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Freie Sicht

Nur ein Kulturwandel verhilft Frauen zu fairen Löhnen

Aufstiegschancen: Frauen verdienen im Schnitt immer noch deutlich weniger als Männer. Keystone
Der Bundesrat will die Lohndiskriminierung von Frauen bekämpfen. Doch seine Methode greift zu kurz.
von am

Haben Sie auf Social Media schon mal aus Versehen einen Newsbeitrag über Lohngleichheit geteilt? Dann kennen Sie wahrscheinlich die Likes und Herzchen, die dann im Minutentakt eintrudeln. So eine Gender-Diskussion kann das Handy ganz schön zum Vibrieren bringen.

Welche Seite hat recht? Gibt es Lohndiskriminierung oder nicht? Dem Bund zufolge liegt der Lohn von Männern 19,5 Prozent über jenem von Frauen. Knapp zwei Drittel dieses Unterschieds liessen sich statistisch nachvollziehen, knapp ein Drittel nicht. Der nicht erklärbare Lohnunterschied von 7,4 Prozent stelle deshalb eine Diskriminierung aufgrund des Geschlechts dar, sagt Simonetta Sommaruga. Um der Situation zu begegnen, will sie Betriebe dazu zwingen, periodisch die Löhne nach Geschlecht zu analysieren.

Daten sollen Aufschluss geben

Das Tool, mit dem Firmen diese Berechnungen machen sollen, beruht auf derselben Logik wie die Studien, mit 
denen der Bund die Lohndiskriminierung ermittelt. In einem Excel-Sheet wird für sämtliche Mitarbeiter eine Reihe von Daten eingegeben: das Alter, die Dienstjahre, der Schulabschluss, die Funktion, das Kompetenzniveau, die berufliche Stellung, das Arbeitspensum. Mathematisch wird danach überprüft, ob alle Frauen und alle Männer, die in der Tabelle iden­tische Merkmale aufweisen, tatsächlich gleich gut bezahlt werden.

Die Methode ist ein probates Mittel, um Diskriminierung zu erkennen. Doch sie ist nicht perfekt. Wichtige Merkmale wie die Berufserfahrung einer Person (mit oder ohne Karriereunterbrechungen) sowie der tatsächliche, für eine bestimmte Position relevante Bildungsstand sind 
darin nicht erfasst. So dürfte das tatsäch­liche Ausmass der Lohndiskriminierung niedriger sein, als es die Statistik ausweist – vielleicht 3 bis 4 Prozent, vielleicht niedriger. Verdienen Frauen weniger als Männer, so liegt dies weniger an der unfairen Behandlung, sondern mehr an den Unterschieden in den Biografien: Frauen machen öfters Babypause und kommen in der Karriere weniger schnell voran.

Die Kultur ist schuld

Die Kultur ist schuld an der Diskriminierung. Doch was bringt diese Erkenntnis, auf die etwa der Arbeitgeberverband korrekterweise hinweist? Wenig, wenn man nicht gewillt ist, die Kultur zu verändern, und stets auf die Barrikaden geht, wenn Politiker einen Vaterschaftsurlaub fordern. Es ist bedenklich, dass die Schweiz bei der Erschwinglichkeit von Kinderkrippenplätzen international auf den hintersten Rängen steht. Es ist schädlich, wenn Familien steuerlich belohnt werden, wenn sie nach dem traditionellen «Frau am Herd»-Schema leben.

Machen wir die Schweiz also familienfreundlicher, machen wir sie frauenfreundlicher. Damit die Personalverantwortlichen in unseren Firmen künftig auf zeitraubende Excel-Tabellen verzichten können. Und damit die lästigen Diskriminierungsdebatten auf Facebook und 
Twitter ein Ende haben.