1928 liess Woolf Bernato, ein Bentley-Boy, seinen Bentley 4,5 Liter mit dem Namen «Old Mother Gun» durch eine Kurve fliegen, die beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans die schnellste Passage der gesamten Rennstrecke beendet. Sie heisst «Mulsanne». Hier werden Bremsen zur Weissglut gebracht. Und jetzt steht der Mulsanne, Bentley’s grosse Limousine neben mir und ruht sich aus. In Wales, genauer auf einer kleinen Rennstrecke mit Meerblick und einer raffinierten Kurve, die mein Instruktor nur «Die Drei» genannt hat. «Pass’ auf die Drei auf. Wenn Du zu schnell da rein gehst, landest Du im Graben.»

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Das Werk in Crewe

Drei Stunden rückwärts, Vormittag in Crewe. Im Bentley Werk werden Bentleys gebaut. Coupés, Cabriolets und Limousinen. Draussen, vor dem Werk steht meiner. Für einen Tag. Hier im Osten Englands wird man bei leichtem Regen und Temperaturen um Null Grad nicht depressiv. Vor allem nicht, wenn man hinter dem Volant einer solchen Limousine wie dem Mulsanne sitzt. Man kann das Wetter draussen lassen. Der V8 weiter vorn schnurrt locker vor sich hin, er hat die Routine von mehr als fünfzig Jahren im Gepäck. Die goldene Uhr hat er vermutlich im Handschuhfach versteckt, wer so lange als fleissiger Mitarbeiter den Ruf des Hauses hoch gehalten hat, ist eine Legende und mit reichlich Kompetenz gesegnet. Und jetzt werden die Kolben dieser Legende, die Ventile, der Zylinderkopf, die Dichtungen und alles, was für die gehobene Fortbewegung notwendig ist, in leicht-britische Wallung gebracht. Von schnöder Physik, Mechanik und Technik soll hier keine Rede sein. Es geht um Energien: kinetische, thermische und vor allem um emotionale.

An der irischen See

Der Anglesey Circiut, direkt an der irischen See, ist keine Arena, kein Ort für tosenden Beifall von den Tribünen. Man hört vielleicht ein paar Möwen, hin und wieder den Wind, wie er vom Meer kommend über die Dünen pfeift. Weiter vorn sieht man Schnee auf den Berggipfeln liegen, wie eine Mütze aus frisch gewaschener Wolle. Hier unten liegt kein Schnee, aber man kann ihn riechen, bevor der Geruch von Benzin, Reifenabrieb, Kupplung und Bremsbelag die Nase füllt. 3,3 Kilometer, neun Kurven und eine mit Hügel und recht engem Radius. The Rocket.

Sportliche Gene

Der Bentley, von allem Dingen im Fond und auf dem Beifahrersitz befreit, darf zwei Runden schnuppern. Inklusive Fahrer. Die Aussentemperatur liegt bei winterlichen 3 Grad, der Mulsanne steht auf Winterreifen und hat sein Herz bereits auf dem Weg von Crewe bis hierher aufgewärmt. In ruhigem Trab, mit feiner Musik und bester Aussicht auf Landschaft und kleine Orte. Nun ist Schluss mit Sightseeing und innerer Ruhe. Instruktor Stephen dreht an Knöpfen, er lässt im Monitor das Wort Sport aufleuchten und er erklärt, dass man Masse niemals unterschätzen sollte. Na klar. Der Helm ist beim Einsteigen im Weg, die kleine Boxengasse ist eigentlich für Zweiräder gemacht und der Bentley fragt sich vermutlich, was er bitteschön hier soll. Er soll seine sportlichen Gene zeigen, seine Kräfte, seine Lust auf Speed und seine Körperbeherrschung. Das hat man ihm in Crewe beigebracht.

Der Flying B

Die Gerade direkt an der Boxenausfahrt ist eine Art Startbahn, 512 PS schieben 2,5 Tonnen nach vorn. Das Flying B, ganz weit vorn auf der Motorhaube richtet sich auf, als wolle es den Horizont absuchen und schon mal die weitere Richtung erkunden. Kurz bevor der dritte Gang einzulegen wäre, die Schaltpaddel sind gerade jetzt unabdingbare Helfer, senkt der Brite das Haupt, das Bremspedal schickt das Fliegende B noch weiter nach unten, die Masse meldet sich eindringlich zu Wort. Hallo Physik.

