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Session

WEF: Verlegenes Lachen zum Thema SNB

Die Mächtigen der Welt diskutieren in Davos über SNB, EZB und die Zukunft unseres Geldes. Die Topexperten um IWF-Chefin Christine Lagarde und Barack Obamas oberstem Wirtschaftsberater sind eindeutig.
von am

Was können Notenbanken aus der Entscheidung der Schweizer Nationalbank von vergangener Woche lernen – vor allem mit Blick auf ihre Kommunikation? Diese Frage wirft die Moderatorin in die prominent besetzte fünfköpfige WEF-Diskussionsrunde im Kongresszentrum von Davos. Zögern und schliesslich verlegenes Lachen im ganzen Saal, sind die Antwort.

Larry Summers, oberster Wirtschaftsberater von US-Präsident Barack Obama und einer der einflussreichsten Ökonomen der Welt, drückt sich ebenfalls um eine Antwort. Schliesslich nimmt sich die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF) der Frage an – und bleibt diplomatisch. Es sei für die SNB «sehr schwer» gewesen, sagt Christine Lagarde. Und ergänzt: Die Nationalbank habe die Marktpanik etwas gedämpft, indem sie kurz zuvor einige wenige Akteure über den Schritt informiert habe.

Notenbanken sind mit ihrer traditionellen Politik am Ende

Damit ist das heikle Thema SNB umschifft. Denn eigentlich geht es in der morgendlichen Session am WEF in Davos um das Thema quantitative Lockerung, im Englischen quantitative easing (QE) genannt. Hinter dem Wortungetüm verbirgt sich ein relativ junges Werkzeug von Notenbanken. Weil die Zinsen heute nahe oder bei Null sind, haben Währungshüter rund um den Globus kaum noch Spielraum.

Der Transmissionskanal der Geldpolitik wirkt heute schlechter, fasst Ray Dalio, Chef der Investmentfirma Bridgewater Associates, das Problem zusammen. Regelmässig gehört der Mann mit einem geschätzten Vermögen von über 15 Milliarden Dollar in Rankings zu den einflussreichsten Menschen der Welt.

Weil sie mit ihrer traditionellen Politik kaum noch etwas ausrichten können, kaufen die Notenbanken Anleihen an, die sie früher links liegen liessen. Längerfristige Papiere von Staaten und Unternehmen etwa. Das soll die Wirtschaft ankurbeln und drohende Deflationsgefahren eindämmen. Die amerikanische Notenbank Fed legte in den vergangenen Jahren gleich drei QE-Programme auf, Japans Notenbank intervenierte ebenfalls im grossen Stil. Heute soll die Europäische Zentralbank (EZB) damit beginnen, Investoren warten gespannt auf Mario Draghis Ankündigung.

IWF-Chefin Lagarde: Das richtige Mittel für die Euro-Zone

Weil es keine theoretische Grundlage dafür gibt, ist das Werkzeug umstritten. Nicht aber in dieser Davoser Session. Zwar sagt IWF-Chefin Lagarde einmal, dass man sich auf «unbekanntem Gebiet» bewege. Doch ein QE-Programm sei für die Euro-Zone das richtige Instrument. Davon würden auch andere Staaten in Europa profitieren – über mehr Wachstum und Jobs. Offenbar sieht sie also auch positive konjunkturelle Effekte für die Schweiz. Auch SNB-Chef Thomas Jordan betonte vor wenigen Wochen einmal: Was gut für die Euro-Zone ist, sei auch gut für die Schweiz.

Die Risiken zu wenig zu tun, seien grösser als zu wenig zu tun, sagt Ökonom Summers. Allerdings erwartet er für Europa geringere Effekte als in den USA. Denn in Amerika sei das erste QE-Programm unerwartet gekommen. In Europa wäre es hingegen eine Überraschung, sollte es nun nicht lanciert werden. Zudem hätten die Marktmechanismen im Finanzsektor in den USA seinerzeit schlechter gewirkt als in Europa heute. Lagarde wendet ein, QE habe in Europa noch vor der Ankündigung gewirkt – die Märkte hätten ein Programm heute bereits antizipiert, der Wert des Euro sei zuletzt gesunken.

Obama-Chefökonom Summers: Euro braucht auch fiskalische Massnahmen

Um Europa aus der Krise zu holen, reicht ein grosses Anleihekaufprogramm laut Summers jedoch nicht. QE sei eine notwendige, aber nicht hinreichende Massnahme, sagt der Mann, der in den Neunzigerjahren Chefökonom von Präsident Bill Clinton und danach Harvard-Präsident war. Neben QE und strukturellen Reformen brauche Europa mehr fiskalische Ausgaben. Die finanziellen Mittel dafür habe man als Ganzes. Strukturelle Reformen hält Summers indes für überbewertet und führt ein Beispiel an: So sei die Beschäftigungsrate in der flexiblen und dynamischen US-Wirtschaft unter den 25- bis 54-Jährigen kaum höher als im rigiden Frankreich.

Wir befinden uns heute in einem Währungskrieg, wendet Gary Cohn, seit 2006 Präsident der Investmentbank Goldman Sachs und dort auch verantwortlich für die operativen Geschäfte, einmal ein. Und wird sogleich von einer smart auftretenden Ana Botin zurechtgewiesen: Heute koste ein Euro etwa 1.15 Dollar, sagt die Chefin des spanischen Banco Santander. Dies sei gemessen nach Kaufkraftparitäten der theoretisch faire Wert. Man müsse also fragen, ob der Euro in den vergangenen Jahren nicht zu teuer gewesen sei. Ähnlich sieht es Lagarde.

Santander-Chefin Botin: Spanien hat an Produktivität gewonnen

Daneben betont Botin die strukturellen Reformen, die Spanien bereits hinter sich habe. Heute arbeiteten die iberischen Autohersteller bereits produktiver als die deutschen. In den vergangenen 12 Monaten habe man in Spanien rund 300'000 neue Arbeitsplätze geschaffen, sagt sie. Doch auch Botin sieht die Notwendigkeit von Anleihekäufen durch die EZB. Und schliesslich sagt Summers einmal den wohl bezeichnendsten Satz der Session: «Wir sind alle für QE in Europa.» Keiner der Diskutanten widerspricht.