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Bits & Coins

Der bessere Bitcoin

Das Ethereum-Team um Vitalik Buterin (2.v.l.): Ihre Währung Ether boomt.   Fotolia
Seit Wochen boomt die Bitcoin-Alternative Ether. Was steckt eigentlich hinter der Währung von Ethereum?
von am

Bitcoin machte vor sieben Jahren den Anfang. Und lange Zeit sah es danach aus, als ob andere Krypto­währungen gegen den Primus keine Chance hätten. Bitcoin dominierte alles, und für Bitcoin-Fans war ausgemacht, dass die Sache bereits entschieden war: Bitcoin hatte die meisten Nutzer, die beste Infrastruktur, die grösste Medienpräsenz. Kurz: The winner takes it all.

Doch seit Anfang des Jahres stiehlt die Währung Ether plötzlich Bitcoin die Show. Ether ist die Währung des Weltcomputer-Projekts Ethereum (siehe unten). Sie legte an den Börsen in den wenigen Wochen um 1000 Prozent zu. Inzwischen beträgt die Marktkapitalisierung von Ether fast eine Milliarde Dollar.

RWE startet Ethereum-Projekt

Ethereum ist das Top-Thema in der Krypto-Branche. Wie Pilze schiessen organisierte Treffen von Interessierten – so­genannte Meetups – überall auf der Welt aus dem Boden. Neulich hat der deutsche Stromversorger RWE ein Ethereum-Projekt gestartet, um die Bezahlung von Strom zu vereinfachen. Die UBS, Microsoft und Samsung sind schon länger dabei. Der Grund für den Boom ist einfach: Ethereum kann mehr als Bitcoin. Bitcoin ist im Wesentlichen eine Währung. Das ganze Potenzial von Kryptowährungen knabbert Bitcoin allerdings höchstens ein wenig an. Das Versprechen von kryptographischen Währungen geht weiter: Erstmals können Computer, und damit Programme, Geräte und Maschinen, autonom mit Geld umgehen – ohne dass es einen Menschen dafür bräuchte.

Die Umsetzung dieses Versprechens treibt Ethereum zügig voran. Im Rahmen des Projekts wurde eine eigene Programmiersprache entwickelt und ein Netzwerk aufgebaut, das den Umgang mit Geld in der digitalen Welt erheblich erleichtert. Nächste Woche verlässt das Projekt das Betastadium. Wo das alles hinführt, ist völlig offen. Am Horizont erscheinen plötzlich autonome Organisationen, autonome Firmen im Netz, die nach programmiertem Muster – aber selbstständig – Dienstleistungen gegen Entgelt anbieten. Der 22-jährige Vitalik Buterin, Gründer und Vordenker von Ethereum, sagte vor zwei Jahren, als alles begann: «Wir haben heute noch keine Ahnung, was für Anwendungen mit dieser Technologie dereinst geschaffen werden.» Das Potenzial scheint immer noch nicht fassbar: Erst kürzlich hat er den Satz wiederholt.

Was ist Ethereum eigentlich?

Ethe­reum ist eine Software, die auf jedem Computer ausgeführt werden kann. Ethereum ist eine Art Betriebssystem, eine Plattform, auf der weitere Anwendungen laufen können. ­Allerdings würde Ethereum nichts bringen, wenn das Programm nur auf einem einzelnen Computer liefe. Ethereum muss mit anderen Computern weltweit ein Netzwerk bilden. Das ist heute der Fall. So haben ­bereits Tausende von Computern auf allen Kontinenten Ethereum installiert – private Laptops ebenso wie Server von Banken und Behörden. Diese Rechner tauschen ­automatisch ständig Daten miteinander aus, damit alle miteinander synchronisiert sind. Wenn jemand also in diesem Netzwerk eine Berechnung anstellt, ein Computerprogramm startet oder eine Digital­währung von einem Konto auf ein anderes verschiebt, dann machen alle Computer im Netzwerk unmittelbar das Gleiche. So sind alle Computer stets auf dem gleichen Stand. Deshalb spricht man vom Ethe­reum-Netzwerk auch als Weltcomputer.

Warum ist Ethereum revolutionär?

