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Freie Sicht

Wer lebt hier in einer Blase?

Blick durch die Seifenblase: Knabe in den Vereinigten Staaten.Keystone
Medien haben den Draht zum Volk verloren? Unsinn. Zeit für eine Klarstellung nach der Trump-Wahl.
von am

Die Medien hätten versagt, sagen manche nach Donald Trumps Wahlsieg. Journalisten lebten in einer Blase. Ohne Verständnis für die Ängste des Volkes. Dann zählen wir doch einmal, wie viele Artikel in den letzten vier Jahren das Wort «Ungleichheit» enthielten: Es waren genau 7084. Zu «Immigration» finden sich im hiesigen Medienarchiv sogar 26 498 Einträge. Wo bitte schön ist da die Blase?

Sorry, aber ich kann diese Kritik nicht nachvollziehen. Über die Schattenseiten der Globalisierung wurden zig Berichte geschrieben. Die wahren und schein­baren Probleme der Zuwanderung wurden im Komparativ und im Superlativ durchdekliniert. Wenn gewisse Leute diese Texte nicht zur Kenntnis nehmen, ist das nicht die Schuld der Journalisten.

Es ist auch nicht die Schuld der Medien, wenn sich Politiker als Rassisten gebärden. Wie bitte? Man soll einen Mann wie Trump nicht pauschal verurteilen, nur weil er Mexikaner als Vergewaltiger ­abkanzelt und sich nicht vom Ku-Klux-Klan abgrenzt? Okay. Die Frage ist dann, was eine öffentliche Person noch alles bieten muss. Muss sie erst mit eigenen Händen einen Schwarzen abknallen? Ein Flüchtlingsheim anzünden?

Viele reden sich auch immer noch ein, mit dem neuen US-Präsidenten werde alles halb so schlimm. Der Typ werde sich im Amt mässigen. Schon gelesen, wen Trump zu seinem Chefstrategen ernannt hat? Steve Bannon, White-Supremacy-Ideologe, Ex-Chef des ultrarechten Portals «Breitbart». So, so – Mässigung. Trump habe viele seiner Aussagen nicht so gemeint, heisst es dann. Aber was soll das heissen? Dürfen die Medien nicht mehr auf das Wort eines Politikers zählen? Sollen wir bloss dastehen und schmunzeln, wenn einer sein Publikum mit den Worten anfeuert: «Build that wall! Build that wall!» Oder vielleicht doch ernsthaft darüber berichten?

Glaubt mir, ihr Kritiker werdet noch froh sein, dass Journalisten Politiker gerne beim Wort nehmen. Und sie Rassisten, Demagogen oder Populisten nennen, wenn sie Rassisten, Demagogen oder Populisten sind. Spätestens dann, wenn ihr merkt, wie Trump viele von euch hinters Licht geführt hat. Ein Mann des einfachen Volkes? Ein Rächer der Vergessenen, der Unterdrückten und der «Bedauernswerten»? Ha!

Trump ist ein Reaktionär der klassischen Schule. Ein Scharfmacher für eine Schicht von Privilegierten, die ihre Pfründe verteidigen wollen. Er verlangt Steuersenkungen für Ultrareiche. Erleichterungen für die Ölindustrie. Schutzzölle für Firmen, die sich dem Wettbewerb nicht stellen wollen. Trump steht für Rückständigkeit, nicht für die Ermächtigung der Ohnmächtigen.

Ihr macht euch weiterhin etwas anderes vor? Dann bleibt nur ein Ratschlag, liebe Kritiker: Brecht aus eurer eigenen Blase aus, in die ihr euch begeben habt. Wir Medien werden weiterhin mit wachen Augen über das schreiben, was ist.

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