Will man bei Auftritten in Las Vegas für Aufsehen sorgen, muss man schon tief in die Trickkiste greifen. Bei der diesjährigen Consumer Electronics Show (CES) sorgte ein Auto für Applaus. Ein Audi A7, ausgerüstet mit Radarsensoren, Laserscanner und 3-D-Frontkameras, fuhr die 900 Kilometer vom Silicon Valley nach Las Vegas autonom. Noch sind das Pilotprojekte, doch bereits in zehn Jahren werden Tausende solcher Autoroboter auf den Stras­sen unterwegs sein. Autofahren ohne Fahrer wird zur Realität werden und die gesamte Autoindustrie und ihre Zulieferer revolutionieren.

Die Entwicklung zum selbstfahrenden Auto hat sich zuletzt kräftig beschleunigt. Fahrerassistenzsysteme, sogenannte Advanced Driver Assistance ­Systems (ADAS), verbreiten sich rasant. Die Spurhaltetechnologie ist in Serie im Einsatz. Der elektrisch angetriebene BMW i3 sucht sich einen Platz im Parkhaus und parkt ein. Die S-Klasse von Mercedes fährt im Stau alleine. Fahrzeuge von Tesla erkennen Verkehrsschilder und regeln das Tempo automatisch. Ein Autopilot für die Autobahn steht vor der Markteinführung. Ab nächstem Jahr stattet ­General Motors alle neuen Cadillac-Modelle mit dieser Technologie aus. 2018 kommen Autopiloten mit Spurwechsel auf den Markt. Nissan will bereits in fünf Jahren ein in der Stadt selbständig fahrendes Auto präsentieren. Das in jeder Situation vollständig selbstfahrende Auto ist als Höhepunkt dieser Entwicklung von ­Mercedes in Serienreife für 2025 geplant.

Stichhaltige Argumente

Anders als der Elektroantrieb wird sich das autonome Fahren schnell durchsetzen. Laut einer Umfrage der Boston Consulting Group (BCG) ist der grösste Teil der Amerikaner bereit, auf selbstfahrende Autos umzusteigen und – zur Freude der Hersteller –sogar 5000 Dollar mehr auszugeben.

Die Argumente für das autonome ­Fahren sind stichhaltig. Fährt das Auto selbst, steigt nicht das Risiko, sondern die Sicherheit. Fast alle der 1,2 Millionen tödlichen Unfälle sind auf Fahrfehler ­zurückzuführen. Versicherungen werden dazu übergehen, die Prämien für computergesteuerte Autos zu senken.

Anzeige

Ein sehr überzeugendes Argument ist die steigende Produktivität. In den USA verbringen Autofahrer im Schnitt 350 Stunden im Auto – das sind zwei Arbeitsmonate. Kümmert sich der Bordcomputer um den Verkehr, bleibt Zeit für Arbeit und Unterhaltung. Das ist wohl der entscheidende Punkt, warum sich Firmen wie Google oder Apple für selbstfahrende Autos interessieren.

Geht es nach den BCG-Experten, dürfte der Gewinn an Sicherheit und Produktivität die derzeit noch fehlenden rechtlichen Grundlagen zum massen­haften Einsatz von selbstfahrenden Autos nach vorne treiben. Vorreiter USA hat diese Grundlagen in fünf Bundesstaaten bereits geschaffen.

Jede Umwälzung birgt auch für Anleger Chancen und Risiken. Die Gewinner verdienen viel Geld – Unternehmen, die bei der Entwicklung nicht mithalten, ­bekommen ein Problem.

Das Potenzial ist gross

BNP-Paribas-Experten sagen dem Markt für Assistenzsysteme und automatisiertes Fahren für 2020 ein Volumen von 25 Milliarden Dollar voraus. 2025 sollen es bereits 57 Milliarden sein. Im Vergleich zu den aktuellen sechs Milliarden ein enormer Zuwachs. Nächstes Jahr fällt laut Goldman Sachs in diesem Segment «der Startschuss für rapides Umsatzwachstum».

Während die Autokonzerne mit ihren Testfahrten im Rampenlicht stehen, sind die Kunststücke ohne die Zulieferer gar nicht möglich. Von dort kommen die meisten Entwicklungen und damit auch das Potenzial für Anleger. Der DAX-Konzern Continental zum Beispiel zählt bei den ADAS zu den grossen Innovatoren.

Der Trend zum selbstfahrenden Auto und zur höherwertigen Ausstattung veranlasste Unternehmenschef Elmar Degenhart bei der Präsentation der Zahlen zum letzten Geschäftsjahr, für 2020 eine Umsatzsteigerung von zuletzt 34,5 auf 50 Milliarden Euro in Aussicht zu stellen. Die ADAS-Umsätze werden laut Continental jährlich um 30 Prozent zulegen. Mit einem Kurs-­Gewinn-Verhältnis (KGV) von 17 liegt Continental im Branchendurchschnitt. Die hohen Wachstumschancen rechtfertigen dieses Niveau. Eine hohe Dividende kommt als Bonus dazu. Im Frühjahr nahm der Kurs die 200-Euro-Hürde.

Kein Auto ohne Chip

Der auf Sitzgurte und Airbags spezialisierte schwedische Zulieferer Autoliv hat sich mit einigen Zukäufen bei den Fahrassistenzsystemen auf die Überholspur gebracht. Radarsysteme und Softwarelizenzen standen auf der Kaufliste. Autoliv ist mit einem KGV von 22 nicht gerade billig, aber hervor­ragend positioniert, um vom Wandel in der Autoindustrie zu profitieren.

Der US-Zulieferer Gentex ist mit automatisch abblendenden Spiegeln in Autos vieler Marken vertreten. Das Unternehmen weitet sein Angebot zunehmend auf Kollisionswarnung aus. Die Aktie ist nicht zuletzt wegen ihrer Dividenden­rendite von zwei Prozent attraktiv.

Noch ein Stück weiter weg von den traditionellen Autoinvestments gehen Anleger mit dem Kauf von Chipherstellern. Sensoren und Prozessoren spielen bei den Assistenzsystemen eine zentrale Rolle. Die Sensoren nehmen die Umgebung der Autos wahr, die Prozessoren sind das Herzstück und arbeiten Befehle ab. Die Umsätze der Chiphersteller mit der Autoindustrie werden laut einer aktuellen Studie von Strategy Analytics in den nächsten fünf Jahren von 30 auf 42 Milliarden Dollar wachsen – im Vergleich zu 2010 eine Verdoppelung.

Mehr zum Thema lesen Sie in der aktuellen «BILANZ», erhältlich am Kiosk oder mit Abo jeweils bequem im Briefkasten.