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Kontroverse

Ist Ökonomie eine Wissenschaft?

Robert J. Shiller, Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften
Niemand kümmert sich wirklich um Wirtschaftsdaten, ausser als Richtlinie für die Politik. Das Problem ist: Konzentriert man sich auf Wirtschaftspolitik, kommt viel Unwissenschaftliches ins Spiel.
von
Robert J. Shiller
am

Als einer der diesjährigen Nobelpreisträger für Wirtschaft bin ich mir der Kritik ganz besonders ­bewusst. Es wird gerne behauptet, die Ökonomie sei im Gegensatz zur Chemie, Physik oder Medizin, für die auch Nobelpreise verliehen werden, keine Wissenschaft. Haben die Kritiker recht?

Ein Problem mit der Ökonomie ist, dass sie sich zwangsläufig eher auf die Politik konzen­triert als auf die Entdeckung von Grundlagen. Niemand kümmert sich wirklich um Wirtschaftsdaten, ausser als Richtlinie für die Politik. Uns faszinieren Phänomene der Wirtschaft nicht in demselben Masse wie das Atom oder das Funktionieren der Vesikel und anderer ­Organellen einer lebenden Zelle. Wir beur­teilen die Ökonomie anhand dessen, was sie ­erzeugen kann. Daher ähnelt sie eher der Technik als der Physik, sie ist eher praktisch, nicht spirituell. Es gibt keinen Nobelpreis für Technik oder Ingenieurwesen, obwohl es ihn geben sollte.

Welche Forscher der Nobelpreiswirklich belohnen sollte

Das Problem ist: Wenn wir uns erst mal auf die Wirtschaftspolitik konzentrieren, kommt viel Unwissenschaftliches ins Spiel. Zudem wird in der Politik die Pose reichlich durch ­öffentliche Aufmerksamkeit belohnt. Der ­Nobelpreis soll diejenigen belohnen, die eben keine Tricks anwenden, um Aufmerksamkeit zu erregen, diejenigen, die ernsthaft die Wahrheit suchen und daher Gefahr laufen, nicht ­beachtet zu werden.

Und warum wird der Preis «für Wirtschaftswissenschaften» verliehen anstatt einfach nur für «Wirtschaft»? Die anderen Preise werden ja auch nicht für «Chemiewissenschaften» oder «Physikwissenschaften» verliehen.

Wissensgebiete, welchen das Wörtchen «Wissenschaft» anhängt, tendieren dazu, Massen von Menschen emotional zu binden und mit hanebüchenen Ideen die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Diesen Gebieten hängt man ein «-wissenschaft» an, um sie von ihren unehrenhaften Vettern zu unterscheiden.

Der Begriff «Politikwissenschaften» wurde im späten 18. Jahrhundert populär, um eine Abgrenzung gegenüber all den Traktaten von Parteianhängern vorzunehmen, die auf Stimmenfang und Einfluss aus waren und nicht so sehr auf die Verfolgung der Wahrheit. «Astronomische Wissenschaft» war ein gebräuch­licher Begriff im späten 19. Jahrhundert, um sie von der Astrologie und dem Studium der antiken Mythologien der Konstellationen abzugrenzen. «Hypnosewissenschaften» wurde im 19. Jahrhundert auch gebraucht, um das wissenschaftliche Studium der Hypnose von Hexerei oder religiösem Transzendentalismus zu unterscheiden.

Es gab damals den Bedarf nach solchen Begriffen, weil die unseriösen Pendants viel mehr Aufmerksamkeit in der öffentlichen Debatte erhielten. Wissenschafter müssen klarstellen, dass sie Wissenschafter sind.

Tatsächlich war sogar der Begriff «Chemiewissenschaften» im 19. Jahrhundert gebräuchlich – in einer Zeit, als die Disziplin versuchte, sich klar von der Alchemie und der Quacksalberei zu unterscheiden. Aber noch bevor die Nobelpreise 1901 ins Leben gerufen wurden, war es nicht mehr notwendig, die wahre Wissenschaft von den Praktiken von Hochstaplern zu unterscheiden.

