Arme Reiche. Zwei Jahre lang setzte ihnen die Finanz- und Wirtschaftskrise aufs Heftigste zu. Ging es mit dem Reichtum – einmal abgesehen von den breiten Verlusten im Gefolge der geplatzten Technologieblase im Jahre 2001 – lange Zeit nur aufwärts, so verloren die 300 Reichsten der Schweiz 2008 und 2009 insgesamt 80 Milliarden Franken an Vermögen. In diesem Jahr jedoch hat sich das Blatt, zumindest in gewissen Bereichen, wieder gewendet. Die steigenden Immobilienpreise, die partielle Erholung des Kunstmarkts, die anziehende Nachfrage nach Uhren und Schmuck sowie die Erholung im Banken- und Finanzgeschäft liessen die Vermögen der 300 Reichsten wieder ansteigen, und zwar um 21 Milliarden Franken.

In der neusten Ausgabe der Gold-­BILANZ werden die 300 Reichsten mit einem Gesamtvermögen von 470 Milliarden Franken aufgeführt. Umgelegt auf ­jede der 300 Personen respektive Familien entspricht dies einem Durchschnitt von 1567 Millionen Franken. Es war auch schon mehr im goldenen Topf heimischen Reichtums. 2007, als sich die Dimension der Finanzkrise noch nicht erahnen liess, brachten die 300 Wohlhabendsten 529 Milliarden auf die Waage. Die derzeit ­470 Milliarden Franken sind immerhin der zweithöchste Vermögensstand, den BILANZ seit 1989 gemessen hat. Damals erschien die erste Ausgabe der Reichstenliste, die allerdings erst 100 Namen umfasste.

Der diesjährige Zuwachs von 21 Milliarden Franken ist zu einem nicht unwesentlichen Teil den 15 Personen zuzuschreiben, die in diesem Jahr erstmals in der Liste aufscheinen. Sie besitzen ein Vermögen von jeweils mindestens 100 Millionen Franken. So viel ist nötig, um in die Zusammenstellung der 300 Reichsten Einlass zu finden. Die 15 Neuzugänge jedenfalls schaffen es zusammen auf ein Vermögen von 15,1 Milliarden Franken. Ein interessanter Punkt: Zwölf der Neuen oder vier Fünftel sind aus dem Ausland in die Schweiz gezogen, davon haben fünf deutsche Wurzeln. Ungeachtet der Diskussionen um die Pauschalbesteuerung respektive deren Abschaffung im Kanton Zürich, der SP-Initiative um mehr Steuergerechtigkeit oder des international für wenig Vertrauen sorgenden Seilziehens um das Bankgeheimnis übt die Schweiz eine unverändert hohe Anziehungskraft auf ausländische Vermögende aus.

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Nicht nur der im europäischen Vergleich tiefen Steuern wegen. Einige der neuen Reichsten sind in ihrer Wahlheimat unternehmerisch tätig. Christoph Zeller etwa, Herr über 1,5 bis 2 Milliarden Franken, führt im Fürstentum Liechtenstein die auf Zahnfüllmaterialien, Vollkeramik sowie Dentalgeräte spezialisierte Familien­firma Ivoclar Vivadent. Oder der Sohn des aus Schweden stammenden Olle Larsson (600 bis 700 Millionen) steuert die Medizinaltechnik-Gruppe Medela in Zug.

Steuerfrage. Nicht der Steuern wegen in der Schweiz wohnt Ivan Glasenberg. Der Südafrikaner mit australischem Pass landete in Diensten von Marc Rich 1991 in Zug, seit acht Jahren dirigiert er in Baar den weltgrössten Rohstoffhändler, Glencore, als CEO. Bereits einige Zeit lebt der 53-Jährige mit Frau und zwei Kindern in Rüschlikon ZH, nicht gerade bekannt als Steueroase. Dennoch liess er sich jüngst ebendort einbürgern. Dabei könnte der öffentlichkeitsscheue Glasenberg mit einem Wohnsitz beispielsweise im Kanton Schwyz zig Millionen sparen, denn mit seiner Beteiligung an Glencore im Wert von gegen zwei Milliarden gäbe es bei den Steuern einiges zu optimieren.

