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Bits & Coins

Der Brexit und die Bitcoin-Propaganda

Bitcoin braucht keine Propaganda. Keystone
Bitcoin-Anhäger sprechen bereits von «sicherem Hafen». Etwas verfrüht.
von am

Inzwischen ist es in der Bitcoin-Welt zur Mode geworden, politische und makroökonomische Verwerfungen irgendwie in Verbindung mit der Kryptowährung zu bringen. Das Schaffen von Zusammenhängen kommt nicht von ungefähr: Es verschafft Legitimität. So mancher Bitcoin-Anhänger möchte dank Übernahme der Finanzmarkt-Terminologie endlich ins Konzert der Grossen aufgenommen werden.

Aktuellstes Beispiel ist der Brexit. Da preisen Analysten und Risiko-Kapitalisten Bitcoin allen Ernstes als «safe haven» an, als sicherer Hafen zum Schutz vor den Verwerfungen an den Finanzmärkten. Natürlich weist Bitcoin Eigenschaften ähnlich eines begrenzt förderbaren Rohstoffes auf und wird deshalb zu Recht manchmal auch als «digitales Gold» bezeichnet.

Mit jeder Woche resistenter

Aber die noch junge Währung ist mit Sicherheit noch nicht geeignet für jene, die das Risiko scheuen und kurzfristig einen sicheren Hafen suchen. Bitcoins sind derzeit eine hochspekulative Anlage mit 20-Prozent-Swings innerhalb von Tagen. Nichts für schwache Nerven. Und so ganz solide wie Goldklumpen sind Bitcoins auch noch nicht. Fortlaufend wird das Protokoll der Währung verbessert. Letzte Woche etwa schraubten die Chefentwickler die nötige Spitzen-Bandbreite des Netzwerks herunter. Das macht Bitcoin resistenter. Es sind kleine Schritte in Richtung «sicherer Hafen».

Aber Bitcoin-Propagandisten kümmern solche Details nicht. Hauptsache, man kann die aus der Finanzwelt gebräuchlichen Deutungsmuster anwenden. So zum Beispiel letzte Woche, als mit dem Brexit der Bitcoin-Kurs kurze Zeit deutlich stieg. Natürlich charakterisierten Bitcoin-Kommentatoren die ganze Sache als «Flucht» aus der absackenden britischen Währung hinein in die «Alternative» Bitcoin. Doch die verfügbaren Volumina-Daten von westlichen Bitcoin-Börsen konnten eine breit einsetzende Flucht nicht belegen. Als Bitcoin all die Kursgewinne in den letzten zwei Tagen entgegen der Erwartungen wieder abgab, verstummten die Propagandisten.

Bescheidene Kapazitäten

Allerdings nur für kurze Zeit. Zwei ehemalige JPMorgan-Banker, die nun einen Bitcoin-Fonds vertreiben, verkünden bereits wieder, der Kollaps des Euro werde Bitcoins Wachstum boosten. Silicon-Valley-Vordenker Balaji Srinivasan  ist einer der gescheiteren und visionären Köpfe in der Branche, aber auch er greift aktuell zu ultimativen Werbesprüchen: Bitcoin werde Beihilfe zum Tod des Euro leisten, erklärt er.

Natürlich weiss es Srinivasan besser: Bitcoin steht auch technologisch erst am Anfang. Als Anlageklasse mag Bitcoin bereits gut funktionieren. Als Zahlungsmittel und Euro-Ersatz allerdings noch kaum, weil das Netzwerk noch schlicht nicht die Kapazität hat, hunderte oder tausende Zahlungen pro Sekunde abzuwickeln – und gleichzeitig zensurresistent zu bleiben.

Das Versprechen

Bitcoin braucht Zeit. Fast wöchentlich liefern die Programmierer und Entwickler Verbesserungen der Software ab. Die Sicherheitstests sind akribisch, alles ist aufwendig. Zu Recht: Immerhin stehen bereits über 10 Milliarden Dollar auf dem Spiel.

Was viele Bitcoin-Anhänger verkennen: Kryptowährungen brauchen keine Propaganda. Sie müssen nur sicher sein, reibungslos funktionieren und einhalten, was sie versprechen. Dann werden sie auch gesucht sein.

Und sonst braucht es sie nicht.