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Bits & Coins

Die Gefahren des Super-Fonds ohne Manager

Projekt Ethereum: Plattform für autonome Programme.   consensys
160 Millionen Dollar stecken Anleger in ein computerbasiertes Anlagevehikel. Das gab es noch nie.
von am

Die Computerfreaks prophezeiten es schon lange: Programmcodes durchdringen sukzessive jeden Bereich unseres Alltags. «Software is eating the world», heisst das im Fachjargon. Nun hat es wieder einen Bereich erwischt: Diesmal ist es die Welt der Fonds. Seit zwei Wochen können Anleger in einen Fonds investieren, der ohne Chefs, ohne Portfolio-Manager, ohne Angestellte auskommt. Der Fonds ist im Wesentlichen ein nicht zu stoppendes Programm mit Namen «The DAO».

Bereits ist klar: Das neuartige Vehikel ist ein Kassenschlager. 160 Millionen Dollar in Form der neuen digitalen Währung Ether haben Anleger bereits in den Fonds eingezahlt. Schon sprechen Beteiligte von einer Umwälzung der Kapitalmarktstrukturen, von einer Zeitenwende. Mit einem derartigen Erfolg hat niemand gerechnet.

Sorgen wegen Autonomie

Doch mitten in der Euphorie um den «Aufbruch in der Finanzbranche» beginnen erste Computerspezialisten, laut über die dunklen Seiten der Entwicklung nachzudenken. Zu ihnen gehört Vlad Zamfir, Entwickler bei der Software-Plattform Ethereum, welche für das Funktionieren von «The DAO» entscheidend ist. «Je mehr Fortschritte ich mache, desto mehr bekomme ich es mit der Angst zu tun», sagte er eben dem Magazin «IEEE Spectrum».

«The DAO» – der neue Fonds – ist ein Programm, das nur dank der Technologie möglich wurde, die hinter der Digitalwährung Bitcoin steckt. Diese erlaubt es, Dinge von Wert (wie Geld) über das Internet zu übertragen, ohne dass es zu Betrug und zu Kopien dieser Dinge kommen kann. Bitcoin war der Anfang. Dann generalisierte Ethereum diese sogenannte Blockchain-Technologie, so dass nun nicht nur Transaktionen, sondern ganze Programme unveränderbar, unlöschbar und unzensierbar im Netz zugänglich sind und dort quasi unabhängig existieren.

Häme aus der Finanzbranche

Das Revolutionäre daran: Dank der Blockchain-Technologie können Computerprogramme erstmals völlig autonom mit Geld umgehen. Im Falle des Fonds geschieht dies allerdings noch entlang von Vorgaben der Anleger, welche mittels Abstimmung die Verwendung der Fondsgelder festlegen. Noch ist die Autonomie damit ziemlich rudimentär. Kritiker vor allem aus der Finanzbranche spotteten letzte Woche denn auch über die ihrer Meinung nach überrissene Bezeichnung «DAO», welche für  «Dezentrale Autonome Organisation» steht.

Doch die Autonomie wird zunehmen. «The DAO» ist Anfang, nicht Ende der Entwicklung. Die Umwälzungen für die Gesellschaft dürften bedeutender sein und die Risiken schwerer abzuschätzen, als manchen lieb sein wird. Was an Programmen einmal auf diese Datenbank namens Blockchain hochgeladen ist, ist von diesem Moment an allen Menschen und auch allen Computern unumkehrbar zugänglich. Bereits entwickeln Blockchain-Experten neue Identitätssysteme, neue soziale Netzwerke, neue Währungen. Alles unzensierbar, alles ohne Verfalldatum, alles ohne staatlichen Segen und ohne Sanktionsmöglichkeiten durch die Gesellschaft. Code hochladen kann jeder. Wer will, bleibt anonym.

Schluss mit Konsumentenschutz

Das wird Kräfte freisetzen. Wohl meistens hin zum Guten. Aber vielleicht nicht immer. Die soziale Kontrolle wird schwieriger, Hasspredigten sind nicht verhinderbar, ebensowenig autonome Applikationen, die unstoppbar beispielsweise gehackte private Daten von Nutzern veröffentlichen. Vlad Zamir von Ethereum sagt: «Mit autonomer Software wird es für die Gesellschaft viel schwieriger, solche Dinge zu stoppen oder zu regulieren.» Gefahr droht allerdings auch von Behörden selber, welche die autonomen Programme in Zukunft nutzen dürften, weil sie effizient, günstig und unbestechlich sind, zum Beispiel für Landregistrierungen. Kehrseite könnte aber gerade die Beharrlichkeit von Programmcode sein: Sie verunmöglicht  rasches Reagieren in nicht vorhersehbaren Situationen.

Friktionslos geht es ohnehin nicht. Der Konsumentenschutz, wie wir ihn kennen, greift nicht mehr. Autonome Programme wie «The DAO» sind nicht an eine Jurisdiktion gebunden. Es gibt keine registrierte  Firma, und es ist auch nicht bekannt, wer das Programm letztlich auf die Blockchain hochgeladen hat. Wer also soll belangt werden? Börsenaufsichtsbehörden wie die amerikanische SEC dürften Vehikel wie «The DAO» als bewilligungspflichtig taxieren. Nur, wer ist verantwortlich für «The DAO»? Alle Anleger zusammen als partnerschaftlich Haftende?

Natürlich werden mit der Zeit bekannte Strukturen der bisherigen Welt repliziert. Es wird Auditoren geben, die den Programmcode überprüfen und mit einem Gütesiegel versehen. Es werden Versicherungen für unliebsame Folgen auf den Markt kommen. Und es werden Produkte entstehen, die eine Registrierung verlangen, so wie heute inzwischen fast überall üblich ist.

Trotz aller Risiken hat autonome Software alle Chancen, sich durchzusetzen. Der Grund ist einfach: Sie ist effizient. Noch ist die Zeichnungsfrist für «The DAO» nicht abgeschlossen. Unter den Entwicklern werden bereits Vorschläge herumgereicht, wie der Programmcode für die Version 2.0 erweitert werden soll.