Über den Sinn des Lebens nachzudenken, braucht viel Zeit oder gute Diskussionspartner. Die Protagonisten in Luciano De Crescenzos Buch «Also sprach Bellavista» haben beides. Zusammen mit dem Ich-Erzähler begibt man sich auf eine Reise, die zu einigen Antworten, neuen Fragen und ins Herz von Neapel führt. Ich bin selbst seit den 1990er Jahren regelmässiger Besucher dieser liebevollen, leidenschaftlichen und chaotischen Stadt und begegne ihr auch durch meine wiederholte Lektüre dieses Buches immer wieder neu.

Die Mischung aus belletristischer Erzählung und philosophischem Essay eröffnet kurzweilige Perspektiven auf die neapolitanische Gesellschaft und die grossen Fragen des Lebens. Neapel steht dabei auch paradigmatisch für eine Gemeinschaft der Liebe, Freundschaft und Empathie, in der nicht der Kampf um den eigenen Vorteil siegt, sondern das Miteinander.

Philosophieren kann jeder

Der italienische Schriftsteller (und einstige IBM-Manager) De Crescenzo, der diesen Sommer im Alter von 90 Jahren verstorben ist, macht sich die klassische Methode des sokratischen Dialogs zu eigen:

Die Hauptfigur, Professor Bellavista, verkörpert einen neapolitanischen Sokrates der 1970er Jahre. In der Via Petrarca tauscht er sich mit Hauswarten und einem Ingenieur (dem Ich-Erzähler) über das Verhältnis von Freiheit und Liebe, Macht und Hass aus. Das macht er aber nicht nur auf lehrmeisterliche Art, wie es anfänglich erscheinen mag, sondern im Streitgespräch, in dem alle eine eigene Stimme haben und auch Bellavista selbst immer wieder herausgefordert wird.

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Hier zeigt sich ein tugendethischer und gerechtigkeitstheoretischer Charakterzug des Buchs: Philosophieren kann grundsätzlich jeder, ob Hauswart oder Professor, ob im klassischen Sinne gebildet oder nicht.

Ein Manko, das dieses Buch und seine Figuren indes aufweisen, sei aber in diesem Zusammenhang sogleich erwähnt: Es sind nur männliche Stimmen, die zu Wort kommen. Die Frauen verbleiben als Stereotype im Hintergrund. In der Hinsicht ist das Buch historisch zu lesen: geschrieben in einer Zeit, die noch viel stärker als heute von patriarchalen Strukturen geprägt war.

«Also sprach Bellavista», Luciano De Crescenzo, Diogenes 1988.

«Also sprach Bellavista», Luciano De Crescenzo, Diogenes 1988.

Quelle: ZVG

Die Mitte zwischen den Extremen siegt

Philosophisch nimmt das Buch ab dem ersten Drittel Fahrt auf: In kurzen, geistreichen und witzigen Abrissen verhandelt Bellavista Theorien von Epikur, Platon, Rousseau, Tschuang-Tse, Hobbes und Nietzsche. Es geht aber auch um italienische Politik und Wirtschaft, um Unternehmertum und Mafia; vor allem aber geht es um die Frage, ob der Wert der Freiheit oder der Wert der Liebe höher sei.

«Freiheit» ist dabei für Bellavista das Charakteristikum liberaler und individualistischer Gesellschaften, «Liebe» das Kennzeichen eher kommunitaristischer Gemeinschaften. Die Liebe ist der Freiheit entgegengestellt, weil sie Bindungen und altruistische Fürsorge verlangt, die Freiheit einschränken. Am Ende siegt die Mitte zwischen den Extremen, ganz im aristotelischen Sinne.

Das Buch hat mir geholfen, über meinen eigenen Führungsstil zu reflektieren. Sich gegenseitig respektvoll begegnen, als ein Netzwerk gemeinsam Ziele erreichen: flexibel und engagiert, divers und inklusiv, verantwortungsbewusst und nachhaltig. Das sind die Werte, die ich hochhalte und zu denen mich dieses Buch immer wieder von Neuem inspiriert.

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