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Börseninterview

«Die Finanzmärkte haben Italien die gelbe Karte gezeigt»

Italiens Vizeregierungschef Matteo Salvini: Die Politik seiner Regierung sorgt für Unruhe an den Finanzmärkten. Quelle: Antonio Masiello/Getty
JP-Morgan-Experte Tilmann Galler erklärt, wieso Italiens Rating sinkt - und er benennt die Gefahren eines globalen Handelskonflikts.
von am

Was beschäftigt derzeit die Finanzmärkte?
Tilmann Galler*: Die Märkte haben sich in den Sommermonaten mit unterschiedlichen Gesichtern gezeigt. Die USA befinden sich in der zweitlängsten Expansionsphase der letzten 100 Jahre und die Wirtschaft und die Aktienmärkte boomen. Die Situation im Rest der Welt hingegen ist eher durchwachsen. Schwellenländer mit hohen Fiskal- und Leistungsbilanzdefiziten leiden unter der Normalisierung der US-Geldpolitik und in Europa kehren die politischen Risken zurück auf die Tagesordnung. Wie gross ist das Ansteckungsrisiko innerhalb der Schwellenländer? Und ist es möglicherweise langsam Zeit das Risiko zu reduzieren? Trotz einzelner Krisenherde dürfte das Nominalwachstum der Weltwirtschaft in 2018 im Vergleich zum Vorjahr auf 6 Prozent steigen. Das lässt eine anhaltend gute Ertragslage für die Unternehmen erwarten und sollte damit den Aktienmärkten helfen. Dennoch machen wir uns derzeit Gedanken, wie wir die Portfolien nach dieser langen Expansionsphase wetterfester machen können.

Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln?
Erfreuliche Quartalsberichte, eine solide heimische Wirtschaft und die Abwesenheit politischer Risiken haben in den letzten drei Monaten die Wertentwicklung Schweizer Aktien unterstützt. Die Stimmung in der Wirtschaft und die Ertragslage der Unternehmen bleiben gut, aber der zuletzt wieder stärkere Franken und die Turbulenzen in einigen Schwellenländern dürfte in der Exportwirtschaft das zuletzt positive Momentum etwas eintrüben. Einiges der zukünftig positiven Entwicklung ist sicherlich schon im Markt eingepreist, da die Bewertungen Schweizer Aktien im historischen Kontext nicht mehr günstig sind. Unterm Strich sollten sich die Aktien in den kommenden 6 Monaten moderat besser entwickeln als Obligationen.

*Tilmann Galler arbeitet als globaler Kapitalmarktstratege für die deutschsprachigen Länder bei J.P. Morgan Asset Management in Frankfurt. Er ist Teil des globalen «Market Insights»-Teams, das auf Basis von umfangreichem Research für institutionelle und Retail-Kunden Informationen rund um die globalen Volkswirtschaften und Kapitalmärkte erstellt, analysiert und Implikationen für die Investmentstrategien ableitet. In dieser Funktion ist er auch Ansprechpartner für die Fach- und Wirtschaftspresse. Quelle: ZVG

Die Ratingagentur Fitch hat ihre Einschätzung zu Italien gesenkt. Ist das Land unter der neuen Regierung weiterhin eine Gefahr für die Stabilität der Euro-Zone? 
Das Wirtschaftswachstum Italiens ist seit 1988 das schwächste aller Industrienationen. Die neue Regierung plant nun trotz einer Verschuldung von 132  Prozent zum BIP das Wachstum mit zusätzlichen Sozialtransfers und Steuersenkungen in der Grössenordnung von 5 Prozent zum BIP zu fördern. Das mag für 2019 einen Wachstumsschub bringen aber der Effekt wird verpuffen, denn die Stossrichtung der neuen Wirtschaftspolitik geht in die komplett falsche Richtung. Italien hat kein Nachfrageproblem sondern ein Angebotsproblem – die mangelnde Konkurrenzfähigkeit der heimischen Industrie. Die Europäische Zentralbank (EZB) wird am Jahresende das Anleihenkaufprogramm beenden mit der Konsequenz, dass die Zeit der künstlich niedrig gehaltenen Finanzierungskosten für die Staaten zu Ende geht. Die Obligationsmärkte werden zukünftig wieder stärker fahrlässige Fiskalpolitik mit höheren Zinsen bestrafen. Die Finanzmärkte haben Italien bereits die gelbe Karte gezeigt. Sollte sich die neue Regierung mit ihren Budgetvorstellungen uneinsichtig zeigen, droht eine Verschärfung der Vertrauenskrise. Das Maximalrisiko eines Auseinanderbrechens der Eurozone bleibt aber vorest gering.

Die Handelspolitik von US-Präsident Donald Trump bleibt unberechenbar. Was für Folgen hätte eine Eskalation des internationalen Handelskonflikts für die Weltwirtschaft?
Sollten alle bisher angedrohten Zölle von der US-Regierung eingeführt werden, wären US-Importe in der Grössenordnung von 780 Milliarden US-Dollar betroffen. Sollten die Handelspartner in gleichem Masse Vergeltung üben, wären Handelswaren im Wert von 2 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung betroffen. Der direkte Einfluss auf die Wirtschaft ist entsprechend überschaubar. Viel schwerwiegender und schwieriger zu quantifizieren sind die sekundären Effekte, wie Investitionszurückhaltung der Unternehmen, Zestörung von bestehenden Wertschöpfungsketten und Inflation. Alle Effekte haben in der Summe das Potential, die lange Phase der Erholung der Weltwirtschaft seit der Finanzkrise zu beenden.

Anfang November werden die US-Sanktionen gegen iranisches Erdöl wirksam. Welchen Einfluss hat das US-Embargo gegen den Iran auf den Ölpreis?
Wir erleben zur Zeit eine erhebliche Veränderung auf dem Ölmarkt. Nach Jahren der Überproduktion hat sich aufgrund stetig steigender Nachfrage und Begrenzung der Förderquoten ein Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage eingestellt. Die US-Sanktionen gegen den Iran werden zukünftig das Angebot an iranischem Öl reduzieren und das in einer Situation, wo gleichzeitig in Venezuela die Rohölförderung einbricht. Die Sanktionen vergrössern also das Versorgungsdefizit auf dem Ölmarkt. Bei anhaltend steigender Nachfrage dürfte das zu einem weiter steigenden Ölpreis führen.

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