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Bits & Coins

Blockchain: Der Kampf um die nächste App-Plattform

Komplett vernetzt: Neue Betriebssysteme sollen helfen.   istockphoto Quelle: Keystone
Die neuen App-Plattformen Ethereum und Hyperledger buhlen um die Gunst der Konzerne – auch in der Schweiz.
von am

«Fear of missing out» heisst das Phänomen in der Börsenwelt, das die Furcht der ­Menschen beschreibt, den nächsten Trend zu verpassen. Diese Grundstimmung herrscht zurzeit in den Innovationsabteilungen bei Schweizer Konzernen, sobald es um das Thema Blockchain mit ihrer neuen Datenbanktechnologie geht: Mehr Effizienz beim Verarbeiten von Transaktionen – das wollen alle. Swisscom, UBS, SIX und Swiss Re: Fast monatlich werden Allianzen geschmiedet und Prototypen für Finanzanwendungen beworben. Der Wettbewerb intensiviert sich, vor allem zwischen den Technologien, die zur Auswahl stehen.

Und der Ton ist härter geworden. An Konferenzen und Präsentationen wird inzwischen auch mal über die Konkurrenz hergezogen. «Bei aller Euphorie herrscht auch ein grosses Mass an Nervosität», sagt Oliver Bussmann, heute Berater und früher Innovationschef bei der UBS. «Niemand weiss, wer und was sich am Schluss durchsetzen wird.» Es sei wie zu Beginn des Internetzeitalters. Und viel stehe auf dem Spiel, letztlich gehe es dereinst um einen Milliardenmarkt.

Mehr Effizienz

Woran die Ingenieure basteln, ist eine Erweiterung des heutigen Internets. Internet of Value wird es genannt, oder Internet of Agreements. Immer geht es darum, dass zwei Parteien einander etwas von Wert oder ein Recht digital übertragen oder miteinander auf einfache Weise in ein Vertragsverhältnis treten können. Der Clou an der Sache: Die beteiligten Parteien können sich sicher sein, dass alle Akteure stets über die genau gleichen Daten verfügen. Mühsames Nachprüfen (Audit) entfällt, Abgleichen (Reconciliation) wird überflüssig, die Kosten sinken und neue Geschäftsmodelle entstehen, zum Beispiel für das Internet der Dinge. So lautet das Versprechen der Blockchain-Technologie.

Das Problem ist: Es hat sich noch kein Standard herausgebildet. Es ist wie beim Aufkommen der Videokassetten: VHS oder Betamax? Jeder tüftelt, alle hoffen, auf das richtige Pferd zu setzen. Der Finanzdienstleister SIX etwa baut eine ­eigene Blockchain, um mit Xchain eine verlässlichere Plattform für Informa­tionen zu Kapitalmassnahmen von ­Firmen anzubieten. Die Grossbanken wiederum sind Teil des internationalen Konsortiums R3, welches ein eigenes Protokoll für den Interbankenverkehr entwickelt. «Irgendwann wird es eine Konsolidierung geben», sagt Bussmann.

Sehr gute Karten haben die beiden grössten Projekte Hyperledger und Ethereum, welche sich in grundsätzlichen Dingen unterscheiden. Hyperledger zielt auf die Verwendung im regulierten ­Umfeld von Firmen ab, wo Behörden und Regulatoren immer wissen wollen, wer mit wem Transaktionen durchführt. Entsprechend sind Identitäts- und Com­pliance-Aspekte bei Hyperledger eingebaut und es gibt spezifische Institutionen, die alle Transaktionen gutheissen. Im Kern ist Hyperledger keine Blockchain mehr, sondern nutzt nur spezi­fische Komponenten dieses Konzepts, das der Internetwährung Bitcoin zugrunde liegt.

Ethereum dagegen ist konzipiert als öffentliche Blockchain, die allen zensurfrei offensteht. Wenn man mehr Regula­tion will, kann man das allerdings ändern. «Die Unternehmen stehen vor der gleichen Frage wie bei den heutigen Betriebssystemen: Mache ich eine App auf Android oder auf iOs?», sagt Bussmann.

