Der Schlossherr von ’s-Gravenwezel hat sein ideales Geschäftsmodell gefunden: Er handelt mit schönen Dingen und richtet Häuser ein, macht so seine vermögende Kundschaft glücklich und ist dabei selber zum reichen Mann geworden. Der Belgier Axel Vervoordt bewohnt ein barockes Wasserschloss inmitten einer traumhaften Parkanlage vor den Toren Antwerpens und verfügt über eine Kundenkartei, die an Exklusivität kaum zu überbieten ist: Einst zählten zu seinen Auftraggebern Rudolf Nurejew und Yves Saint Laurent, heute gehören Sting, Isabelle Adjani, Calvin Klein und Robert De Niro dazu. Nicht zu reden von all den Reichen und Schönen, die Wert auf Anonymität legen. «Herr Vervoordt, stimmt es, dass von den 20 reichsten Menschen der Welt vier Kunden von Ihnen sind?» Axel Vervoordt, 63-jährig, herzlich und zuvorkommend, legt Holz ins Kaminfeuer in seinem Arbeitszimmer nach, setzt sich wieder auf das kleine englische Sofa und sagt: «Vier? Nein, das müssen mehr sein. Aber wissen Sie, oft sind das ganz einfache Leute, die überhaupt nicht protzig leben.» Wie hat es dieser eher unscheinbare Mann in Rollkragenpullover und bequemem Wollsakko ganz nach oben geschafft? Wie wurde der kleine Antiquitätenhändler aus Antwerpen zu einem der «weltweit führenden Geschmacksmacher» («Art + Auction»), zum «heimlichen Superstar» («Manager Magazin»)? Die Geschichte von Vervoordts Aufstieg ist so überraschend, wie es seine Interieurs sind: Mit 14 reiste der Sohn eines Pferdehändlers und einer kunstsinnigen Mutter zum ersten Mal auf eigene Faust nach England auf Auktionstour. Die Zeiten hätten nicht besser sein können für einen angehenden Antiquitätenhändler. In den sechziger Jahren zwangen hohe Erbschaftssteuern viele Adlige dazu, ihre Landsitze aufzugeben. Das Mobiliar – vom Tafelsilber bis zur Kunstsammlung – kam unter den Hammer. Kostbares Kuriositätenkabinett. Seine ersten Käufe finanzierte der geschäftstüchtige Teenager mit einem Darlehen seines Vaters, für das er jeden Monat Zinsen abliefern musste. Ein Lieblingsstück aus jenen Anfängen hängt heute in ’s-Gravenwezel im Bad des Hausherrn über der Wanne: das meisterliche Porträt einer englischen Prinzessin von Thomas Gainsborough. Auch im ganz in Weiss und Blau gehaltenen Esszimmer des Schlosses erinnern edle Stücke an einen wichtigen Moment in Vervoordts Karriere: eine Gruppe von Flaschen aus der Ming-Zeit, deren Glasur von einem milchigen Schleier überzogen ist – Spuren der 300 Jahre, die das Geschirr an Bord einer gesunkenen Dschunke verbrachte. Die Porzellanladung segelte dem Glückspilz Anfang der achtziger Jahre gewissermassen vor die Füsse. Die Sammler rissen ihm Tausende von bestens erhaltenen Stücken aus der Hand. Vom Erlös konnte sich Vervoordt das Jagdschloss eines belgischen Adelsgeschlechts kaufen, und er leistete sich seinen ersten grossen Stand an der Biennale des Antiquaires im Pariser Grand Palais – ein Auftritt, der ihn als Erschaffer von Wohnwelten der ganz besondern Art lancierte. Der Belgier zeigte seine Kostbarkeiten als Kuriositätenkabinett. Barocke Möbel, orientalische Kunst und meditative Zen-Leinwände zwischen Stahlträgern und Betonfussboden – völlig neu zu jener Zeit und ein totaler Kontrast zum gediegenen Auftritt der Konkurrenz. Vervoordts Name als Visionär war unter der zahlungskräftigen