Der Zinsanstieg sei überzogen und die Anleihenkurse seien zu stark gefallen, sagt Thomas Härter. Trotzdem setzt der Chefstratege der Fondsgruppe Swisscanto verstärkt auf Aktien statt Obligationen.

Die jüngsten Arbeitsmarktdaten aus Amerika waren besser als erwartet. Anlass für die US-Notenbank Fed, die geldpoli­tischen Zügel noch schneller zu straffen?
Thomas Härter:
Die Fed kündigte an, dass sie ihre Bilanz weniger schnell ausweitet, wenn sich der Arbeitsmarkt weiter wie erwartet verbessert. Zinserhöhungen sehen wir frühestens in zwei bis drei Jahren. Der Weg zu einer normalen Zinslandschaft ist weit, da der normale Leitzins bei rund 3,25 bis 4,5 Prozent liegen dürfte. Ich glaube, dass viele Marktteilnehmer an ­einer Normalisierungsillusion leiden.

Werden wir noch lange keine normale Zinssituation haben?
Da die Bruttoverschuldung in praktisch allen Ländern gleich oder gestiegen ist und bisher nur eine Schuldenverlagerung erfolgte, würden unkontrollierte Zinserhöhungen recht schnell zurück in die Wirtschaftskrise führen.

Wo sehen Sie die Rendite der zehnjährigen amerikanischen Staatsanleihen Ende Jahr?
Zwischen 2,6 und 3,0 Prozent.

Eine genauere Prognose wagen Sie nicht?
Die sicherste Zinsprognose ist derzeit die, dass die Zinsvolatilität ansteigen und ab und zu explodieren wird. Die Ankündigung der Fed, die Drosselung der Anleihenkäufe von der Entwicklung der Arbeitslosenquote abhängig zu machen, führt dazu, dass die Volatilität noch stärker als in normalen Zeiten am makro­ökonomischen Datenfluss hängen wird. Kurzfristig haben Zinsen in den USA wohl nach oben überschossen. Ein Rückgang um 0,3 Prozentpunkte bei der nächsten Veröffentlichung enttäuschender Konjunkturdaten scheint mehr als plausibel.

Anders als die Fed kündigten die Europäische Zentralbank (EZB) und die Bank of England eine anhaltende Tiefzinspolitik an. Für Anleger gibt es also keinen Grund, ihre Euro-Staatsanleihen rasch zu verkaufen?
Im Gegensatz zur Fed-Bilanz schrumpft die EZB-Bilanz derzeit. Auch was die Zinsen betrifft, ist die Fed expansiver. Die europäischen Zinsen werden sich aber einem Anstieg der US-Zinsen fast nicht entziehen können.

Im Zuge des Zinsanstiegs in den USA sind Schwellenländer-Anleihen stark unter die Räder gekommen. Eine Übertreibung?
Kurzfristig haben die Zinsen sicherlich überschossen. Aber langfristig ist Skepsis angebracht. Jahrelang bestand ein Konsens, Geld in Schwellenländern anzulegen, da diese schneller wachsen und man dort noch einen Zins erwirtschaften könne. Kurzfristig dürften die Zinsen auch hier überschossen haben. Mittelfristig ist Skepsis angesagt, da allein die Erwartung, die US-Zinsen könnten sich normalisieren, Gift für die Liquidität in Schwellenländern ist.

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Gilt Ihre Skepsis auch für Anleihen aus den EU-Peripherieländern?
Wer diversifizieren und Marktturbulenzen aussitzen kann, sollte periphere Anleihen kaufen. Die bessere Anlagestrategie besteht aber darin, in europäische Aktien zu investieren, statt das Risiko der Anleihen nach oben zu schrauben.

Immerhin könnten Firmenanleihen von der besseren Konjunktur profitieren. Lohnen sich hier Zukäufe?
Wir bevorzugen generell Aktien- gegenüber Anleihenrisiken. Aktien sind gegenüber Obligationen und gegenüber Hochzinsanleihen in Europa günstig bewertet. Wegen der Liquiditätsschwemme gab es in den letzten Jahren sehr wenig Ausfälle. Ein weiterer Rückgang der Ausfälle erscheint uns somit sehr unwahrscheinlich.

Sie legen den Fokus derzeit stärker auf Aktien als auf Obligationen. Raten Sie auch zu Dividendenperlen als Alternative zu zinstragenden Anleihen?
Aktien sind Obligationen klar vorzuziehen – es sei denn, der Anlagezeit­horizont ist sehr kurz. Dividendenperlen sind aber problematisch. Viele Hochdividendenpapiere zahlen nämlich mehrDividende, als sie Cash generieren. Anders ausgedrückt: Diese Firmen emittieren Aktien und Anleihen, um ihre Dividenden weiterhin ausbezahlen zu können. Ein unsinniges Verhalten.