Skip to main content
Europalette

Rückgrat des Warenverkehrs oder Bühne für Waschbären

Europaletten im Lager der Transportgemeinschaft AG in Wangen an der Aare.
Einst war sie nur ein praktisches Transporthelfer. Doch die Europalette hat sich zu einem beliebten Rohmaterial für Bastler und Künstler entwickelt.
von am

Einst war sie nur ein praktisches Transporthelfer. Doch die Europalette hat sich zu einem beliebten Rohmaterial für Bastler und Künstler entwickelt.

Das Holz ihrer Tische ist schon weit gereist und hat schon einige Kratzer abbekommen. Die Schreiner des Berliner Startups Kimidori bauen ihre Möbel komplett aus alten Europaletten. Den Charme ihrer Produkte beschreiben die Handwerker so: Die Tische sehen aus, als würden sie denken, "hoffentlich gibt's gleich ne Party, wo sich die ganze Mannschaft betrunken auf mich draufstellt."

Paletten findet man heute nicht mehr nur in Laggeräumen, sondern auch in Wohnzimmern. Längst haben Designer, Schreiner und Heimwerker das Holz für sich entdeckt. Selbst in die Kunst hat es die Palette geschafft. Bei dem Berner Reifenhändler Pneu Fahrni konnte man dieses Jahr beispielsweise eine etwas skurile Installation des Hamburger Künstlers Baldur Burwitz bewundern: Sie besteht aus insgesamt 368 Europaletten, auf der ein ausgestopfter Waschbär liegt.

Material  für Künstler und Bastler gibt es genug, denn die Paletten bilden das Rückgrat der europäischen Logistikbranche. Schätzungsweise 450 Millionen Palleten werden in Europa jährlich zwischen dem Handel, der Industrie und Speditionen ausgetauscht. Rund 70 Millionen verlassen jedes Jahr die Schreinereien. Ein wichtiger Vorteil: Die Palette ist vierwegig. Das heisst, ein Gabelstapler kann sie von vier Seiten aufgabeln und hochheben. Mit einem maximalen Ladegewicht von zwei Tonnen ist sie ausserdem ausgesprochen robust und wiegt dabei selbst nur etwas über 20 Kilo.

Rund 50 Jahre nachdem sich die europäischen Mitglieder des Internationalen Eisenbahnverbandes auf ihre Abmessungen geeinigt haben, bestimmt sie die Grössen von LKW-Ladeflächen und Regalen  – fast alles hat sich ihre Fläche von 120 mal 80  Zentrimetern und der Höhe von 14,4 Zentimetern angepasst. In fast ganz Europa hat sich ein Tauschsystem etabliert: In der Regel nimmt der LKW-Fahrer immer die gleiche Anzahl an leerer Paletten mit, die er auch angeliefert hat. Die Schweizer Logistikdienstleister sind aus dem System zwar offiziell ausgestiegen, einige Unternehmen halten aber dennoch an ihm fest.

Nach durchschnittlich sechs Jahren hört die Reise der Palette in der Regel auf. Doch Bastler schenken ihr ein Leben nach dem Dienst in der Logistbranche. Gebrauchte Palleten bekommt man schon für ein paar Franken oder sogar ganz umsonst. Selbst eine neue Palette ist mit rund 20 Franken günstig zu haben. Dafür bekommt man gutes Fichtenholz, das als besonders robust gilt. Extrem sparsame Verwerter benutzen sogar noch die 78 Nägel, die die Palette zusammenhalten.

Die simpelste Lösung: Einfach eine Matratze auf die Paletten legen, die typische Studentenlösung. Auch zu einem Weinregal lassen sich die Transporthelfer recht einfach umfunktionieren. Wer es komplizierter mag: Mittlerweile finden sich im Internet auch Anleitungen, wie man aus Paletten eine ganze Sitzlounge herstellen kann. Auch einen Couchtisch mit Rollen lässt sich aus einer Europalette zimmern.

Themen zum Artikel