Kreditkrise? Schwächelnde Börsen? Konjunkturelle Bremsspuren? Was dieser Tage für Schlagzeilen in der Wirtschaftspresse sorgt, hat sich in den Vermögen der 300 Reichsten in der Schweiz – zumindest bislang – nicht niedergeschlagen. Die 300 Reichsten sind 2007 um sagenhafte 74 Milliarden Franken reicher geworden. Zusammen besitzen sie ein Vermögen von 529 Milliarden, wie die 19. Gold-Ausgabe der BILANZ aufzeigt.

Derart vermögend waren die 300 Reichsten der Schweiz noch nie. Als BILANZ 1999 die Anzahl der Reichsten von bis dahin 250 auf 300 erhöhte, belief sich deren Habe auf 374 Milliarden Franken (siehe «Reichlich reicher» rechts unten). Innerhalb von acht Jahren sind die Vermögen um 155 Milliarden Franken oder um mehr als 40 Prozent in die Höhe geschossen.

529 Milliarden Franken. Ein Geldberg, den sich wohl auch ein Bankier visuell wie wertmässig kaum vorstellen kann. Zum besseren Verständnis: Dieser Betrag, unter alle Einwohner der Schweiz aufgeteilt, würde jedem Einzelnen 74 500 Franken eintragen – einen netten Weihnachtsbonus. Gottlob handelt es sich hierbei nur um eine Rechenübung; denn würden die 529 Milliarden tatsächlich unters Volk gebracht, löste dies einen noch nie gesehenen Konsumrausch aus, die Wirtschaft geriete aus den Fugen, die Inflation schösse durch die Decke. Sowieso sind mindestens neun Zehntel dieser 529 Milliarden nicht in Form von Cash vorhanden; das Geld ist investiert, vor allem direkt in Unternehmen, an der Börse, in Immobilien, Kunst und anderem. Ein Umstand, auf den gerade die Unternehmer unter den 300 Reichsten immer wieder hinweisen.

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Die 529 Milliarden Franken entsprechen, umgelegt auf die 300 Reichsten, einem Durchschnittsvermögen von 1763 Millionen Franken. Allerdings ist auch unter den Vermögendsten der Schweiz der Reichtum unterschiedlich verteilt. Alleine die zehn Reichsten besitzen zusammen 143 Milliarden Franken oder mehr als ein Viertel des Gesamtvermögens aller 300 Superreichen. Die Top Ten reklamieren auch vom gesamten Zuwachs von 74 Milliarden Franken den Hauptharst für sich; das Vermögen der zehn Reichsten ist 2007 um 20 Milliarden angeschwollen.

Dieses Jahr wurden viele der 300 Reichsten in den Milliardärsstand erhoben. Gut jeder Dritte, genauer deren 120, besitzt mehr als eine Milliarde Franken. Das Wirtschaftsmagazin «Forbes» ortet weltweit 946 Milliardäre in 53 Nationen. Mit anderen Worten: Jeder achte Milliardär wohnt in
der Schweiz. Knapp jeder zweite der 300 Reichsten ist Wahlschweizer. Speziell Milliardäre geniessen das milde Fiskalklima in der Schweiz, ja profitieren als Ausländer oft von Steuerabkommen. Unter den 120 Milliardären stellen die Schweizer nur gerade jeden Dritten, der Rest hat einen ausländischen Pass oder ist eingebürgert.

Unter den 300 Reichsten sind einige wenige etwas weniger reich, viele allerdings deutlich reicher geworden. Den massivsten Vermögenszuwachs kann Ingvar Kamprad vorweisen: plus zehn Milliarden Franken. Nicht dass der Schwede und Wahlschweizer tatsächlich um diese gewaltige Summe reicher geworden wäre. Vielmehr lag bislang der echte Wert des von ihm gegründeten Möbelimperiums Ikea im Dunkeln, die BILANZ musste kräftig nachbessern. Das hat sich der sonst so verschwiegene 81-Jährige selbst zuzuschreiben. Ende 2006 lud der gebürtige Schwede in seiner Heimat zur intimen Betriebsfeier und erzählte dort in aufgeräumter Stimmung, Ikea entrichte 6,5 Milliarden schwedische Kronen an Steuern, was einem Viertel des Konzerngewinns entspreche. Damit war das grösste Betriebsgeheimnis, die Ertragslage von Ikea, vom obersten Lenker selbst gelüftet. Die umgerechnet 4,5 Milliarden Franken liegen über dem Betrag, den die BILANZ bislang als Gewinn geschätzt hat, was zur milliardenschweren Aufbesserung führte.

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Mit einem geschätzten Besitz von 35 bis 36 Milliarden Franken führt Kamprad unangefochten die Spitze der 300 Reichsten an – nun bereits zum sechsten Mal. Mit diesem Vermögen belegt er unter den Reichsten dieser Welt Rang vier. Als der alte Schwede erstmals in der BILANZ-Liste auftauchte – man schrieb das Jahr 1993 –, wurde er noch auf drei bis vier Milliarden veranschlagt, übrigens bei einem Ikea-Umsatz von rund sieben Milliarden. Heute sind es 33 Milliarden Franken.

