Misano an Italiens Adriaküste zwischen den edlen Ferienorten Riccione und Cattolica gelegen, wird regelmäs­sig im Oktober zu einer kleinen helvetischen Exklave. Dann parken am ­Circuit Marco Simoncelli erstaunlich viele Lastwagen mit Schweizer Kontrollschildern – und noch mehr hochgerüstete ­Porsches. «Misano», wie die Strecke im Jargon nur heisst, wird vor allem von den Ausrichtern der Motorrad-Weltmeisterschaft genutzt – im Oktober jedoch kommt jeweils der Porsche Sports Cup Suisse zu Besuch. Hier treten vor ­allem Hobby-­Motorsportler mit ihren Stuttgarter Boliden gegeneinander an – die aber ­professionell von Schweizer Teams und Garagen betreut werden und ziemlich ­anständig angasen.

Im deutschen Schwester-Wettbewerb, dem Carrera Cup, fahren zahlreiche ­Profirennfahrer mit, einige davon finden sich wiederum im Supercup, einer Art Weltmeisterschaft dieses Markenpokals.

Markenpokal heisst: Alle fahren dasselbe Modell. In der höchsten Kategorie den 911 GT3 Cup, einen reinrassigen Rennwagen unter der Haut eines klassischen 911, auf 1200 Kilo abgeschlankt, der maximal 485 PS leistet und 480 Newtonmeter Drehmoment Schub entwickelt. Und nicht auf normalen Strassen verkehren darf.

Fast 50 Prozent höher motorisiert

Warum erzählen wir das alles? Weil Porsche einen Strassen-911 gebaut hat, der unglaubliche 700 PS leistet und 750 Newtonmeter Bums hat, die gemeinsam über die Hinterachse herfallen – und ­diesen GT2 RS genannten Supersportler, der in seiner Kategorie den prestigeträchtigen Rundenrekord auf der Nürburgring-Nordschleife hält, ebenfalls nach Misano verfrachtet hat, und zwar gleich in drei­facher Ausführung.

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Da fährt man also mit einem Gerät, das fast 50 Prozent höher motorisiert ist als die «echten» Rennwagen; da erhalten Werte wie «Respekt» und «realistische Selbsteinschätzung» eine ganze neue Bedeutung. Denn der GT2 RS ist zwar alles andere als ein bockiger Jungstier: Er fährt mit satter Strassenlage in die Kurven, wirkt schwerer, als er in Wahrheit ist.

Die «echten» Racecars und der Alleskönner Porsche 911 GT2 RS unterscheiden sich auf den ersten Blick kaum.

Die «echten» Racecars und der Alleskönner GT2 RS unterscheiden sich auf den ersten Blick kaum. Und auch die Strassenlage ist absolut tauglich für die Rennstrecke.

Quelle: ZVG

Der «kleinere» Bruder GT3 RS, der selbst an der Kategorie Supersportler streift, wirkt verspielter und nervöser. Der GT2 RS ist definitiv erwachsener – wie ein Pirmin Zurbriggen, dessen Kinder alle 911 im Namen tragen würden.

Vertrauen ist besser

In der Kurve sind die Racer mit ihren GT3-Cup-Modellen aber meist schneller, es sind ja auch Drittel- und Halbprofis. Vollprofi ist dafür der GT2-RS-Coach: der Österreicher Richard Lietz, amtlicher Werksfahrer der Dr. Ing. h.c. F. Porsche AG, einer ihrer Schnellsten. Er fährt voran, gemächlich zuerst, demonstriert die beste Linie, «nach und nach beschleunigen wir früher und bremsen später, dafür aber nachdrücklicher», sagt er durchs Funkgerät.

Hier kann man ziemlich eindrücklich zwei Dinge lernen: Erstens sind 700 PS nun doch eine Menge Holz. Und wer sich also von der Ideallinie verkrümelt hat, weil die Racer durchwollten, kann erleben, was das berühmte «Pick-up», von dem in ­Motorsport-Fernsehsendungen immer die Rede ist, in der Realität bewirkt: Die warmgefahrenen Reifen sammeln so viele Gummiteilchen auf, dass die Haftung rapide absinkt; selbst beim Beschleunigen auf der Gerade will das Auto so unruhig werden, dass sich die Stabilitätskontrolle einschaltet. Da kann einem schon mulmig werden.

Doch so lernt man zweitens: Vertrau dem Auto! Es fährt im Zweifel viel sicherer als der Fahrer, man muss nur die elektronischen Helferlein ihre Arbeit machen lassen. Inzwischen sind sie derart ausgereift, dass sie bedenkenlos eingeschaltet bleiben können; den Spass verderben sie längst nicht mehr.

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Richard Lietz

Beratung vom Werksfahrer: Richard Lietz macht das Ganze beruflich und ist in seiner Zunft einer der Besten.

Quelle: ZVG

Und noch etwas Drittes wird zum «Learning»: Rennfahren ist keine ­Sache der Aggression, sondern der Prä­zision. Es sei, sagt Richard Lietz, «für ­Amateure durchaus möglich, bis auf zwei Sekunden an die Rundenzeit eines Profis heranzukommen – aber die letzte Sekunde noch zu finden, wird dann sehr schwer». Uns fehlten viel mehr als zwei Sekunden: Wer den Respekt vor einem Über-Auto wie dem GT2 RS in Racer-Können umbauen will, müsste sehr viel üben.

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Dreistufige «Racing Experience»

Weil darauf immer mehr Leute Lust haben, Zeit und Geld ebenso, haben die Stuttgarter ein Rundum-Service-Paket für Einsteiger aufgelegt: die dreistufige «Racing Experience». Porsche stellt einen GT3 Cup, Reifen und alle Verschleissteile, Fahrerausrüstung, Simulator-Training, Arzt, Physio- und Mental-Coach und führt Kursteilnehmer von null bis in nationale Serien wie den Sports Cup, bei Eignung auch in eine «echte» Karriere hinein.

Der sechstägige Kurs für die erste Stufe, die mit dem Erwerb der internationalen Lizenz abschliesst, kostet rund 60 000 Euro plus Mehrwertsteuer. Man kann sich aber auch, für knapp 190 000 Euro netto, einen GT3 Cup zulegen. Der ist immer noch rund 100 000 Euro günstiger als der GT2 RS – der aber ist ausverkauft. Und mit dem Cup sind Sie vermutlich schneller. Es sei denn, im GT2 RS sitzt Richard Lietz.

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