Ist das ein Sportwagen? 2,3 Tonnen wiegt die mächtige Karosse. Und die kleinen Schaltwippen sind nicht am Lenkrad, sondern an der Säule befestigt, drehen sich also nicht mit – Gänge schalten unter Lenkeinschlag fanden die Entwickler keine unterstützenswerte Tätigkeit. Fahren wir besser erst einmal geradeaus.

Doch dabei ist Vorsicht angesagt. Der Doppelturbo-Zwölfzylinder ist kein Motor, sondern ein Triebwerk. Schub entwickelt er mit der Unbarmherzigkeit einer anfahrenden U-Bahn. Wer Lastwagen überholen will, sollte das Gaspedal nur streicheln, ansonsten droht Bentley-Kaltverformung via Auffahrunfall.

Die Erklärung liefert ein Blick auf die Drehmomentkurve: Während Lamborghinis oder Ferraris ihr maximales Drehmoment von 600 bis 700 Newtonmetern erst bei 6000 Umdrehungen oder mehr erreichen, liefert der Bentley satte 820 Nm, und das schon bei 1700 U/min. Heisst auf Deutsch: Der Bentley braucht nicht in hohe und laute Drehzahlregionen geprügelt zu werden – beim Cruisen kurz aufs Gas, und die Post geht ab. Dabei röhrt er vernehmlich, aber dezent; protzt nicht mit Kraft, sondern hat sie einfach. Ein Klitschko der Strasse.

Edelst beledert

Gentleman Style auch im Interieur – alles edelst beledert, Knöpfe und Schalter mit Chrom verkleidet, die Luftausströmer fühlbar aus schwerem Metall, genau wie der gefräste Schaltknauf. Tasten rasten vertrauensbildend ein, und beim beherzten Klopfen auf die Mittelkonsole antwortet solide Härte: Nichts gibt nach, nichts klingt hohl. Der Qualitätsfanatismus des VW-Konzerns, dem die Engländer seit 1998 gehören, hat Bentley hörbar gutgetan – da scheppert echt nix. Das kann derzeit keiner besser.

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Ist das nun ein Sportwagen? Die Riesenräder im 21-Zoll-Format und der Allrad haben die Kanonenkugel zwar auch in Biegungen im Griff. Doch Kurvenräuber ist der Bentley keiner. Dafür kann man auf der Autobahn einen lästigen Lamborghini Huracán abschütteln. Der macht nur 325 km/h Spitze, sechs weniger als der Bentley. Und nimmt man Platz im Cockpit, fährt der Gurtbringer vor und senkt sich das Lenkrad in Position, fühlt man sich beruhigt. Erwachsen. Versetzt in einen Londoner Herrenclub der Vorkriegszeit, wo Kellner im Frack Zigarren anreichen. Bin ich derart … distinguiert?

Andererseits: Wie ich beobachten konnte, fährt mein Zahnarzt Bentley – und der Kerl ist jünger als ich. Dass mich das bisweilen an meiner Berufswahl zweifeln lässt, sagt viel über die Strahlkraft dieses Autos aus.

Bentley Continental GT Speed // Antrieb: W12-Ottomotor, Allrad // Leistung: 467 kW (635 PS) ­// Höchstgeschwindigkeit: 331 km/h // Beschleunigung 0–100 km/h: 4,2 s // Verbrauch: 14,5 Liter Super plus // Preis: ab 222 900 Franken