«Was die Amerikaner können, das können wir schon lange.» Mit diesen Worten ­beendete im Spätsommer 1989 der da­malige BILANZ-Chefredaktor Andreas Z’Graggen eine stundenlange Diskussion darüber, ob sich die Berichterstattung der Wirtschaftsmagazine «Forbes» und «Fortune» über die reichsten Amerikaner für Schweizer Verhältnisse umsetzen liesse. Nicht eine Hitparade heimischen Reichtums sollte entstehen – Transparenz war oberstes Ziel: Wer steht als Aktionär ­hinter den Unternehmen? Welche Gross­inves­toren halten die Wirtschaft am Laufen?

Was schnell angedacht war, entpuppte sich als vertrackte Operation. Der dem Öltycoon Jean Paul Getty zugeschriebene Ausspruch «Über Geld spricht man nicht, Geld hat man» erwies sich als Realität. Bitten um etwas Licht in den persönlichen Vermögensverhältnissen wurden meist gar nicht beantwortet. Und auch sonst war es um die Datenlage schlecht bestellt: Die Firmen hielten schon Basisinformationen wie die Anzahl ihrer Beschäftigten und den Umsatz unter Verschluss. Bei kotierten Konzernen wie Schindler, Roche oder Holderbank wusste man zwar die Namen der Grossaktionäre, die Höhe ihrer Beteiligung dagegen war Firmengeheimnis.

Als die BILANZ-Redaktion im Oktober 1989 «Die 100 reichsten Schweizer» präsentierte, war sie denn auch gehörig stolz auf ihr Werk. Auf dem Titel prangte – als Dirigent standesgemäss im Frack abgebildet – Paul Sacher. 1934 durch Heirat mit Maja Stehlin, der Witwe des Pharmaindustriellen Emanuel Hoffmann zu Reichtum gekommen, dirigierte er als Mehrheitsaktionär der Hoffmann-La ­Roche ein Vermögen von sieben bis acht Milliarden – und war damit der Reichste im Lande.

LOB UND PROTEST. Das Echo auf die Premierenausgabe fiel gemischt aus. Viele Leser waren begeistert, der Unternehmer Branco Weiss etwa schrieb: «Das wollte ich schon lange lesen.» Andere nannten es eine Frechheit, derart Intimes wie Besitzverhältnisse aufzudecken. Auch von den Porträtierten wurde die Redaktion überwiegend mit Kritik eingedeckt. Einige telefonierten wütend dem damaligen BILANZ-Besitzer Beat Curti – weil sie in der Liste zu weit unten aufgeführt wurden. «Sie seien viel reicher als erwähnt, und sie könnten das auch jederzeit beweisen», erinnert sich Curti an die Proteste.

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Nicht wenige der Reichsten versuchten über die Jahre, die Publikation gerichtlich zu unterbinden. Vergeblich. Einfallsreichtum bewies ein Grüppchen Vermögender aus dem Waadtland, die eines Tages den BILANZ-Verlagsmanager auf ein feudales Château in der Waadt einluden. Nach dem Diner kam der Gastgeber ohne Umschweife zur Sache: Er und seine Freunde würden der BILANZ bis auf weiteres alljährlich alle entgangenen Gewinne ersetzen, falls die Reichsten-Nummer nicht mehr erschiene. Ein verführerisches Angebot – auf das wir nicht eingegangen sind.

Die Reichsten-Berichterstattung hat trotz vielen Anfeindungen Bestand, nun seit zwanzig Jahren. Über diese Zeitspanne war die Vermögensentwicklung von enormem Wachstum geprägt: Besassen die 100 Reichsten 1989 gemeinsam Gel­der und Güter im Wert von geschätzten 66 Milliarden Franken, wird ihr Besitz heute auf 368 Milliarden veranschlagt – beinahe eine Versechsfachung (siehe «Die Reichsten über 20 Jahre» auf Seite 92). Die drei Reichsten von 2008 kommen, mit vereinten Kräften, locker auf den gleichen Betrag, mit dem vor zwanzig Jahren die 100 Vermögendsten bewertet wurden.

