernzuhalten empfiehlt es sich auch von angeblich attraktiv bewerteten Satellitenbetreibern wie Eutelsat, weil die Befürchtung besteht, dass das Pay-TV-Vertriebsmodell durch Streaming-Dienste wie Netflix von der Bildfläche verschwinden könnte.

Ein vernünftiges Unternehmen finden
Stattdessen bieten sich Investments in vernünftig bewertete Unternehmen an, von denen man  glauben kann, dass sie der Disruption die Stirn bieten können. In der Regel also in Firmen, die Produkte mit einzigartigen technischen Merkmalen herstellen, die sie nicht über das Internet, sondern über einen eigenen Aussendienst vertreiben. Gute Beispiele sind Nischenprodukte wie Vakuumpumpen, die Dichtungs- und Klebeprodukte des Schweizer Spezialchemieunternehmens Sika oder die Spezialöle und -fette von Fuchs in Deutschland. Oder Aktien der deutschen Optikerkette Fielmann. Nicht zuletzt weil sich der Verkauf von Brillen über das Internet durch das erforderliche Ausmessen und Anpassen schwierig gestaltet. Inzwischen gibt es jedoch einige Firmen, die genau das versuchen.

Ein anderes Beispiel ist Ströer, einen Spezialisten für Aussenwerbung, der mit JC Decaux den deutschen Markt beherrscht. Aussenwerbung profitiert von Innovationen in anderen Bereichen der Branche: Sie ist eine relativ preiswerte Alternative zum immer mächtigeren Werbegiganten Google und für das Massenmarketing ein glaubhafter Gegenentwurf zu alten Medien wie Zeitungen und Fernsehen. Überdies machen es neue digitale Werbetafeln möglich, dieselbe Fläche mehrmals zu verkaufen, wodurch mehr Umsätze auf derselben Fläche generiert und die Kosten gesenkt werden. Ein weiterer Vorteil: Niemand muss mehr mit Leim und Besen neue grossformatige Anzeigen aufkleben.

*Simon Rowe, Fondsmanager für europäische Aktien bei Janus Henderson Investors