«Spieglein, Spieglein an der Wand.» Zu diesem Spruch gibt es eine vermeintliche Grundwahrheit: Egal, wie oft man den Spiegel zu Rate zieht – er antwortet nie. Ausser im Märchen natürlich. Und im Falle von Brynn Putnam. Der Spiegel, den sie erfunden hatte, sprach deutlich. Und nannte eine Zahl: 500 Millionen Dollar.

Aber der Reihe nach. Die Tänzerin, Fitnesslehrerin und Tüftlerin Brynn Putnam, heute 37, kam irgendwann auf die Idee, mehr aus den Spiegeln zu machen, die in ihrem New Yorker Fitnessstudio Refine Method herumstanden. Ihr Ansatz: die Dinger smart zu machen. So smart, dass man zu Hause einen Tech-Spiegel platzieren könnte, in dem man sich selber und einen Fitnesstrainer sehen würde, der einen zum Schwitzen bringt.

Putnam erschuf den interaktiven Fitnessspiegel «Mirror», Geschäftsmodell inklusive. Zusätzlich zu den Kosten von rund 1500 Dollar pro Spiegel bezahlen Mirror-User monatliche Gebühren für Kurse, die ihnen aufs Gerät gespielt werden. Der smarte Spiegel, 2018 in den Markt eingeführt, entpuppte sich als Senkrechtstarter.

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Tänzerin

Brynn Putnam begann schon im Alter von drei Jahren mit Tanzen und war später Mitglied des New York City Ballet. Nebenher gründete sie ihr eigenes Boutique-Fitnessstudio Refine Method. Es war in einer Russisch-Orthodoxen Kirche in Manhattan einquartiert und musste immer sonntags ausziehen. Logo: An jenem Tag pflegt die Kirche nun mal ihr wichtiges Kerngeschäft.

Billig

Die erste Version des Fitnessspiegels baute Putnam in absoluter Low-Cost-Manier: Das Gerät bestand aus einer Glasplatte, einem Amazon-Tablet und einem Minirechner. Ein minimal überlebensfähiges Produkt eben, so wie es viele Startupper und -upperinnen pflegen.

Bettlägerig

Jedes Startup braucht eine mythenumrankte Gründergeschichte. Diejenige von Mirror ist eine besonders schöne Geschichte: Als Putnam ihre erste Startfinanzierung abschloss, tat sie das liegenderweise. Im Spital. Denn erst ein Tag zuvor war ihr Kind zur Welt gekommen.

Ab Frühling 2020 setzte dann der Zweitzünder ein: Abertausende US-Konsumenten legten sich im Covid-19-bedingten Homeoffice einen «Mirror» zu. Zusätzlich zu PC und Smartphone starren sie seither auf einen dritten Bildschirm: den Mirror von Frau Putnam.

Zur Jahresmitte 2020 wurde Putnams Startup vom kanadischen Sportswear-Anbieter Lululemon übernommen. Zu welchem Preis? Rückspiegel einstellen, bitte. Mit Sicht auf den ersten Abschnitt. 

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