In Läden einkaufen und mit einem Druck auf den Fingerabdrucksensor des iPhone 6 bezahlen. Geld aus der Tasche klauben oder die Kreditkarte zücken, soll damit der Vergangenheit angehören. So zumindest stellt sich  Apple die Zukunft vor. Den ersten Schritt dafür hat der Techgigant Anfang Woche getan. Am Montag haben die Kalifornier in den USA ihren Bezahldienst Apple Pay lanciert. Apples iPhone 6 soll damit definitiv zur digitalen Brieftasche werden.

Tatsächlich hat Apple Grosses vor. «Wir versuchen hier etwas Bahnbrechendes», sagte Eddy Cue, Verantwortlicher für die Software und Internet-Dienste bei Apple, laut «Wall Street Journal». Doch bis Apple Pay die Art des Bezahlens in den USA verändert hat, wird es noch lange dauern. Daran ändert auch der reissende Absatz des iPhone 6 nichts. Denn die Hürden sind gross. So fällt denn auch der Startschuss realtiv bescheiden aus.

Händlern fehlt die richtige Technologie

Ein grosses Hindernis für Apple ist die Technologie. Zum einen müssen Zahl-Terminals in Läden mit sogenannten Nahfunk-Geräten (NFC) ausgestattet sein. Zum anderen müssen Smartphones das NFC-Signal empangen können – das können jedoch nur wenig gängige Modelle, etwa das iPhone 6 oder das iPhone 6 Plus.

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Auch die Händler stellen eine Hürde dar. Zwar hat Apple die Fastfood-Kette McDonald's, den Biosupermarkt Whole Foods und die Drogerie Walgren als Start-Teilnehmer gewinnen können. Der weltweit tätige Einzelhandelsriese Wal-Mart Stores oder der Elektronikhändler Best Buy arbeiten hingegen an einem eigenen Bezahl-System. Laut Apple sind unter dem Strich 220'000 Läden mit NFC-Geräten ausgestattet – eine verschwindend kleine Zahl. Laut «FAZ» gibt es im US-Einzelhandel rund 8 Millionen Kassen. 

«Das grosse klaffende Loch bei Apple Pay»

Für seinen Dienst hat Apple die sechs grössten Anbieter von Kreditkarten an Bord geholt. Dazu gehören die US-Grossbanken JP Morgan, Bank of America, Citigroup und Wells Fargo. Gemäss Apple sollen im kommenden Jahr 500 Banken hinzukommen. Mit Visa, Mastercard und American Express konnte Apple auch die grössten Kreditkartengesellschaften für sich gewinnen.

Trotz allem gibt es noch eine grosse Lücke im System von Apple Pay. Viele Firmenkreditkarten und Prepaid-Karten werden bislang nicht akzeptiert. So auch die Kreditkarten des Einkaufshauses Macy's oder Bloomingdale's. Für Richard Crone, Bezahl-Experte bei der US-Firma Crone Consulting, sind genau solche Karten ein Problem. «Sie sind das grosse klaffende Loch bei Apple Pay», zitiert ihn das «Wall Street Journal».

Trotz der Hürden bleibt Apple zuversichtlich. Der Konzern erwartet, dass viele Händler ihre Bezahlterminals auf den neusten Stand bringen werden, um das kontaktlose Zahlen per NFC-Geräte zu ermöglichen. Es sei wichtig, dass viele Menschen zusammenspielen würden, sagt Apple-Mann Eddy Cue laut «Wallt Street Journal». «Es gibt eine Menge zu tun, und vor uns liegt viel Arbeit.»

Schweiz könnte Testland werden

Apple will denn auch seinen Dienst in Europa starten. Die Schweiz könnte dabei eine Vorreiterrolle übernehmen. Die hiesigen Kreditkartenbanken buhlen darum, dass die Schweiz Testland für Apple Pay wird. Laut Roland Zwyssig, Marketing-Chef der Kartenfirma Viseca, sei die Branche diesbezüglich in engem Kontakt mit den Kreditkartenkonzernen Visa, American Express und Mastercard, schrieb die «Schweiz am Sonntag».

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Gemäss Viseca habe die Schweiz reelle Chancen, Testland zu werden. Die Dichte an Bezahlterminals, die für Apple Pay nötig sind, sei hierzulande sehr hoch. NFC-fähige Geräte gäbe es etwa bei den Detailriesen Migros und Coop. Eine grosse Konkurrenz sei allerdings Polen. Die neusten Bezahlterminals seinen dort ebenfalls sehr verbreitet.

Apple Pay könnte Mobile-Verkäufe weiter beflügeln

Apples Bezahldienst dürfte relativ wenig Geld direkt in die Konzernkasse spülen. Für jede Transaktion zahlen die Banken einen kleinen Prozentsatz an Apple. Gebühren für Kunden und Händler fallen keine an. So dürfte Apple Pay im kommenden Jahr 118 Millionen US-Dollar abwerfen, schätzt Gene Munster, Apple-Experte bei Piper Jaffray. 2016 könnten es schon 310 Millionen sein. Verglichen mit einem geschätzten Umsatz von 180 Milliarden Dollar in diesem Jahr ist das weniger als ein Prozent. Laut Munster könnte mit Apple Pay aber die Nachfrage der neuen iPhones und auch iPads steigern wollen.

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Experten erwarten, dass die meisten Transaktionen bei Apple Pay durch Käufe bei der Verwendung von Apps anfallen werden. Solche In-App-Käufe sind auch mit Apples neusten iPad-Modellen möglich, die nun wie das iPhone einen Fingerabdrucksensor erhalten haben. Allerdings kann man mit den Tablets nicht in richtigen Läden einkaufen, da sie keinen NFC-Chip enthalten. Ein solchen wird aber die für Anfang 2015 angekündigte Apple Watch haben. Die Zahl der potentiellen Nutzer von Apple Pay steigt dann noch einmal rapide an.