Im Wiegeschritt

Der Scheitelpunkt der ersten Kurve ist erreicht, 1020 Newtonmeter treiben die Limousine nach vorn. Die Elektronik verhindert den ersten Abflug. Zu schnell, zu hektisch. Stephen lacht. „Rhythmus, Ruhe und vor allem die Masse respektieren.“ Die lange Rechtskurve reicht für den dritten Gang bis 6000 Touren, der Anstieg ist beeindruckend. Man fährt in den Himmel und weiss, dass kurz vor dem Horizont eine scharfe Linkskurve lauert. Der Bentley wird eingebremst, knickt deutlich ein und sortiert sich dank der präzisen Lenkung sehr sauber auf der rechten Seite, ein paar Zentimeter neben der Begrenzungslinie. Dann der Lenkeinschlag, der Mulsanne übt sich im Wiegeschritt wie ein Tänzer mit leichtem Übergewicht. Passagiere im Fond würden jetzt miteinander kuscheln, Motorsport verbindet.

Er springt, rennt, sprintet...

Der V8 arbeitet deutlich hörbar, die Hinterräder schieben das britische Edel-Metall nach vorn, das Fahrwerk gerät an seine Grenzen, raus aus der Kurve, Vollgas, eine kurze Gerade und wieder einbremsen, eine kurze und recht enge Rechtskurve, der Bentley übt sich im Slalom. Den Hügel hinab, die Sicht auf das Meer erinnert an Urlaub, nach der nächsten Linkskurve springt die Motorhaube auf, der Vorderwagen wird deutlich leichter, dritter Gang, vierter Gang und wieder runter in den Zweiten. Dieses Spiel wiederholt sich x-mal, gute zehn Runden lasse ich den Bentley laufen. Er springt, rennt, sprintet und schmiegt sich an die Kurven. Weiter hinten wären jetzt Sickbags fällig, Gepäck im Kofferraum müsste neu sortiert werden, die Chauffeursmütze wäre schon lange abgeflogen und über den Benzinverbrauch wollen wir kein Wort verlieren. Und Spass hatten alle.

Schweiss den Motorsports

Nach der Tour steht Bentley’s Grosser mit stolz geschwellter Brust in der Boxengasse. Er dampft durch die Felgen, er dünstet den Schweiss der Motorsports aus, er kann sich jetzt ausruhen. Prüfung bestanden. Man kann einen Bentley Mulsanne auch über eine Rennstrecke schicken. Nicht in Rekordzeit, aber schnell genug um die Kräfte und Gene seiner Familie zu spüren. Vor vielen Jahren sass ein Mr. Woolf Bernato in seinem Bentley und fuhr auf eigener Achse nach Frankreich, er stellte sich auf die Start-Ziel-Geraden in Le Mans und überquerte sie dann als Sieger nach 24 Stunden. Bentley kann Sport.     

Technischen Daten


Motor: V8 mit Doppel-Turboaufladung, Antrieb: Hinterrad
, Hubraum: 6.750 ccm, Leistung: 512 PS / 377 kW bei 4.200 U/min
, Drehmoment: 1.020 Nm bei 1.750 U/min

Fahrleistungen und Kraftstoffverbrauch


0 – 100 km/h in 5,3 Sekunden  (0 - 60 mph in 5,1 Sekunden)


0 – 160 km/h in 11,5 Sekunden (0 - 100 mph in 11,6 Sekunden)


Höchstgeschwindigkeit: 296 km/h (184 mph)


Kraftstoffverbrauch: 16,9 l/100 km im kombinierten EU-Fahrzyklus


CO2-Emission:  393 g/km


Getriebe: ZF 8‑Gang Automatik mit Schaltwippen


Karosserie und Fahrwerk
:

Länge:  5.575 mm
, Breite (Spiegel angeklappt): 1.926 mm
, Höhe: 1.521 mm


Radstand: 3.266 mm
, Spur Vorderachse: 1.615 mm, Spur Hinterachse: 1.652mm


Räder / Reifen (Serienausstattung): 9J x 20‑Zoll mit Reifen der Grösse 265/45 ZR 20


(optional): 9J x 21‑Zoll mit Reifen der Grösse 265/40 ZR 21


Leergewicht: 2.585 kg

Dieser Artikel ist zuerst in unserer Schwester-Publikation «World's Luxury Guide» erschienen.