In ähnlicher Weise starben die Begriffe ­Wissenschaft von der Astronomie und Wissenschaft von der Hypnose im Laufe des 20. Jahrhunderts aus – vielleicht, weil der Glaube an das Okkulte in der respektablen Gesellschaft verloren ging. Ja, man kann in vielen Tages­zeitungen mit hoher Auflage noch immer ­Horoskope lesen, aber sie stehen da für alle, die extreme Schwierigkeiten mit der Wissenschaft haben, oder sie sind blosse Unterhaltung. Die Idee, dass die Sterne unser Schicksal bestimmen, ist intellektuell nicht mehr haltbar. Daher ist es nicht mehr nötig, «Wissenschaft von der Astronomie» zu sagen.

Kritiker sprechen manchmal von«Pseudo-Wirtschaftswissenschaft»

Kritiker der «Wirtschaftswissenschaften» sprechen manchmal von der Entwicklung ­einer «Pseudo-Wirtschaftswissenschaft», weil sie die Insignien der Wissenschaft verwende, wie in der Mathematik, aber nur zur Show. In seinem Buch «Narren des Zufalls» schreibt zum Beispiel Nassim Nicholas Taleb 2004 über Wirtschaftswissenschaften: «Man kann die Scharlatanerie unter dem Gewicht von Gleichungen verbergen und niemand findet es ­heraus, weil es so etwas wie ein kontrolliertes Experiment nicht gibt.»

Aber die Physik ist auch nicht ohne Kritiker. 2004 warf Lee Smolin der Physik in seinem Buch «Die Zukunft der Physik: Probleme der String-Theorie und wie es weitergeht» vor, sich von schönen und eleganten Theorien (besonders der Stringtheorie) verführen zu lassen, anstatt sich den Theorien zuzuwenden, die durch Experimente nachgewiesen werden können. Ähnlich hielt Peter Woit der Physik in seinem Buch «Not Even Wrong: The Failure of String Theory and the Search for Unity in Physical Law» 2007 so ungefähr dieselben Sünden vor, die man den mathematisch ausgerichteten Ökonomen zuschreibt.

Ich glaube, dass die Ökonomie etwas anfälliger als die Physik für Modelle ist, deren Gültigkeit nie klar nachgewiesen werden kann. Die Notwendigkeit der Annäherung ist in der Ökonomie so viel stärker als in der Physik, ganz besonders, weil die Modelle Menschen beschreiben und keine Magnetresonanzen oder Elementarteilchen. Menschen ändern einfach ihre Meinung und verhalten sich völlig anders als angenommen. Sie haben sogar Neurosen und erkennen Probleme, komplexe Phänomene, die relevant sind für das Gebiet der Verhaltensökonomie zum Verständnis der wirtschaftlichen Ergebnisse.

Nicht alle Mathematikist Scharlatanerie

Aber nicht alle Mathematik in der Ökonomie ist, wie Taleb andeutet, Scharlatanerie. Die Wirtschaftswissenschaft hat eine wichtige quantitative Seite, der man sich nicht entziehen kann. Die Herausforderung bestand bisher darin, die mathematischen Erkenntnisse mit den Anpassungen zu verbinden, die erforderlich sind, um zu erreichen, dass die Modelle mit dem irreduziblen menschlichen Element zusammenpassen.

Der Vormarsch der Verhaltensökonomie befindet sich nicht grundsätzlich im Konflikt mit der mathematischen Ökonomie, wie einige zu denken scheinen, obwohl er sehr wohl in Konflikt mit einigen zurzeit modischen ­Modellen der mathematischen Ökonomie steht. Und während die Wirtschaftswissenschaften ihre eigenen methodischen Probleme haben, sind doch die grundsätzlichen Herausforderungen für die Forscher nicht anders als die anderer Forscher in anderen Disziplinen. Die Wirtschaftswissenschaft wird sich weiterentwickeln, dabei ihr Repertoire an Methoden und Beweisquellen erweitern, die Wissenschaft wird stärker werden, und die Scharlatane werden blossgestellt werden.

Robert J. Shiller ist Nobelpreisträger für Wirtschafts­wissenschaften 2013 und Professor für Wirtschafts­wissenschaften an der Yale University. © Project ­Syndicate, 2013

 

 

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