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Freie Sicht

Der britische Blickwinkel

Bilaterale als Minimallösung: Europa durch die britische Brille. Keystone
«Die bilateralen Verträge entwickeln sich nicht weiter», schreibt eine Beobachterpartei über die Schweiz.
von am

Minus 4 bis minus 10 Prozent: So viel Wirtschaftsleistung würden die Briten über die nächsten 15 Jahre verlieren, sollte das Volk am 23. Juni für den Austritt aus der EU stimmen. Dies schätzt das Schatzamt ihrer Majestät in einer kürzlich publizierten Studie zu den ökonomischen Auswirkungen des Brexit.

Das Papier ist auch aus Schweizer Sicht interessant. Nicht weniger als 60 Mal nimmt das Finanzministerium im 200 Seiten langen Dokument auf unser Land Bezug, das mit der Europäischen Union einen speziellen Deal ausgehandelt hat: Ein Bündel von bilateralen Verträgen, eine Zwischenstufe der Integration in die kontinentale Wirtschaft.

Wie schneidet die Schweizer Alternative aus der Sicht des Königreichs ab? Etwas schlechter als die EWR-Mitgliedschaft, aber besser als der nur auf WTO-Regeln basierende Handel. Die Schweiz hätte eine «umfangreiche bilaterale Beziehung» zu Europa, anerkennen die Autoren, die mangels fixer Anhaltspunkte nach einem allfälligen Brexit diverse Szenarien diskutieren. Für das Szenario «Schweiz» geht die Studie von einem zwischen 4 und 6 Prozent reduzierten BIP und einer Einkommenseinbusse von jährlich 1100 bis 1800 Pfund aus.

Das Schweizer Modell bringe Nachteile, schreiben die Verfasser. Dazu werden die «administrativen Zusatzkosten» für Exportfirmen ausserhalb der EU, der nicht vorhandene «Einfluss auf die Weiterentwicklung des Binnenmarkts» und der «limitierte garantierte Marktzugang für professionelle Dienstleistungen» gezählt. Die geschmälerten Chancen von Schweizer Banken in der EU haben laut den Autoren zu Verlagerungen geführt: Vom Finanzplatz Schweiz in Richtung City of London. «Die bilateralen Verträge entwickeln sich nicht weiter», heisst es im Text. Jedes Mal, wenn sich der Binnenmarkt auf neue Sektoren ausdehnt, müsse die Schweiz ihren Zugang wieder von Neuem verhandeln.

Die britische Analyse muss zu denken geben. Die bilateralen Verträge, deren Nutzen hierzulande in Zweifel gezogen wird, gelten in Britannien höchstens als drittbeste Option. Selbst für die Brexit-Befürworter stellt der bilaterale Weg das Minimalarrangement dar, das man mit der EU anstreben soll. Dagegen wagt es in der Schweiz mit der SP gerade einmal eine einzige Partei, nur schon über diesen Minimalstandard hinauszudenken.Offensichtlich hat man in der Schweiz noch nicht überall verstanden, was fürs britische Schatzamt offensichtlich ist: Dass der grösste Nachteil des bilateralen Weges in den Opportunitätskosten der entgangenen Möglichkeiten liegt.

Dass es schwierig ist, diese Kosten präzis zu berechnen, liegt auf der Hand. Laut dem Seco entspricht der Wegfall der ­Bilateralen einem BIP-Verlust von 1,5 bis 3,9 Prozent pro Kopf. Doch die Stellen hinter dem Komma sind am Ende nicht so relevant. Wichtiger ist die Frage, auf welcher Basis sich das Land in Zukunft entwickeln kann: In einem statischen Sondersetting oder als Mitglied eines sich wandelnden Wirtschaftsraums.

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