An allen Ecken und Enden wird abgerissen, gebaut, modernisiert. Chongqing ist eine der am stärksten wachsenden Städte Asiens. Hier wachsen glitzernde Hochhaustürme wenige Meter von alten, verwitterten Holzhäusern in den Himmel. Nimmt man den ganzen Verwaltungsbezirk als Grundlage, so ist Chongqing mit über 32 Millionen Ein­wohnern die grösste Stadt der Welt. Und sie wird bei Touristen ­immer beliebter – gerade wegen des Gegensatzes zwischen neuem und altem China.

Mehr als 21 Millionen Menschen aus dem In- und Ausland besuchten Chongqing während des Frühlingsfestes 2012, über 43 Prozent mehr als im Vorjahr. Anders als Peking oder Schanghai blieb diese Metropole sehr chinesisch: Chaotisch, laut, urtümlich und ein wenig dreckig. Gleichzeitig leuchten nachts die Wolkenkratzer am Ufer des Jang­tse-Flusses, lächeln die Models von den Plakaten der westlichen Luxusmarken. Es ist die grosse Spannung zwischen Alt und Neu, die einen Besuch in der ­Megastadt so lohnenswert macht.

In Chongqing mündet der Jialing-Fluss in den Jangtse. Kreuzfahrtschiffe legen hier an, um ihre Gäste für die drei- bis viertägige Fahrt nach Schanghai einzu­laden. Das Stück zwischen Chongqing und der Wirtschaftsmetropole der Volksrepublik gilt als einer der schönsten Abschnitte, die der Fluss zu bieten hat – vorausgesetzt, die Sicht ist gut. Das ist in Chongqing nicht immer gegeben, wegen der Berge und der vielen Feuchtigkeit ist der Himmel oft verhangen. Zudem tut die Industrialisierung das Ihre zur Luftverschmutzung. Im Stadtzentrum, in Jiefangbei, wird alle paar Monate ein neuer Wolkenkratzer fertig. Auch Konsumtempel entstehen immer mehr. Gucci residiert gleich neben Cartier und Zegna. Im Kaufhaus Metropolitan Plaza sind Moschino, Salvatore Ferragamo oder Rimowa vertreten.

Ein kurzer Spaziergang durch Jiefangbei reicht, denn es gibt in Chongqing Spannenderes zu sehen. Ciqikou, die über tausend Jahre alte Porzellanstadt etwa. Für das Viertel braucht man allerdings auch ein bisschen Zeit. Schon die Fahrt dauert: Ciqikou liegt auf einem der Berge, für die Chongqing bekannt ist; die Strasse windet sich in engen Bögen nach oben. Natürlich staut sich der Verkehr, wie so oft.

Der Busfahrer öffnet die Türen, von nun an geht es zu Fuss weiter, über die Brücke mit den steinernen Löwenfiguren. Ausnahmsweise scheint die Sonne, eine Seltenheit in Chongqing. Strassenhändler verkaufen scharfen Sichuan-Pfeffer und fertigen aus zuckrigem Sirup filigrane Tierbilder. Gegenüber, auf der anderen Seite des Platzes mit dem dicken Baum, lehnen Bilder mit chinesischer Kalligraphie an der Hauswand – schöne Pinselschwünge mit schwarzer Tinte auf weis­sem Papier.

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Von den Hügeln Ciqikous aus gesehen sind die Wolkenkratzer in Jiefangbei weit weg. Sehenswert sind das General-Stilwell-Museum, das an einen General aus dem Zweiten Weltkrieg erinnert, als Chongqing Chiang Kai-shek und seiner Kuomintang als Kriegshauptstadt diente, sowie das Red Rock Village Museum. Von hier aus führte die Kommunistische Partei Chongqings während des Zweiten Weltkriegs ihren Kampf gegen die Kuomintang, sowohl Zhou Enlai als auch Mao ­Zedong waren vor Ort.

Die rund 90 Kilometer entfernten Dazu-Berge und ihre Steinskulpturen sind ebenfalls für Besucher dieser chinesischen Stadt einen Besuch wert. Die Anlage gehört zum Unesco-Weltkulturerbe und stammt aus dem siebten Jahrhundert nach Christus. Zu sehen sind mäch­tige Figuren aus dem Buddhismus, Daoismus und Konfuzianismus.

Doch es gibt auch die klas­sichen Touristenfallen. Weniger zu empfehlen ist dagegen das Hongyadong-Haus, das sich im Stadtzen­trum am Ufer des Jangtse mehrere Stockwerke hoch an den Berg schmiegt. Die ­vielen roten Laternen und die goldenen Schnitzereien haben ihren Reiz, doch ­verrät der gläserne Aufzug, der aussen auf und ab fährt, dass hier nichts so alt ist, wie es aussieht.Nina Trentmann

Anreise:
Finnair bietet einen Hin- und Rückflug von Zürich aus via Helsinki direkt nach Chongqing für rund 1'200 Franken an.