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Freie Sicht

Suffizienter Unsinn

Überall nur Abfall: Recyclingzentrum Hagenholz in Zürich.Keystone
Suffizienz generiere «Glücksgefühle», sagt die Forschung. Ein dubioser Befund.
von am

Ohne mir das Leben schwerer zu machen, erhöhe ich in der Regel mit dem vom Bund im Oktober verteilten «Extrablatt für Hausbesitzerinnen und Hausbesitzer» ­kurzerhand den vom Bund ansonsten bekämpften Abfallberg. Der energiepoli­tische Hirtenbrief wiegt 170 Gramm und erscheint in 1 200 000 Exemplaren, das ergibt eine amtlich produzierte Kehrichtmenge von 204 vierfarbig bedruckten Tonnen. Wenn es der Umwelt dient, darf die Welt beliebig belastet werden.

Heuer blätterte ich die 48 Seiten vor der Entsorgung doch durch. Schliesslich habe ich das grossformatige Werk via Steuern schon mehrfach bezahlt. Dass darin Journalisten gut bezahlte Werbetexte für die Verwaltung schreiben, war keine neue Erkenntnis. Hingegen förderte die kursorische Lektüre einen Begriff zutage, der sich im aktiven Politvoka­bular noch nicht ganz etabliert hat, aber bald zur schärfsten Waffe der Ökologen werden soll. Das Zauberwort der Zukunft heisst «Suffizienz», was mit «Hinlänglichkeit» oder «ausreichender Leistungsfähigkeit» übersetzt werden kann, so aber noch nicht viel erklärt. Was also meint die Bundesstelle EnergieSchweiz (jährliches Budget: 50 Millionen Franken), wenn sie ankündigt, dass sie «suffizienten Lebensmodellen auf breiter Ebene zum Durchbruch» verhelfen will?
 
Die Übersetzung ins Konkrete ist in der jüngeren grünen Literatur zu finden. Suffizienz bedeutet danach Verzicht, ein minimalster, zum (Über-)Leben gerade noch ausreichender Verbrauch von Nahrung und Energie, also Askese und die Abtötung von Konsumwünschen. Vegetieren statt Auto, Ferien in der Ferne und Fleischverzehr. Da die ersten beiden Etappen der ökologischen Zwänge – Effizienzvorschriften und Konsistenz (Recycling) – nicht genügten, um die Menschheit zu retten, sei nun die dritte Stufe der Nachhaltigkeitsstrategie zu zünden – die Umerziehung zum suffizienten Leben.

Die Gehirnwäsche wird an Hochschulen mit Steuergeld bereits vorbereitet, zum Beispiel im Centre for Development and Environment (CDE) der Universität Bern, das 103 Personen beschäftigt und beispielweise der Frage nachgeht: «Wie kann ein suffizienter Lebensstil in der breiten Bevölkerung verankert werden?» Als Speerspitze präsentiert es die propagandistisch verwertbare Antwort, dass ein suffizientes Dasein glücklicher mache. Die wissenschaftliche Herleitung dieses Befunds, der unter dem Titel «Weniger ist mehr» auf der Website von EnergieSchweiz verbreitet wird, ging so: Gesucht wurden Deutschschweizer, die suffizient leben und «angeben, mit ihrem Leben zufrieden bis sehr zufrieden zu sein»; von den 25 Gefundenen wurden 16 ganz Überzeugte interviewt; aus den Bekenntnissen dieser Gläubigen wurde der Zirkelschluss gezogen, Suffizienz generiere «Glücksgefühle». So viel zum aktuellen Niveau steuerfinanzierter Forschung. Schlimmer noch: Der universitäre Unsinn ist die suffiziente ­(ausreichende) Basis für die offizielle Zwangspolitik der dritten Öko-Stufe.

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