Der Kampf um die Talente

Der Zweikampf zeigt sich bei der Prototypenentwicklung in der Schweiz. Swisscom, die ZKB und SIX entwerfen gerade eine Handelsplattform für nicht-börsengehandelte Werte in der Schweiz. In einer ersten Phase setzten sie auf Ethereum, nun prüfen sie die Möglichkeiten von Hyperledger. Swiss Re entwickelt zusammen mit anderen Versicherern ein erstes Produkt auf Hyperledger, das Schadensansprüche nach Naturkatastrophen automatisch abrechnen soll. «Es war lange ein enges Rennen zwischen Ethereum und Hyperledger», sagt Paul Meeusen, Leiter des Projekts B3i bei Swiss Re.

Hinter Hyperledger stehen die Linux-Stiftung und Technologiekonzerne wie IBM und Microsoft. Vor allem IBM investiert kräftig. Eindeutig hat dieses Projekt zuletzt an Bedeutung gewonnen. Ethereum kann dagegen bereits auf weit über 10 000 Entwickler zählen, die Apps bauen. Den Pool an Talenten erachten Experten als das grösste Plus im Wettstreit. Seit einigen Monaten existiert zudem die Enterprise Ethereum Alliance, ein Verband, in dem zahlreiche Fortune-500-Firmen und auch die UBS und die Credit Suisse Mitglied sind. Sie ­prüfen, wie Ethereum die spezifischen Bedürfnisse der Firmenwelt besser ­abdecken könnte.

 

Schweizer Unternehmen und ihre Blockchain-Projekte

Swisscom

Der Telecom- und IT-Dienstleister ist Teil des Schweizer Konsortiums OTC Swiss Blockchain, zusammen mit der SIX Group, der ZKB, dem Berater ti&m, InCore Bank, Inventx und dem IFZ. Die Gruppe baut eine neue Transaktionsplattform für den Handel von ausserbörslichen Wertpapieren von Firmen. Technologie: Hyperledger, Ethereum.

Swiss Re

Der Rückversicherer ist Teil des interna­tionalen Konsortiums B3i. Bis Juli soll ein erstes Produkt für Schadensabwicklung testweise bereit sein. Der Konzern verspricht sich mehr Effizienz beim Betriebskapital. Nach Gesprächen mit dem Bankenkonsor­tium R3 entschied man sich gegen dessen Technologie und setzt nun auf Hyperledger.

UBS

Die Grossbank ist international überall dabei. Sie gehört zu den Gründungsmitgliedern der Enterprise Ethereum Alliance wie auch des Konsortiums R3 und unterstützt auch Hyperledger. Mit anderen Banken entwickelt die UBS zudem den Settlement Coin, mit dem Transaktionen zwischen den Banken schneller finalisiert werden können.

SIX Group

Der Finanzdienstleister hat zusammen mit Digital Asset von Ex-Starbankerin ­Blythe Masters einen Prototypen gebaut, um Staatsanleihen ausgeben und handeln zu können. Auf einer eigenen Blockchain läuft das Projekt Xchain. SIX ist bei OTC Swiss Blockchain dabei und prüft zudem Lösungen für strukturierte Produkte.

Zürcher Kantonalbank

Die grösste Kantonalbank unterstützt die gesamtschweizerischen Bemühungen zur Blockchain-Forschung. Sie tut dies im Rahmen des geplanten Innovationsparks in Dübendorf, wo auch ein Blockchain-Hub vorgesehen ist. Auf der konkreten Projektebene ist die ZKB als Mitglied der OTC Swiss Blockchain aktiv.

Credit Suisse

Die zweite Grossbank der Schweiz ist ähnlich wie die UBS bei allen internationalen Konsortien dabei. Dazu gehören R3, Enterprise Ethereum Alliance und Hyperledger. Zudem arbeitet die Bank zusammen mit dem Startup Ipreo an einem Projekt für Konsortialkredite und nutzt dabei Blockchain-Technologie von Symbiont.

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