Skip to main content
Fair-Food-Initiative

Fair-Food-Initiative (Pro): «Am Ende der Geduld»

«Die Marktlogik fördert nicht die nachhaltigsten Produkte, sondern die billigsten», sagt Tina Goethe, Leiterin Fachbereich «Recht auf Nahrung», Brot für alle Quelle: Keystone .
Tina Goethe, Leiterin Fachbereich «Recht auf Nahrung» und Brot für alle, fordert mehr Nachhaltigkeit in der Agrarwirtschaft.
von am

Die Landwirtschaft produziert gesunde Lebensmittel, schützt Umwelt und Klima und ermöglicht Bäuerinnen und Landarbeitern ein anständiges Einkommen. Wer will das nicht? Die FDP-Nationalrätin Regine Sauter ist da anderer Meinung. Es ertönt bei jedem Versuch, auf dem Weg zu diesem Ziel endlich einen Schritt vorwärtszumachen, ein empörter Aufschrei: zu teuer. Zu kompliziert. Keine Wahlfreiheit. Verstösst gegen internationale Handelsregeln. Und: Wer nachhaltig konsumieren will, kann das ja bereits tun. Politik mit dem Einkaufskorb also, statt Politik im Parlament.

Es stimmt: Dank dem Engagement einiger Pioniere haben wir in der Schweiz einen im internationalen Vergleich hohen Anteil an Bio- und Fair-Trade-Produkten. Wer genug Zeit und Geld hat, kann durchaus versuchen, mit seinen Kaufentscheiden die Welt zu retten, ohne auf etwas verzichten zu müssen. Doch gelingen wird dies nicht. Denn die dringend geforderte umfassende Nachhaltigkeit im globalen Ernährungssystem werden wir so nicht in nützlicher Frist erreichen.

Das Tempo auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit erhöhen

Schon vor fünfzig Jahren haben die «Bananenfrauen» aus Frauenfeld fair produzierte «Südfrüchte» importiert. Und auch die ersten Biobauern der Schweiz haben damals begonnen, ihre Produktion umzustellen. Ein ­halbes Jahrhundert später erreichen aber weder «Bio» noch «Fair» ­einen Marktanteil von mehr als 10 Prozent, obschon beide Marktsegmente intensiv beworben werden und die ent­sprechenden Begriffe in den «Mainstream» geflossen sind. In diesem Tempo würde es mehrere hundert Jahre dauern, bis alle Lebens­mittel so produziert werden, dass nicht nur die Zukunft unserer Er­nährung, sondern die des Planeten ge­sichert ist. Höchste Zeit also, die Geduld zu verlieren!

Mit einem Ja zu den Landwirtschafts-Initiativen am 23. September können wir das Tempo auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit in unserem ­ Ernährungssystem deutlich erhöhen. Es braucht mutige politische Entscheide. Zuerst an der Urne, dann im Parlament. Nur so entstehen Standards und gesetzliche Grundlagen, die Wirkung entfalten, weil sie für alle gelten – unabhängig von der Grösse des Geldbeutels oder der Stärke des schlechten Gewissens. Denn die Politik über den Einkaufskorb sieht sich mit einem unüberwindbaren Problem konfrontiert: mit einer Marktlogik, die nicht die nachhaltigsten Produkte fördert, sondern die billigsten.

Dank tiefen Transportkosten und Freihandelsabkommen werden heute in internationalen Wertschöpfungs­ketten riesige Mengen standardisierter Produkte kreuz und quer durch die Welt transportiert. Was dort zählt, ist primär der Preis. Die grossen Firmen im Agrar- und Lebensmittelsektor sichern sich den Zugang zu guten Böden und billigen Arbeitskräften, sei es in Kenia, Peru oder Spanien. Und gleichzeitig kämpfen sie um lukrative Absatzmärkte, wo die Kaufkraft hoch ist. Kurz: produzieren, wo es billig ist, verkaufen, wo es teuer ist. Wer in einem teuren Umfeld wie der Schweiz produziert oder in einem unattraktiven Absatzmarkt wie in Afrika lebt, zieht den ­Kürzeren.

Vision eines zukunftsfähigen Ernährungssystems

Dass dieses System nicht nachhaltig sein kann, weil es ökologische und
soziale Kreisläufe zerstört, ist offensichtlich. Zukunftsfähige Alternativen gibt es seit mindestens fünfzig Jahren. Nun liegt der Ball bei Stimmvolk und Politik, diese auch zu unterstützen und damit der Vision eines zukunftsfähigen Ernährungssystems zum Durchbruch zu verhelfen.

Dieser Text ist eine Replik auf den Artikel von Regine Sauter, Nationalrätin FDP, Direktorin Zürcher Handelskammer. Lesen Sie hier ihren Beitrag.