Herr Jenny, das Festival findet im Juli tatsächlich statt. Wie war das möglich?
Dank einer Mischung aus Mut und Glück. Wir haben das Glück, ein kleines Festival zu sein, an unseren Konzerten hat es ­selten Platz für mehr als 200 Leute. Damit wir Distanz garantieren können, brauchten wir aber grössere Räume. Hier kamen die St. Moritzer Hotels gelegen, mit ihren Ball- und Theatersälen. Letztlich war es aber eine Entscheidung, die wir quasi um fünf vor zwölf vor den ersten Lockerungen durch den Bundesrat fällen mussten: Versuchen wirs? Oder lassen wirs bleiben?

Wie bitte? Die Lockdown-Regeln gaben ja wenig Grund zu Optimismus.
Die Geschichte unseres Tals ist eine der grossen Taten. Alles, was wir hier oben erreicht haben, verdanken wir Spinnern, die entgegen allen guten Ratschlägen ihre Träume verfolgt haben. Wir stehen hier also in ­einer gewissen Tradition.

Christian Jott Jenny

Christian Jott Jenny (42) ist Gründer des Festival da Jazz und seit 2019 auch Gemeindepräsident von St. Moritz. Wegen Corona hat er umgestellt und die Auftritte auf viele Bühnen verteilt.


Was wird dieses Jahr am Festival anders sein?
Alles und nichts. Wir haben so geniale Acts wie immer, aber halt nicht aus Übersee, sondern dem ­Inland und dem nahe gelegenen Ausland. Die Atmosphäre wird hingegen eine ganz andere sein. Im Dracula Club waren wir das intime Jazzfestival. Intimität ist jetzt aber Staatsfeindin Nummer eins, also bleibt der Club ­dieses Jahr zu. Aber in einem Ballsaal mit nur wenigen anderen Zuschauern grosse Musik zu konsumieren, ist eben auch ein einmaliges Erlebnis.

Wird sich die Kulturbranche vom Schock wieder vollständig erholen?
Es wird schon Anbieter geben, die das zum Anlass nehmen, aufzuhören. Oder dazu gezwungen werden. Mittel- und langfristig werden wir wieder zur alten Form zurück­finden, solange nicht das nächste Virus an die Tür klopft.

Sie sind auch Gemeindepräsident von St. Moritz. Wie sieht es für die Sommersaison touristisch aus?
Wenn wir Glück haben, ganz vernünftig. Viele Hotels melden gute Buchungszahlen. Ganz unabhängig von Corona spüren wir, dass viele im Sommer unser Klima schätzen. Nicht mehr alle wollen bei 30 Grad im Schatten von ­Pinien liegen. Bei 22 Grad unter Fichten ist das Leben auch schön.

Keine Angst vor den Gästen aus dem Corona-gebeutelten Nachbarland Italien?
Wenn man Angst vor Gästen hat, sollte man keine Tourismusregion sein.