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Bits & Coins

Warum UBS und CS auf Bitcoin-Tech setzen

Bitcoin: Die Grossbanken erforschen die Digitalwährung. Fotolia
Nur nicht den Anschluss verlieren: Die Banken rüsten auf und stecken Millionen in die Erforschung der Bitcoin-Technologie. Auch in der Schweiz.
von am

Am Anfang war da nur eine Idee und einige tausend Zeilen Programmcode. Mehr hatte Bitcoin 2009 nicht vorzuweisen. Keine Lobby. Kein Wert. Nichts. Umso mehr war es für die etablierte Bankenwelt brüskierend, als es bereits nach kurzer Zeit hiess: Bitcoin – das ist das Ende der Banken. Die neue digitale Währung werde bisherige Geschäftsmodelle obsolet machen.

Davon liessen sich Investoren aus der ganzen Welt überzeugen. Hunderte von Millionen Dollar steckten sie in Bitcoin-Startups. Aufbruch. El-Dorado. Es gab kein Halten mehr. Doch seit sechs Monaten passiert eher wenig. Es fliesst kaum noch Wagniskapital in reine Bitcoin-Firmen. Alles geht langsamer als geplant. Abwarten lautet nun die Devise. Die Langfrist-Perspektive rückt in den Vordergrund. Hier und dort zeigt sich etwas Ernüchterung.

Banken erforschen Bitcoin-Tech

Dafür rüsten nun die Banken auf. Seit Wochen reiht sich weltweit Meldung an Meldung, wonach die Finanzhäuser ihre Forschungsabteilungen zur Bitcoin-Technologie – der Blockchain – ausbauen. Startups, die auf die Bedürfnisse der Banken eingehen, erhalten Dutzende von Millionen Franken. Jede zweite Bank sucht in Inseraten inzwischen nach Experten und Programmierern. Blockchain und Banken. Das ist das neue Super-Duo.

Jüngstes Beispiel ist der globale Zusammenschluss von neun Grossbanken. Man will sich auf Standards einigen, um die neue Technologie gewinnbringend einsetzen zu können. Barclays und JP Morgan sind dabei, und aus der Schweiz die UBS und die Credit Suisse (siehe Video).

Vor allem die UBS ist branchenweit führend. Schon vor einem Jahr beschäftigte sich die Geschäftsleitung mit Bitcoin und Blockchain. Seit Monaten experimentieren die Banker und Software-Ingenieure mit eigenen Anwendungen und schicken Transaktionen zwischen Singapur, Zürich und Chicago hin und her. Die Zusammenarbeit mit anderen Banken war schon lange auf der Agenda. Auch in der Öffentlichkeit ist die UBS präsent. Projekt-Chef Alex Batlin trat letzte Woche an der ausverkauften Finance2.0-Crypto-Konferenz in Zürich auf und erklärte, warum sich die Bank so engagiert. Die Credit Suisse ist stiller auf den Zug aufgesprungen. Aber auch dort wird Expertise aufgebaut, um die Chancen und Risiken würdigen zu können.

Die Angst vor dem Kodak-Schicksal treibt die Banken an. Die Furcht davor, einen Trend zu verschlafen und auf zu teuren und nicht mehr gefragten Produkten sitzenzubleiben.«Die Investmentbanken sind die ersten, die reagieren müssen», erzählt ein Bankmanager, der intern das Projekt «Blockchain» verantwortet.

Kein Interesse an Zensurresistenz

Von Interesse ist allerdings nicht Bitcoin als neuer Währung. Zu gering ist die Nachfrage bei den Kunden, zu gross noch immer das Reputationsrisiko, weil Bitcoin zensurresistent ist: Keine Behörde, keine Zentralbank, niemand kann verhindern, dass eine Transaktion zwischen zwei beliebigen Personen stattfindet. Diese Eigenschaft ist der ganze Coup von Bitcoin. Sie gibt dem elektronischen Geld wieder dieses fundamentale Merkmal von Bargeld zurück, das im digitalen Zahlungsverkehr verloren ging. Aber an dieser bahnbrechenden Eigenschaft sind die Banken gar nicht interessiert. Sie müssen ohnehin Vermögen jeder Art auf Antrag von Behörden blockieren können.

Vielversprechend ist dagegen die Technologie, die hinter Bitcoin steckt: Die Blockchain. Zunächst ist da die Transparenz dieser speziellen Datenbank. Jede Transaktion zwischen zwei Parteien ist grundsätzlich öffentlich und damit überprüfbar. Wie das im Detail aussieht, kann beim Designen von Blockchains festgelegt werden. Im Fall von Bitcoin sind zum Beispiel die beteiligten Parteien nicht direkt identifizierbar. Die Transaktionen finden nur zwischen so etwas Ähnlichem wie Nummernkonti statt.

Die Folgen der Transparenz sind weitreichend. So kann es keinen Streit mehr darüber geben, welche Zahlungen von welchen Konten wann wohin getätigt wurden. Die gültige Wahrheit liegt immer offen und sofort zutage. Auditoren müssen nicht mehr mühsam die Bücher überprüfen, und dann noch jene bei den Tochterfirmen und jene bei den Gegenparteien. Automatischer Abgleich würde zum Standard. Die Einsparnisse betrügen branchenweit Milliarden von Franken.

Risiko minimieren

Und das wäre erst der Anfang. Heute dauert es Tage, bis Transaktionen zwischen Banken finalisiert sind. Mit der Blockchain-Technologie dauert es noch Minuten, vielleicht dereinst auch nur noch Sekunden.«Das könnte das operationelle Risiko beträchtlich reduzieren», sagt ein Banker. Noch heute seien Buchhalter mit der Aufarbeitung des Lehmann-Debakels von 2008 beschäftigt.

Was sich UBS und auch CS wünschen, sind eine auf ihre Bedürfnisse zugeschnittene, branchenübergreifende Blockchain. Sie braucht nicht zensurresistent wie Bitcoin zu sein. Im Gegenteil. Der Regulator, die Zentralbanken, dürften eher grünes Licht geben, wenn alle Teilnehmer im neuen Transaktionssystem bekannt sind.

Doch bei den Top-Banken wie der UBS geht es längst nicht mehr nur um einfache Transaktionen. Finanzinstrumente wie Bonds, Optionen und Swaps lassen sich ohne Mühe programmieren und auf der Blockchain als vollautomatisiert ablaufende Verträge installieren. Dieser revolutionäre Schritt wurde möglich, weil Programme dank Kryptowährungen wie Bitcoin zum ersten Mal autonom und letztinstanzlich Werte übertragen können.

Milchkühe schlachten

Plötzlich braucht es keine Mittelsleute mehr, welche die Umsetzung von Finanzderivaten in die Wege leiten und kontrollieren. Auch hier locken ein gigantisches Einsparpotenzial und gleichzeitig neue Geschäftsfelder. Es scheint, als hätten die Banken erkannt, dass ihr bisheriges Geschäftsmodell nicht ewig hält.«Die Frage», so sagt ein Banker,«ist nur, wann ich die alten Milchkühe schlachte.«

Die Zukunft naht rasch. Die Banken wollen in rund zwei Jahren den Handel mit Fremdwährungen versuchsweise über Blockchains laufen lassen. Die Konkurrenz wartet nicht. In der Schweiz startet in diesen Tagen ein Startup-Projekt mit dem gleichen Ziel. Bereits nächstes Jahr will die Forex-Handelsplattform Lykke von Unternehmer Richard Olsen live gehen.

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