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Brexit

Hotelplan-UK-Chef: «Wir müssen uns auf den Worst Case vorbereiten»

Hotelplan: Fürchtet sich vor den Folgen des Brexit. Quelle: Keystone
Der Austritt Grossbritanniens aus der EU bereitet der Reiseindustrie Sorgen. Hotelplan-UK-Chef Paul Carter spricht von einer «alarmierenden» Situation.
von am

Eine Skisaison noch. Dann ist die Scheidung zwischen Grossbritannien und der Europäischen Union vollzogen. Ende März des nächsten Jahres wird das Königreich offiziell mit dem Staatenverbund brechen. «Die Uhr tickt», sagt Hotelplan-UK-Chef Paul Carter in einem grossen Kommentar in einem britischen Reisemagazin. «Es ist alarmierend, dass es immer noch keine politischen oder kommerziellen Vereinbarungen gibt.» 

Mit englischen Touristen erzielte Hotelplan im letzten Geschäftsjahr einen Umsatz von 252 Millionen Pfund. Das entspricht einer Summe von knapp 330 Millionen Schweizer Franken Fast jeder vierte Umsatzfranken, den die Hotelplan-Gruppe erwirtschaftet, stammt also aus der Tasche britischer Touristen.

Entsprechend unruhig schauen die Reisemanager der Migros-Tochter nach London. Hotelplan-UK-Chef Carter spricht von «Unsicherheit und Besorgnis». Er hofft, dass die Regierung von Theresa May visafreies Reisen ermöglichen werde und ein Open-Skies-Abkommen ausgehandelt wird. Ein derartiger Vertrag stellt sicher, dass Fluggesellschaften aus Europa uneingeschränkt alle britischen Flughäfen ansteuern können. Gleiches gilt natürlich auch umgekehrt und ist auch im Sinne von Brüssel. London ist eines der wichtigsten Drehkreuze der europäischen Luftfahrt.    

Probleme mit fehlender Freizügigkeit

Probleme sieht Carter bei der Personenfreizügigkeit. Das Thema ist umstritten auf der Insel und war ein zentrales Thema bei der Abstimmung über den Verbleib Grossbritanniens in der EU. Grossbritannien will die Personenfreizügigkeit für EU-Bürger beenden, wenn das Land im März 2019 die EU verlässt. «Ohne die Freizügigkeit der Arbeitskräfte stehen jedoch sowohl für Inbound- als auch für Outbound-Reisen erhebliche Herausforderungen und Risiken an, da es zu einem potenziellen Mangel an Fachkräften in der Industrie kommen könnte», sagt Carter.

Hotelplan-UK-Chef Paul Carter: Seit Mai 2017 Chef der britischen Reisefirma, übernahm also in stürmischen Zeiten das Ruder. Quelle: ZVG

Die Beschränkung der Entsendung britischer Arbeitnehmer in das Ausland stelle ein ernsthaftes Problem für die Skibranche dar. Britische Skifahrer würden im Skigebiet meist von britischen Vertretern empfangen, das Essen würde von britischen Köchen zubereitet. Hotelplan UK alleine beschäftige mehr als 1000 britische Mitarbeiter im Ausland. Würden diese Fachkräfte wegen des Brexits Probleme auf dem Arbeitsmarkt haben, allenfalls nicht mehr arbeiten dürfen, würden dies auch die Touristen spüren, ist Carter überzeugt.  

«Für einige Gäste wären Ferien weniger erschwinglich», sagt der Reisefachmann, der vor 30 Jahren selbst an der Front in den Alpen gearbeitet hat. «Viele der grösseren Unternehmen entwickeln Notfallpläne, um in einer Situation mit eingeschränkter Verfügbarkeit von Arbeitskräften zurechtzukommen.» Und weiter: «Wir müssen uns auf ein Worst-Case-Szenario vorbereiten.»

Bauchweh bei Thomas Stirnimann

Diese Worte werden auch im zürcherischen Glattbrugg gehört, wo Konzernchef Thomas Stirnimann das Büro hat. Der 56-Jährige gab sich bereits im Januar nervös, als er die Jahreszahlen präsentierte. Über die unklare Brexit-Situation sagte er seinerzeit: «Das ist eine sehr unangenehme Situation, dies bereitet uns Bauchweh.» Und: «Fällt die Personenfreizügigkeit für Briten weg, wird unser Geschäft auf eine echte Probe gestellt.»  

Thomas Stirnimann (Bild) sagte im «Handelszeitung»-Interview kurz nach dem Brexit: «Dadurch, dass wir ein Nischengeschäft betreiben, befürchte ich keine allzu grossen Folgen für unser Geschäft.» Quelle: Keystone

Immerhin: Stirnimanns Mann für die Queen-Anhänger sieht auch einen Lichtblick. «In unsicheren Zeiten suchen Reisende immer nach vertrauenswürdigen Marken», sagt Carter. «Ich bin zuversichtlich, dass die Menschen auch in Zukunft ihren Urlaub mit den Marken von Hotelplan buchen werden.» Und über die Abschottung Grossbritanniens sagt Carter, offenbar ein liberaler Geist: «In diesen immer isolierter werdenden Zeiten bin ich stolz darauf, Teil einer Branche zu sein, die als treibende Kraft für den Abbau kultureller Barrieren fungiert.»