Ethereum ermöglicht sicheres vernetztes Computing, wie es bisher nicht existierte. Man kann sich nun darauf verlassen, dass ein einzelner Rechner in einem Neztwerk nicht betrügen kann. Wer ausschert und sich nicht an die Regeln hält, wird von den andern schlicht ignoriert. Das Geniale daran ist: Es gibt keine Zentrale, die das durchsetzen müsste. Man muss niemandem mehr vertrauen. Das System reguliert sich selber. Das ermöglicht völlig neue Beziehungen zwischen den Computern respektive den Menschen, die dahinterstehen. Zum Beispiel Geldüberweisen ohne eine Bank, die alles koordiniert und Betrug verhindert. Oder Wettenabschliessen ohne Wettbüro. Oder das ­automatische Freischalten von Autos, wenn die Leasing-Rate bezahlt wurde.
Alle Verträge, die sich in Computersprache beschreiben lassen, sind nun digitalisierbar. Etwa Finanzkontrakte in der Art von «wenn der Dollar um x steigt, dann bezahle y aus». Natürlich sind auch viel komplexere Abmachungen denkbar.

Warum interessieren sich Konzerne dafür?

Für Ethe­reum interessiert sich auch die Bankenwelt. Die benötigte Zeit, um Finanztransaktionen zu finalisieren, ist kürzer als im heutigen System. Das Gegenparteirisiko sinkt beträchtlich, da Kredite und Schulden schneller gegenei­nander aufgerechnet werden können. Aus diesen Gründen verspricht die Technologie unmittelbar am meisten im Interbanking-Bereich. 40 Banken, darunter die UBS und die CS, entwickeln eine neue Plattform, eventuell auf Ethereum-Basis. Micro­soft geht einen anderen Weg. Der US-Konzern will seinen Kunden ermöglichen, Ethereum auszuprobieren, und offeriert eine Cloud-Lösung. IBM forscht daran, mit Ethereum Geräte im Internet der Dinge anzusteuern.

Gibt es bereits Anwendungen?

Die erste grössere Anwendung von Ethereum wird in Kürze an den Start gehen. Es handelt sich um Augur, eine ­Wettplattform. Dort können die Benutzer Wetten auf den Ausgang eines Ereignisses abschliessen, zum Beispiel auf die US-Präsidentschaftswahlen. Dank den öffentlich einsehbaren Quoten für die Wetten liefert Augur Aussagen darüber, wie wahrscheinlich das Eintreffen eines Ereignisses in den Augen der Wettenden ist. Das Spezielle an Augur: Jeder kann Wetten über jedes beliebige Thema lancieren. Das gab es bisher noch nicht. In Vorbereitung ist eine zweite App: Slock.it. Mit ihr sollen Hoteltüren, ­Autos, Fahrräder etc. freigeschaltet werden, wenn dafür bezahlt wurde.

Wer steht hinter Ethereum?

Der 22-jährige Vitalik Buterin ist der Kopf des Projekts. Er wuchs in Kanada auf und studierte Computerwissenschaften. Nach einem Jahr allerdings brach er ab, um sich voll und ganz Bitcoin zu widmen, zunächst als Heraus­geber eines gedruckten Magazins. Im Herbst 2013 stand für ihn fest, dass Bitcoin zu limitiert war. Kurz darauf entwarf er das Konzept von Ethereum und machte sich mit Mitstreitern an die Umsetzung. 2014 ­erhielt er den ­renommierten Peter-Thiel-Preis in der Kategorie ­IT-Software, noch vor Facebook-Gründer Mark ­Zuckerberg.

Ist Ethereum eine ­Firma, eine Bewegung?

Auch in der Organisationsform beschreiten die Kryptowährungen neue Wege. Am Anfang von Ethereum stand Vitalik Buterin und einige ebenso überzeugte Mitstreiter aus verschiedenen Weltgegenden. Ein Crowdfunding 2014 brachte 15 Millionen Franken zusammen. Eine in Zug gegründete Stiftung verwaltet das Geld, mit dem die Entwicklung der Open-Source-Software bis heute finanziert wird. Auch einige Büros, etwa in Zug, Berlin und Amsterdam, konnten so gemietet werden. Phasenweise arbeiteten mehrere Dutzend Personen am Projekt. Hinzu kamen Hunderte Programmierer weltweit, die mitdachten und Feedback gaben. Inzwischen arbeiten viele Programmierer der Kerntruppe nicht mehr nur für das Non-Profit-Projekt Ethereum, sondern auch für Firmen, die nun mit neuen Ethereum-Apps Geld verdienen wollen.