Die zweitgrösste Vermögensmehrung, nämlich sechs Milliarden, kann der Russe Dmitry Rybolovlev vorweisen. Der in Genf lebende Oligarch, der einst in seiner Heimatstadt Perm als Internist kein Auskommen fand und deshalb ins Investment Banking umstieg, krallte sich vor sieben Jahren die Mehrheit am Düngerproduzenten Uralkali. Als die in Russland gehandelten Aktien immer höher stiegen, liess er sie flugs ebenso in London kotieren. Was dem Wahlschweizer Milliarden in die Privatschatulle spülte. Den gleichen Zuwachs können die in der Zentralschweiz und in Baselland residierenden Brenninkmeijers für sich reklamieren. Zwar hat die Dynastie ihr Geld mit dem Vertrieb von Textilien via ihre Kette C&A gemacht, beweist nun aber auch mit hochlukrativen Investments im Bereich erneuerbare Energien ihr Gespür fürs Geldverdienen. Daneben haben weitere Reichste ihre Vermögen fleissig gemehrt; die zehn grössten Aufsteiger konnten ihren Reichtum innerhalb von zwölf Monaten um 39 Milliarden Franken in die Höhe stemmen.

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Die enorme Vermögensvermehrung speziell an der Spitze zog Verschiebungen in den Top Ten nach sich. Aus Rang und Traktanden, sprich aus der Liste der zehn Reichsten, gefallen sind der Autohändler Walter Haefner sowie die Familie Landolt. Sie befanden sich jahrelang in diesem exklusiven Club. Verdrängt wurden sie vom bereits erwähnten Russen Dmitry Rybolovlev sowie vom Transportunternehmer Klaus-Michael Kühne, der dank beträchtlichen Kursgewinnen der Aktien seiner Kühne + Nagel vorgerückt ist. Mit Rybolovlev sowie dem bereits 2006 dazugestossenen Viktor Vekselberg zieren nun zwei russische Namen die Rangliste der zehn Vermögendsten.
Im Jahr der rekordhohen monetären Zuwächse sind kaum Verlierer auszumachen. Nur bei neun Reichsten waren Einbussen zu registrieren. Mit einem Minus von zwei Milliarden Franken haben die Familien Hoffmann und Oeri den grössten Verlust zu beklagen; die Aktien des von ihnen kontrollierten Pharmakonzerns Roche gerieten in den letzten Wochen stark unter Druck. Mit einem Vermögen von 18 bis 19 Milliarden verteidigen die Nachkommen der Roche-Gründer jedoch mühelos Rang zwei unter den 300 Reichsten. Der Schwund um 1,4 Milliarden auf noch 300 bis 400 Millionen Franken bei Margherita Agnelli de Pahlen ist Folge einer Neueinschätzung: Da sich die Nachkommen des verstorbenen Fiat-Patrons Gianni Agnelli um Milliarden balgen, der Prozess aber erst Anfang kommenden Jahres über die Bühne geht, wird das Vermögen der Contessa nun separat und entsprechend tiefer aufgeführt. Zu den Grossverlierern, die je eine Milliarde an Vermögensschwund erfahren haben, gehören im Weiteren Bahaa Al-Hariri sowie die Familie Landolt.

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19 neue Personen oder Familien mit einem Mindestvermögen von 100 Millionen Franken – so viel ist nötig für den Einzug unter die 300 Reichsten der Schweiz – werden in diesem Jahr in der Liste geführt. Darunter sind bekannte Namen zu finden: die Bankiers Karl und Christof Reichmuth sowie Konrad Hummler, der frisch ins Waadtland zugezogene britische Stararchitekt Lord Foster oder Heinz Spross, Erbe des «Gärtners der Nation». In die Liste der Reichsten gesungen hat sich die in der Welschschweiz lebende «Weisse Rose aus Athen», die Griechin Nana Mouskouri.

Den stärksten Zuzug erfuhr die Kategorie der reichsten Manager. «Mit Arbeit wird niemand reich», hiess es in früheren Jahren. Diese Erkenntnis ist überholt. 13 der 300 Reichsten sind Manager. Nun sind vier neue Gesichter dazugekommen. Frisch im Rennen: Marcel Ospel und Daniel Vasella. Beide stehen mit einem Vermögen von 100 bis 200 Millionen Franken zu Buche, und beide stehen als Firmenchefs unter Druck; Ospel wegen milliardenschwerer Abschreiber bei UBS im Zusammenhang mit der Kreditkrise, Vasella wegen des Krebsgangs der Novartis-Aktien. Was Vasella selbst am meisten schmerzt, denn er hat den Grossteil seines Vermögens in Novartis parkiert. Weitere Newcomer sind Bank-Bär-CEO Johannes de Gier sowie Sergio Marchionne. Letzterer hat den einst schwer schlingernden Autokonzern Fiat wieder auf Tempo gebracht und dafür zehn Millionen Fiat-Aktienoptionen eingestrichen.

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Den neuen Reichsten müssen zwangsweise alte Namen weichen, auch wenn sie weiterhin ein Vermögen von mindestens 100 Millionen Franken besitzen; die Gesamtzahl ist nun mal auf 300 begrenzt. Dem Streichkonzert zum Opfer gefallen sind beispielsweise Werner Braun, Werner Ernst Huber, Eberhard von Koerber oder Fanny Rodwell. Verstorben ist Ursula Wirz, einst Besitzerin des Berner Druckmaschinenherstellers Wifag; sie brachte ihr Vermögen kurz vor ihrem Tod in eine Stiftung ein. Unter die Schwelle von 100 Millionen Franken rutschte die Familie Rouge; sie hat ihre Mehrheit an der Getränkeunternehmung Henniez an Nestlé verkauft – weit unter dem Börsenwert.

Doch nun genug damit. Ich hoffe, die Neugierde der Leserschaft geweckt zu haben. Frisch hereinspaziert, meine Damen und Herren, Manege frei für den Aufmarsch der 300 Reichsten. Die Scheinwerfer sind ausgerichtet auf 529 Milliarden Franken.

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