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Free Lunch

Martin Feldstein setzt auf Trump-Berater Cohn als Fed-Chef

Gary Cohn: Martin Feldstein erwartet den Ex-Goldman-Mann an der Fed-Spitze. Keystone
Harvard-Koryphäe Martin Feldstein tippt auf den Investmentbanker Gary Cohn als neuen Chef der US-Notenbank. Der hat keine Erfahrung in Sachen Geldpolitik – das ist gefährlich.
von am

Seit Monaten rätseln Öffentlichkeit, Medien und Investoren, wie sie am besten auf Donald Trumps wiederkehrende Twitter-Attacken reagieren sollten. Ist jeder auch noch so krude Tweet ein offizielles Statement? Immerhin ist der Account @Potus (President of the United States) verifiziert und Trump selbst versicherte in der Vergangenheit des Öfteren, die amerikanischen Bürger lieber über die sozialen Netzwerke zu informieren als die etablierten Medien. Diese sind seiner Lesart bekanntlich «Fake News».

Das amerikanische Ökonomie-Urgestein Martin Feldstein, selbst Republikaner und einst Berater der US-Präsidenten Ronald Reagan und George W. Bush, empfahl nun einen ganz anderen Umgang mit den Auftritten des Präsidenten beim Kurznachrichtendienst: «Der Schlüssel zum Verständnis der Trump-Administration ist, die Tweets zu ignorieren und die Aktionen zu bewerten.» Als Beleg dafür, dass Auftreten und Handlungen der US-Regierung oft weit auseinander lägen, führte Feldstein auf einer Konferenz des Investors Amundi in Paris das Beispiel China an.

Fed-Chefin Janet Yellen muss wohl den Hut nehmen

Noch im Wahlkampf habe Trump getönt, das Reich der Mitte als Währungsmanipulator brandmarken zu wollen. Hohe Schutzzölle für Industrieimporte wurden in Aussicht gestellt. Auch mit der Ein-China-Politik werde Schluss sein. Es kam jedoch anders: Im Frühjahr lud Trump Xi Jinping nach Mar-a-Lago in Florida ein. Gemeinsam mit den Ehefrauen verbrachte man angenehme Tage, am Ende gab Trump bekannt, Handelsgespräche intensivieren zu wollen. Auch die Ein-China-Politik steht nicht mehr zur Disposition. Für Feldstein offenbar ein klares Signal: Trump hat einen grösseren Plan.

Das gilt nun offenbar für die vielleicht wichtigste Personalie, über die Trump in den kommenden Monaten entscheiden muss. Anfang 2018 läuft Janet Yellens erste Amtszeit als Chefin der US-Notenbank Fed nach vier Jahren aus. Es scheint sicher, dass Trump ihr keine weiteren vier Jahre vergönnt, sondern einen eigenen Kandidaten ins Amt hieven will. Seit Monaten wird gerätselt, wer folgen könnte. Für Feldstein scheint klar, dass es wohl jemand ganz anders wird als Yellen oder ihr Vorgänger Ben Bernanke. Ein Ökonom scheint nicht in der engeren Auswahl, viel eher dürfte ein «Marktmensch» das Rennen machen, erwartet der Harvard-Professor.

«Ich würde auf Gary Cohn tippen»

Einen Namen hatte Feldstein auch parat, er setzt auf einen Investmentbanker mit grosser Wall-Street-Erfahrung an der Spitze der Fed: «Wenn ich einen Namen nennen müsste, würde ich auf Gary Cohn tippen.» Das wäre ein Novum: Der 56-Jährige war über ein Vierteljahrhundert bei Goldman Sachs auf dem Lohnzettel, zuletzt verantwortete er als COO das operative Geschäft der Bank. Seit diesem Jahr ist er Direktor des National Economic Councils der Vereinigten Staaten. Erfahrung mit Geldpolitik hat Cohn nicht.

Im Gespräch: Der frühere Fed-Chef Alan Greenspan (li.) und Ökonom Martin Feldstein. (Bild: Keystone)

Dass ein Greenhorn in Sachen Geldpolitik auf Yellen folgen könnte, treibt Ökonomen seit Längerem um. Im Interview mit der «Handelszeitung» warnte Feldsteins Harvard-Kollege Ken Rogoff Anfang des Jahres vor einem Outsider ohne die nötigen Kenntnisse. Er hält am wahrscheinlichsten, dass Trump einer «Unternehmerpersönlichkeit mit sehr wenig geldpolitischen Kenntnissen» den wichtigsten Notenbankposten der Welt überträgt. «Und wenn er das tut, werden wir am Ende mit mehr Inflation und einer radikaleren Geldpolitik dastehen. Dann hätten wir eine deutlich schwächere Geldpolitik als heute.» Denn das Geschäft sei weitaus technischer, als es den Anschein habe.

Fed-Chefin erreicht beide Ziele

Bevor Yellen wohl Ende Januar das Feld räumt, wird sie aber noch einmal die Zinsen erhöhen, ist Feldstein überzeugt. Wohl im September, noch bevor ein Nachfolger für sie vorgeschlagen wird. Dann nämlich könne sie erhobenen Hauptes gehen – und für sich das Erreichen beider Fed-Ziele proklamieren: Mit 4,3 Prozent Arbeitslosigkeit herrscht bereits heute Vollbeschäftigung und angesichts schwacher Ölpreise dürfte auch die Inflation niedrig bleiben. Auch hätte sie dann dreimal die Zinsen erhöht. Für den Konservativen Feldstein ist das natürlich zu wenig: In Paris mäkelte er, die Fed hätte schon vor zwei Jahren mit der Normalisierung der Geldpolitik beginnen müssen.

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