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Freie Sicht

Deutsch für Dummies

Ökonomie ist angelsächsisches Territorium: Auditorium der Universität St. Gallen. Keystone
Die deutsche Ökonomik leidet an vielem - unter anderem auch an ihrer Sprache. Beispiel gefällig?
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Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Und ein englisches Wort sagt mehr als tausend deutsche Wörter. Zum Beispiel: «Borrower». Finden Sie mal eine passende Übersetzung dafür. Kreditnehmer? Schuldner? Borger? Ist alles irgendwie spröde, ungebräuchlich oder falsch konnotiert. Kein deutsches Wort bringt die Tatsache so griffig zum Ausdruck, dass es in einer Volkswirtschaft neben den Sparern auch Leute braucht, die Geld ausleihen und ausgeben. Borger – eben.

Die deutsche Ökonomik leidet an einer Sprachbehinderung. Sie bietet keine passenden Äquivalente für Begriffe wie «corporate governance». Übersetzungen wie «gute Unternehmensführung» sind oft missverständlich. Sie rücken statt die Strukturen und Prozesse der Unter­nehmensorganisation vielmehr die ­Führungspersonen und deren Handeln in den Fokus. Was einer fatalen Bedeutungsverschiebung gleichkommt.

Angelsächsischer Wirtschaftssprech ist unglaublich knackig. Beispiele gefällig? «Leverage» – die «Hebelung», also das Verhältnis von Bilanzsumme und Eigenkapital, der Verschuldungsgrad einer Firma. «Bail-out» – die Rettungsaktion für einen angeschlagenen Konzern oder Staat, das Auskaufen aus den Schulden. «Bail-in» – die Beteilung der Gläubiger an der Rettung. «Spillover» – das «Überschwappen» einer Entwicklung auf ein benachbartes Gebiet, also etwa die ­Ansteckung der grossen Euro-Zone durch Probleme im kleinen Griechenland. Und schliesslich: «Banking» – die Tätigkeit der Banken, nicht selten als ­Gesamtheit betrachtet. Ökonomisch schliesst das englische Wort wahnsinnig viel mit ein: Die Multiplizierung von Kapital in Form von Krediten, das Schaffen von Geld aus dem Nichts. Dagegen mutet deutscher Jargon vielfach trocken an.

Deutschsprachige Ökonomen tauchen in Rankings selten an der Spitze auf. Die Sprache könnte ein Grund dafür sein. Kein Idiom erlaubt einen derart spiele­rischen Umgang mit Verben, Substan­tiven und Adjektiven wie das Englisch. «I am shorting this stock», sagt der Börsenhändler, wenn er auf sinkende Kurse wettet. Mangels Alternativen wurde der Ausdruck ins Deutsche übernommen. Eine Aktie «shorten» kann man auch in germanischen Finanzkreisen – «kürzen» kann man sie nicht. Dass Englisch die Lingua franca der Finanzwelt ist, hilft deutschen Wirtschaftlern nur bedingt.

Man muss auf der Hut sein. Sprache ­beeinflusst auch das Denken. «The economy» und «die Wirtschaft» sind nicht wirklich dasselbe. Das englische Wort ist makroökonomisch konnotiert; es geht um die Summe von Konsum, Investi­tionen, Staatsausgaben. Anders wird «die Wirtschaft» gerne mit «den Unternehmen» gleichgesetzt. Was aber eine mikroökonomische Perspektive impliziert und vergessen lässt, dass wirtschaftliche Tätigkeiten auch in anderen Kontexten erbracht werden: In der Familie oder über Freiwilligenarbeit. Konsequent müsste man eigentlich stets von der «Volkswirtschaft» sprechen – was aber wegen der Sperrigkeit des deutschen Ausdrucks oft nicht gemacht wird.

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