Kundschaft gemacht. Noch wichtiger für seine Karriere war aber das private Reich, das sich Vervoordt und seine Frau May in den siebziger Jahren erschufen. In Antwerpen hatten sie eine heruntergekommene Häuserzeile im Altstadtquartier Vlaeykensgang gekauft und renoviert. Und da sich der junge Händler nicht mit der Idee eines Ladens anfreunden konnte, dienten die eigenen vier Wände auch gleich als Showroom. Die Vervoordts machten vor, wie behaglich und unkompliziert es sich inmitten von Antiquitäten, Trouvaillen und zeitgenössicher Kunst leben lässt. Und so wurden sie von immer mehr Kunden angefragt, Häuser in diesem entspannten Nebeneinander von Genres und Epochen einzurichten. Axel Vervoordts Arbeitsräume im Erdgeschoss von Schloss ’s-Gravenwezel illustrieren aufs Beste, was den eklektischen Stil ausmacht, der zu seinem Markenzeichen geworden ist. Über dem Kamin in der Bibliothek etwa hängt ein monochromes geschlitztes Bild von Lucio Fontana, ein «Concetto spaziale», aus dem Jahr 1959. Umrahmt wird es von einem chinesischen T’sung-Jadegegenstand aus dem zweiten Jahrtausend vor Christus und einer mindestens 2500 Jahre alten gelochten Pi-Scheibe. Gleich daneben auf dem Boden eine ungewöhnliche Statue: der imposante Zahn eines Narwals. Lauter exquisite Ausstellungsobjekte also, doch museal wirkt das Ganze nie. Der umtriebige Selfmademan Axel Vervoordt lebt und arbeitet in seinen Schätzen. Der lange Tisch im ehemaligen Musikzimmer des Schlosses quillt über von Büchern und Zeitungsausschnitten – Material für ein Ausstellungsprojekt im Palazzo Fortuny in Venedig, wo Vervoordt bereits zweimal als Kurator Furore machte. Und schon nehmen neue Ideen Gestalt an: Voller Begeisterung zeigt Vervoordt auf dem PC Fotos von einem Atelierbesuch in Athen, von dem er soeben zurückgekehrt ist, und bespricht mit einem Assistenten, welche Werke des griechischen Künstlers Takis in der geplanten Schau wohl am besten zur Geltung kämen. Steuerberater und Porträtist. Das Leben als Sammler und Kunstliebhaber ist die eine Seite von Axel Vervoordts Welt. Die andere ist sein Sinn fürs Geschäft. Zu besichtigen am Sitz seiner Firma in einem ehemaligen Industriekomplex in Wijnegem, eine Viertelstunde von Vervoordts Wohnsitz entfernt. Auf dem Areal wurde eine ehemalige Mälzerei zum riesigen Showroom umgebaut. Zudem lagern im vierstöckigen Backsteingebäude Tausende von Möbeln und Kunstgegenständen, und es arbeiten gegen hundert Menschen hier – die Belegschaft des Familienunternehmens, an dessen Spitze seit neustem Vervoordts Söhne Dick und Boris stehen. Eine Heerschar von Restauratoren, Architekten, Kunsthistorikern, Archäologen und Handwerkern. Zwei der Spezialisten sind ausschliesslich damit beschäftigt, unter den Kaufangeboten, die Vervoordt täglich erhält, eine Vorauswahl zu treffen. Vor allem aber werden im Kanaal genannten Hauptquartier Dutzende von Umbauprojekten und Einrichtungsaufträgen betreut. Nur an den wichtigsten ist Axel Vervoordt, der Meister des Stilmix, noch persönlich beteiligt. «Herr Vervoordt, warum lassen sich die Happy Few ihre Apartments und Paläste von Ihnen einrichten?» «Die Leute kommen zu mir wie zum Arzt oder zum Steuerberater. Und wie ein erfahrener Arzt sehe ich auf den ersten Blick, was mit ihnen los ist. Ich verstehe meine