Die Familien Hoffmann und Oeri, Nach­kommen Paul Sachers, haben seit 1989 ihr Vermögen um neun Milliarden vermehrt. Spürbar zugelegt haben auch die Erben des zugewanderten Fabio Bertarelli: Stand dieser vor zwanzig Jahren mit 1 bis 1,5 Milliarden zu Buche, verwalten heute seine Kinder dank dem Verkauf des Biotechkonzerns ­Serono 10 bis 11 Milliarden. Kräftig reicher geworden sind ferner Walter Haefner (+4 Milliarden), die Familie Jacobs (+3,3), die Gebrüder Mantegazza (+3,3), Thomas Schmidheiny (+3,3) sowie die Familien Schindler und Bonnard (+2,9).

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Einige wenige haben über die letzten zwei Dekaden massiv an Vermögen eingebüsst. So die Familie André: Einst einer der weltgrössten Rohstoffhändler, liessen Fehlspekulationen und Zwist in der Führungsetage das Familienvermögen um 1,5 Milliarden schrumpfen. Weitere Verlierer im Zwanzig-Jahres-Vergleich sind die Detailhandelsfamilien Maus und Nordmann (–2 Milliarden), Metro-Handelspatriarch Otto Beisheim (–1) und andere.

MEDIENEREIGNIS. Zahlreich sind die Abgänge. Aus der ersten Liste mit 100 Namen sind bis heute nicht weniger als deren 44 verschwunden; die wenigsten durch Tod wie der lebenslustige Baron Hans Heinrich von Thyssen-Bornemisza, BILANZ-Alt-Verleger Max Frey oder jüngst der Kunsthändler Jan Krugier. Die meisten entschwanden von der Bühne des Superreichtums, weil sie ihrer Vermögen durch unternehmerischen Exitus verlustig gingen. Beispielsweise die Familie Erb, die 1989 noch mit familieneigenen Aktiva von 1,5 bis 2 Milliarden aufgeführt wurde und 14 Jahre später in die Pleite segelte. Oder Werner K. Rey, einst ebenfalls mit 1,5 bis 2 Milliarden Vermögen gelistet, stürzte mit Pauken und Trompeten in den Ruin. Gestrichen wurden ferner einst bekannte Unternehmergrössen wie die Brauerfamilie Hürlimann, die Stahldynastie von Moos oder der Luzerner Spar- und Hypobank-Bankrottier Ralph Schmid.

Ein Reichster der ersten Stunde war ein gewisser Martin Ebner. Der BZ-Bank-Chef vermehrte seine damals geschätzten 200 bis 300 Millionen fleissig, erklomm bis 2001 ein (Anlage-)Vermögen von 4 bis 5 Milliarden. Im darauffolgenden Jahr frass der Börsencrash alles auf, Ebner verschwand aus Rang und Traktanden. Jahre später feierte der Bankier, dank – angeblich – Blocher’scher Finanzspritze, ein fulminantes Comeback.

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Der seit Jahren Reichste der Reichsten, der mit aktuell 35 bis 36 Milliarden ein­geschätzte Ikea-Möbelhändler Ingvar Kamprad, war 1989 nicht in der Liste zu finden. Zwar in der Schweiz wohnhaft, doch Ausländer, musste sich der Schwede mit einer Nebenrolle begnügen, ebenso wie Rohstoffhändler Marc Rich, die Tetrapak-Eignerfamilie Rausing oder Fürst Franz Josef II. von und zu Liechtenstein. Die Zuzüger haben ihre Statistenrolle allerdings längst abgelegt; heute ist fast jeder zweite Reichste ein Immigrant (siehe «Das Glück gefunden» auf Seite 106).

Was sich vor zwanzig Jahren höchst ­zögerlich angelassen hat, ist inzwischen jährliches Medienereignis. Kaum eine Zeitung, eine Radio- oder eine Fernsehstation, die nicht über die 300 Reichsten der Schweiz berichtet. Beachtung findet die im Volk als «Gold-BILANZ» bekannte Ausgabe auch im Ausland – ja sie wurde schon in China, Japan und Russland zitiert. Die Mehrheit der 300 Reichsten in der Schweiz hat ihren Widerstand längst aufgegeben. Einige der Porträtierten zeigen sich bei der Recherche sogar höchst kooperativ, helfen bei der Berechnung ­ihres Vermögens und setzen sich zuweilen mit den BILANZ-Journalisten zu einem Kaffee zusammen.