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Branche

Nach Air Berlin: Experten erwarten ein Airline-Sterben

Air Berlin: Bislang haben vor allem Langstreckenpassagiere Probleme.  Keystone
Plötzlich war beim Charterflieger Monarch Schluss: Tausende Kunden sind gestrandet. Schweizer waren dieses Mal kaum betroffen. Doch das kann sich ändern: Experten rechnen mit weiteren Airline-Pleiten.
von
Julia Fritsche
am

Air Berlin, Alitalia und nun die britische Monarch – innerhalb kurzer Zeit sind gleich drei europäische Fluggesellschaften in grosse Schwierigkeiten geraten. Kurzfristig am schwersten getroffen hat es den Ferienflieger Monarch: Mehr als hunderttausend Touristen sind nach seiner Insolvenz gestrandet und müssen zurückgeholt werden. Bei Air Berlin und Alitalia dagegen ist die Zukunft zwar noch nicht geklärt ist, ein solch abrupter Totalausfall ist aber eher unwahrscheinlich.

Gute Nachrichten? Nur bedingt. Experten befürchten in den nächsten Monaten weitere Opfer unter den europäischen Fluggesellschaften. Damit rechnet zum Beispiel Rob Byde, Analyst beim Brokerhaus Cantor Fitzgerald. Wie er gegenüber «CNN Money» erklärt, liegt der Grund im harten Wettbewerb.

Preiskampf ins Unglück

Dass wir erst am Anfang einer Marktbereinigung sind, glaubt auch Austrian-Airlines-Managerin Alexandra Goldschmidt. Bei einer Diskussionsrunde am Branchentreff «World Routes 2017» in Barcelona sagte sie: «Die Konsolidierung des europäischen Verkehrs wird seit langem erwartet. Was wir jetzt sehen, ist vermutlich erst der Anfang und es wird noch einige Jahre weitergehen.» Ob es Pleiten geben wird oder ob sich weitere Airlines zusammentun, das bleibe abzuwarten, meint Vincent Hodder, Chief Commercial Officer von Flybe.

Ein Grund für die Situation ist das starke Wachstum der Billigairlines. Sie haben dafür gesorgt, dass das Angebot stark zugenommen hat. Etablierte haben nachgezogen, ein Übergangebot ist die Folge. Das Resultat, so Branchenexpertin Louise Cooper, war ein Preise-Blutbad.

Kosten und Terror

Obwohl gross, sind auch nationale Fluggesellschaften im Nachteil: Ihre lange Geschichte und Erwartungshaltungen in ihren Heimmärkten verhindern, dass sie so schnell wie die jüngeren Anbieter reagieren. Auch ihre Personalkosten sind weniger flexibel, da die Angestellten stark gewerkschaftlich organisiert sind. Weiterer Kostentreiber sind die Strecken: Nationale Airlines fliegen meist von grossen, teuren Flughäfen.

Von der laufenden Aussiebung schwächerer Player seien allerdings zunächst Fluggesellschaften betroffen, die sich bereits seit längerem mit Finanzproblemen herumschlagen, sagt Verkehrsexperte Gerald Khoo von der Investmentbank Liberum. Ryanair-Chef Michael O'Leary etwa glaubt, dass Konkurrent Norwegian Air in Schwierigkeiten geraten könnte. Ein Urteil, das deren Chef weit von sich weist. Unbestritten sind dagegen die Probleme bei der russischen Vim Avia.

Die USA lassen grüssen

Nicht alle Probleme der europäischen Airlines sind hausgemacht. Terroranschläge haben etwa bei Ferienflieger Monarch dazu geführt, dass dieser einige seiner Feriendestinationen aufgeben musste. Zum Ausgleich sind die Briten auf hartumkämpfte europäische Kurzstrecken umgeschwenkt und wurden dort prompt von der stärkeren Konkurrenz erdrückt.

Ein entscheidender Grund, warum sich Branchenkenner und -vertreter wie Easyjet-Chefin Carolyn McCall so sicher sind, dass ein grosses Aufräumen bevorsteht, sind die Erfahrungen aus den USA. Vor einigen Jahren hat sich dort die Zahl der Fluggesellschaften deutlich verringert. In der Folge kontrollieren heute vier Unternehmen 80 Prozent des Marktes, in Europa sind es nur gerade 45 Prozent.

Schlechte Nachrichten für Passagiere

Auch bei der Profitabilität zeigen sich deutliche Unterschiede. An einem Passagier verdienen US-Airlines 22,40 Dollar, in Europa ist dieser Wert mit 7,84 Dollar deutlich tiefer, so der «Economist». Was gut für die Unternehmen ist, ist schlecht für die Kunden. Ticketpreise sind im Schnitt jenseits des Atlantiks höher. Auch den miserablen Service von US-Airlines führen Beobachter auf den schwachen Wettbewerb zurück. In schlechter Erinnerung bleibt der gewaltsame Rauswurf eines United-Passagiers im Frühjahr.

Für europäische Passagiere stellt sich angesichts dieser Erwartungen die Frage, wie sie sich für einen Ausfall rüsten können. Eine Möglichkeit sind Versicherungen wie der Airline Insolvenz Schutz der Europäischen Reiseversicherung. Geschäftsführer Thomas Tanner zufolge können Air-Berlin-Kunden mit Langstreckentickets (Buchungsdatum vor 15. August) aktuell einen Schaden geltend machen. Keinen Zusatzschutz brauchen Kunden, die ihre Tickets mit gewissen Kreditkarten bezahlen. Einen gratis Schutz gegen Pleite-Airlines bietet etwa die Cumulus-Mastercard World.

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