Arbeit als psychologische Aufgabe. Ich versuche, aus den Häusern ein Porträt ihrer Besitzer zu machen. Wir arbeiten so lange an der Architektur und Einrichtung, bis die Leute das Gefühl haben, sie hätten schon immer hier gewohnt. Meine Kunden sollen sich besser fühlen als je zuvor in ihrem Leben. Die Leute kommen zu mir, weil sie eine zusätzliche Dimension schätzen: Ich wähle die Objekte ihrer Seele wegen aus und nicht aufgrund ihres Äusseren. Und: Ich kombiniere Dinge so, dass ein Dialog entsteht.» Konkret geht Vervoordt zum Beispiel so vor: Eine junge holländische Familie kaufte kürzlich das Haus von Picasso in Mougins an der Côte d’Azur. Sie betraute Vervoordt mit Restauration, Umbau und Einrichtung der Villa, in welcher der Maler seine letzten Lebensjahre verbracht hatte. Wie bei jedem Projekt stand für Vervoordt zuerst die «Purifizierung der Architektur» im Vordergrund. Sein zentrales Anliegen bei der Organisation und der Einrichtung der vielen Räume: Sie sollen auch wirklich genutzt werden. Nicht wenige Besitzer von grossen Häusern leben nämlich zwischen Küche und Fernsehzimmer. Vervoordt hingegen macht ihnen das Reisen unter dem eigenen Dach beliebt – ein Hin und Her zwischen unterschiedlichen Stimmungen je nach Lust und Laune. Beim Picasso-Haus galt es schliesslich, die Kunstsammlung der Kunden nach geeigneten Werken zu durchforsten. Zuerst, so Axel Vervoordt, habe man es mit einem Basquiat versucht. Erfolglos. Dann mit einem Kiefer. Ebenfalls fehl am Platz. Doch schliesslich habe sich ein Werk von Kapoor als «fantastisch» erwiesen. Das Geschäft als Nebenprodukt. Es ist Mittag geworden in ’s-Gravenwezel. Der Koch der Vervoordts legt am runden Tisch noch schnell ein paar zusätzliche Gedecke auf. Denn überraschend essen auch noch Sohn Boris, eine junge Architektin aus dem Team und eine Kundin mit. Wie viele Auftraggeber ist sie zur Freundin des Hauses geworden. Die Dame, so stellt sich bald heraus, hat bereits ein Schloss in Belgien und ein Chalet in Verbier von Axel Vervoordt gestalten lassen. Und nun ist ein vor kurzem erstandenes Château bei Saint-Rémy-de-Provence in Arbeit. So streift das Gespräch denn munter die unterschiedlichsten Themen: von den Schwierigkeiten, beim Umbau in Frankreich die richtigen Handwerker zu finden, über die Pläne der Vervoordts, in Antwerpen eine eigene Kunstgalerie zu eröffnen, bis zum Dresscode für die Einladung mit 80 Gästen an diesem Abend auf dem Schloss und zum traditionellen Tag der offenen Tür am Wochenende danach. Dazwischen jedoch schneidet der Hausherr gerne philosophische Themen an. Vervoordt spricht bei blanchiertem Chicorée und indischem Pouletfleisch über die Ewigkeit und das Unvollendete in der Kunst und erzählt, weshalb die Teppichknüpfer im Orient ihre Meisterwerke absichtlich mit kleinen Fehlern versehen. Die Perfektion, so wissen sie, ist alleine Gott vorbehalten. Beim Abschied eine letzte Frage: «Herr Vervoordt, was machen Sie besser als andere Kunst- und Antiquitätenhändler?» «Was mich völlig von meinen Kollegen unterscheidet: Ich sehe es nicht als Geschäft. Ich sehe mich in erster Linie als Sammler. Ich bin allein einem bestimmten Lebensstil verpflichtet. Und so suche ich nach Objekten, die zu diesem Lebensstil passen.»
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