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Free Lunch

Nach der Inflation ist vor der Inflation

Bessere Technologien, niedrige Inflationsraten: Jungendliche und ihre Smartphones.Keystone
Was kommt nach dem jüngsten Inflationsschub? Mehr Inflation – aber eine versteckte. Es wird künftig schwieriger, die Teuerung zu verstehen.
von am

2015 und 2016 brachen die Ölpreise dramatisch ein. Dies hat sich auf die Inflation ausgewirkt. Zwar nimmt das Erdöl im Konsumentenpreisindex der meisten Länder bloos ein Gewicht von 3 bis 5 Prozent ein. Trotzdem wurde die Teuerung über zwei Jahre hinwe spürbar nach unten gedrückt.

So, dass sogar Spekulationen über eine drohende Deflation ins Kraut schossen. Deflation tritt aber nur auf, wenn die Preise auf breiter Front sinken (in einem solchen Fall bestünde wirklich Grund zur Sorge). Doch die niedrige Teuerung war einzig und allein dem billigen Öl geschuldet. Seit der Stabilisierung am Ölmarkt bewegt sich die Teuerung in den meisten Industrieländern auch wieder in einem normalen Rahmen.

Sowohl in den USA, als auch in Europa liegt die Inflation sehr nahe beim langjährigen Durchschnitt, wie die Grafiken zeigen. Darauf sind verschiedene Teuerungsmasse für die beiden grossen Wirtschaftsräume eingezeichnet (darunter die Konsumentenpreisinflation, die im Jargon auch als „Headline“-Inflation bezeichnet wird, sowie die als „Core Inflation“ bekannte, um Nahrungsmittel- und Energiepreise bereinigte Kernteuerung).

Der jüngste Inflationssprung war demnach verhältnismässig einfach zu prognostizieren. Ebenso einfach war es, sich dagegen zu schützen, etwa in Form von inflationsgeschützten US-Staatsanleihen, die an die Entwicklung der Konsumentenpreise geknüpft sind. Nun verebben die Nachwirkungen des Ölpreisrückgangs allmählich. Doch die Inflation wird nicht verschwinden – sie wird sich verändern.

Wie? Um dies zu verstehen, muss man zunächst auf den Arbeitsmarkt blicken. Abgesehen vom Ölpreis dies der Haupttreiber der Teuerung. Der Warenkorb eines typischen Industrielandes besteht typischerweise zu 60 bis 70 Prozent aus Arrbeitskosten: Herrschen an den Rohstoffmärkten normale Bedingungen vor, so ist hauptsächlich die Binnenwirtschaft für die Inflation verantwortlich.

Inflation ist primär ein lokales Phänomen

Dass die Inflation in den USA mit rund 2 Prozent fast doppelt so hoch ist wie in Europa, macht vor diesem Hintergrund Sinn. Die dortige Wirtschaftsaktivität ist seit Langem höher als in Europa. Übrigens sind die Kerninflationsraten der wichtigen Volkswirtschaften kaum miteinander korreliert, sogar innerhalb der Eurozone tickt die Kerninflation nicht im Gleichschritt: Ein Anzeichen dafür, dass die lokale Konjunktur mit zu den wichtigsten Faktoren, welche die Inflation beeinflussen, zählt.

Wer die Preisentwicklung in einer Volkswirtschaft voraussehen will, muss daher zu allererst auf die Konjunktur achten. Allerdings kann die Inflation auch ohne Preisveränderung steigen und sinken. Denn: Veränderungen bei der Qualität und Menge fliessen ebenfalls in das Inflationsmass ein.

Inflation ändern sich unabhängig von Preisen

So sind die Preise für Mobilfunkdienstleistungen im Warenkorb des US-Konsumentenpreisindex zuletzt gesunken – aber nicht, weil die Konsumenten weniger bezahlen, sondern weil sie für denselben Geldbetrag mehr Daten herunterladen können. Die Inflation ist daher schwächer ausgefallen, als erwartet worden war, und zwar als Folge des technischen Fortschritts.

Solche versteckten Preisentwicklungen sind aus makroökonomischer Sicht bedeutsam. Bezahlen die Konsumenten nicht weniger für ein Produkt oder eine Dienstleistung, so haben sie auch nicht das Gefühl, dass es ihnen besser geht.  Sie werden somit womöglich auch kein zusätzliches Geld ausgeben – obwohl der  Konsumentenpreisindex eigentlich signalisiert, dass die Preise gesunken sind.

Unsichtbare Inflation findet auch in der anderen Richtung statt. Wird zum Beispiel ein Schokoladenriegel kleiner, ohne dass sich der Preis ändert, steigt der Konsumentenpreisindex. Das Phänomen ist auch als «Shrinkflation» bekannt. Wer sich ein Bild über eine Volkswirtschaft und die zu erwartende Inflation machen will, wird in nächster Zeit also sehr genau hinschauen müssen.

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