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Freie Sicht

Barmixer mit Matur

Drinks mixen geht auch ohne höheren Bildungsabschluss: Bartender-Schweizermeisterschaften.Keystone
Jeder sechste Erwachsene hat eine Schreib- und Leseschwäche. Warum brauchen wir eine Matur für alle?
von am

Wer sich durch die jüngsten bildungspolitischen Beiträge gehört und gelesen hat und darin einen Sinn sucht, hat es schwer. So berichtete das Schweizer Radio, 10 Prozent der Erwachsenen in der Schweiz, also 800 000 Menschen, könnten kaum lesen und schreiben, obwohl sie die hiesigen Schulen absolviert haben.

Was das «Illettrismus» genannte Phänomen konkret bedeutet, erläuterte der Präsident einer Institution, welche ­diesen Teilanalphabeten in Kursen spät nachzuhelfen versucht: «Man muss es klar sagen, das Niveau dieser Leute entspricht dem von Primarschülern, ­genauer von schlechten Primarschülern.»

Das Bundesamt für Statistik stützt den dramatischen Befund mit noch düstereren Zahlen. Jeder sechste Erwachsene habe hier eine erhebliche Schreib- und Leseschwäche. Das sind sogar rund 1,3 Millionen Einwohner, die trotz Schule nicht in der Lage sind, ein Dokument zu verstehen und eine ein­fache E-Mail zu verfassen. Zur selben Zeit forderte im «Tages-Anzeiger» ein leicht abgehobener Gymnasiallehrer, der sich als «Bildungsexperte» etikettiert, die «Matura für alle», mithin auch für die 16 Prozent Halbanalphabeten. Wollte die Literatur auslegende Lehrkraft nur sich und der Zunft geruhsame Jobs sichern, wäre ihr Postulat nicht ernstzunehmen.

Tat­sächlich aber bringt sie Trends zum ­Ausdruck, die auch die Schweiz erfasst ­haben: Die Lehrer verweigern sich zunehmend einer ihrer Kernaufgaben, der Selektion der Schüler in schlechte, gute und sehr begabte. Und um ihr Versagen zu rechtfertigen, flüchten die gutmenschlichen Pädagogen sich in die Ideologie, mit der Zulassung aller zur Matur erwiesen sie den Bankdrückern und der Gesellschaft einen ­Gefallen. Das im UNO-Menschenrechts-Pakt ­erwähnte Recht auf Bildung ­bedeutet für sie «Recht aller auf höhere Bildung».

Schliesslich wird in dieser Verblendung die Breitband-Akademisierung als «Fortschritt» beklatscht, auch von der OECD, die von der Schweiz ähnlich hohe Maturanden-Quoten fordert wie in anderen Staaten. In Spanien werden 85, in Frankreich 80, in Italien gut 70 Prozent der Schüler mit einem Maturitätszeugnis belohnt.

Der Wettbewerbs­fähigkeit dieser Länder hat die teure Gleichmacherei gar nichts gebracht, im Gegenteil. Dennoch bewegt die Schweiz sich auf diesem Irrweg. Die Quote, lange Zeit stabil bei knapp 20 Prozent, steigt; im Tessin, in der Westschweiz und in der Region Basel hat sie die 30-Prozent-­Marke überschritten. Dafür fallen zum Beispiel an der ETH Lausanne bereits 60 Prozent aller Studienanfänger bei der ersten Prüfung durch. Die Masse der Überforderten wandert dann in ­anspruchslosere Studiengänge ein wie Literatur, Gender Studies oder Jus.

Dazu seufzte in der NZZ der Berner Rechtsprofessor Martino Mona: 40 Prozent seiner Studenten seien «Tubeli», die gescheiter «eine Bar aufmachen würden oder sonst was tun, als Jus zu studieren». Maturaprüfungsfrage: Wie viele wären es bei einer «Matura für alle»?

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