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Prozess

Noch hält der Aufsichtsrat des FC Bayern still

Die Steuerfahndung hat Uli Hoeness schwer belastet. Im Aufsichtsrat der Bayern München AG sitzen die Chefs von Konzernen wie Audi, Adidas und VW. Noch halten sie sich bedeckt – wann haben sie genug?
von am

FC-Bayern-Präsident Uli Hoeness ist am zweiten Prozesstag von einer Steuerfahnderin massiv belastet worden. Er habe insgesamt 23,7 Millionen Euro an Steuern hinterzogen, sagte sie. Die Summe ergab sich demnach aus der Neuberechnung seiner Steuern aufgrund der neu eingereichten Unterlagen. Dazu kommen nach Berichten von «Spiegel Online» laut Angaben der Staatsanwaltschaft weitere 2,5 Millionen Euro aus Kapitalerträgen für die Jahre 2007 bis 2009, die bereits in der Anklage aufgeführt wurden. Demnach hätte Hoeness insgesamt 26,2 Millionen Euro an Steuern hinterzogen. 

Die leitende Steuerfahnderin bemängelte ausserdem, Hoeness habe die Unterlagen zu seinen zwei Schweizer Konten über ein Jahr vor den Finanzbehörden zurückgehalten. Hoeness' Verteidigung habe die PDF-Dateien erst am 27. Februar abgegeben. Seine Bank habe die Dateien aber bereits am 18. Januar 2013 erstellt.

Hoeness hatte am 17. Januar 2013 eine Selbstanzeige wegen Steuerhinterziehung abgegeben. Die Staatsanwaltschaft erkannte diese aber als unvollständig nicht an und klagte Hoeness deshalb wegen Steuerhinterziehung an. Eine entscheidende Frage für die Gültigkeit der Selbstanzeige ist, ob Hoeness darin umfassende Angaben gemacht hat.

Hoeness reichte mehrfach Dokumente nach 

Die Aussage der Finanzbeamtin enthielt vor dem Landgericht enthielt die zusätzlichen Vergehen in Höhe von rund 15 Millionen Euro, die Hoeness am Vortag überraschend gestanden hatte. Dies hatte die Münchner Staatsanwaltschaft bis zur Anklage nicht auf dem Zettel – Hoeness gestand gestern selbst, diese Summe zusätzlich hinterzogen zu haben. Darüber hinaus nannte die Steuerfahnderin weiter Summen.

Zuvor waren die Behörden nur von 3,5 Millionen Euro unversteuertem Geld ausgegangen, das Hoeness auf seinem Zockerkonto bei der Zürcher Bank Vontobel hinterlegt hatte. Die Steuerfahnderin soll zudem Aufschluss darüber geben, wie die Behörde die Selbstanzeige von Hoeness im Februar 2013 seinerzeit beurteilte. Einige Beobachter halten es für wahrscheinlich, dass das Verfahren nach ihrer Aussage ausgesetzt oder sogar neu verhandelt werden muss – weil die Auswertung der neuen Unterlagen noch läuft.

«Nun muss sich der FC Bayern von Hoeness lösen»

Bereits nach dem ersten Verhandlungstag gestern halten jedoch viele Beobachter den gebürtigen Ulmer nicht mehr für haltbar in seinem Amt als Aufsichtsratsvorsitzenden – das deutsche Pendant zum Schweizer Verwaltungsratspräsidenten. Immerhin liegt der Umfang seines Steuerbetrugs mehr als fünfmal so hoch wie bis dato eingeräumt. «Nun muss der FC Bayern noch einen Schritt weiter gehen und sich auch von Hoeness lösen», heisst es in einem Kommentar bei der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung».

Ein Freispruch wird immer unwahrscheinlicher. Doch wird der Aufsichtsrat der Bayern München AG – die 2012/13 immerhin einen Umsatz von 394 Millionen Euro erzielte – ein solches Delikt widerstandslos hinnehmen? Das scheint sehr unwahrscheinlich.

Audi, Adidas, VW, Unicredit, Telekom im Bayern-Aufsichtsrat

Gerüchte kursieren bereits, wonach Anteilseigner und Sponsoren bei einer Verurteilung Druck auf Hoeness ausüben wollen, seinen Posten als Präsident der AG zu räumen – selbst wenn er von den Fans des Vereins Rückendeckung erhält. Neben dem Verein FC Bayern halten die deutschen Grosskonzerne Audi, Adidas und der Versicherer Allianz mit jeweils 8,3 Prozent weitere Anteile an der AG. Zu den Sponsoren gehört auch die italienische Geschäftsbank Unicredit.

Sowohl Adidas-Vorsitzender Herbert Hainer als auch Audi-Chef Rupert Stadler sitzen im Aufsichtsrat des FC Bayern. Mit Martin Winterkorn ist zudem der Lenker des Autogiganten VW vertreten, ebenso Telekom-Chef Timotheus Höttges und der frühere Unicredit-Leiter Dieter Rampl.

Von der Nähe profitiert

Diese Wirtschaftsbosse und ihre Unternehmen profitierten in den vergangenen Jahren von ihrer Nähe zu Hoeness und dem FC Bayern. Noch gibt es öffentlich keine Distanzierungsversuche – schliesslich stehen viele Fans ebenfalls noch hinter Hoeness. Ein Umdenken scheint inzwischen aber nur noch eine Frage der Zeit.

(mit Material von sda)