Bei einer Minderheit der Zuzüger spielt das Steuerargument dagegen eine treibende Rolle. So ziehen immer mehr Hedge Funds von London in die Schweiz, vor allem an die Gestade des Genfersees. Damit wollen die Geldmanager die vor Jahresfrist in der Themsestadt eingeführten Bonussteuern sowie die schärfere Regulation umgehen. Ein schwergewichtiger Zuzug ist die Brevan Howard Asset Management, mit einem verwalteten Vermögen von 30 Milliarden Dollar einer der grössten Hedge Funds Europas. Mitgründer Alan Howard (geschätztes Vermögen: 1,5 bis 2 Milliarden) hat sich in diesem Jahr in Genf niedergelassen und baut dort den Schweizer Satelliten auf. In den nächsten Jahren werden wohl weitere Hedge-Fund-Manager Einzug in die ­BILANZ-Reichstenliste halten.

Mit einem Vermögen von 2 bis 3 Milliarden reichster Neuling ist die deutsche Textildynastie Cloppenburg. Patron Harro Uwe Cloppenburg hat sich in der steuergünstigen Schwyzer Gemeinde Feusisberg häuslich eingerichtet, zieht aber weiter von Düsseldorf aus die Fäden im Kleiderkonzern Peek & Cloppenburg, dem auch Dutzende Top-Liegenschaften gehören. Weitere interessante und frische Namen: der milliardenschwere Erdölhändler Torbjörn Törnqvist, der Credit-Suisse-Lenker Brady Dougan sowie deutsche Erben mit klangvollen Namen wie Bauknecht oder Eckes-Chantré.

Wo 15 Namen in einer zahlenmässig begrenzten Liste neu aufscheinen, müssen zwangsläufig 15 alte weichen. Gestorben sind der deutsche Verleger Richard Gruner, der Basler Stargalerist Ernst Beyeler sowie der Zürcher Mäzen Branco Weiss. Einige wenige Reichste zogen, primär aus unternehmerischen Gründen, ins Ausland. Andere bringen es nicht mehr auf ein Vermögen von 100 Millionen. So Hans Jörg Graf, dessen Hauptbeteiligung an der von ihm mitgegründeten Bellevue Group unter heftiger Schwindsucht leidet.

Top Ten sind noch reicher. Einen spürbaren Vermögensschub um fünf ­Milliarden Franken haben die Top Ten erfahren. Sie besitzen nun zusammen 119 Milliarden Franken. Das ist fast das Doppelte jener Summe, welche die 100 Vermögendsten 1989 gemeinsam auf die Waage brachten. Nur ist die Vermögensentwicklung der zehn Allerreichsten dieses Jahr unterschiedlich ausgefallen. Um nicht weniger als drei Milliarden auf 38 bis 39 Milliarden zugelegt hat der Schwede ­Ingvar Kamprad, der seit Jahrzehnten das milde Steuerklima am Genfersee geniesst. Immer mehr Menschen, zunehmend auch Asiaten, schrauben sich Ikea-Möbel zusammen. Die Cashmaschine wächst im Schnellzugstempo und spült Gewinnmargen von über zehn Prozent in Kamprads Taschen. Zwei Milliarden gewonnen hat der russische Wahlschweizer Dmitry ­Rybolovlev dank dem Verkauf seiner Mehrheit am Düngemittelriesen Uralkali. Mit 7 bis 8 Milliarden ist er nach zwei­jähriger Absenz wieder unter den zehn Reichsten. Im selben Ausmass hat sich das Vermögen der C&A-Eigentümer, der ­Familie Brenninkmeijer, erholt.

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Verdrängt aus der Gruppe der Allerreichsten wurden dafür die Latsis. Die aus Griechenland stammende Familie leidet schwer unter der Griechenlandkrise. Zwar hat der seit langem in der Rhonestadt ansässige Clan seinen Besitzstand breit diversifiziert. Doch die massgeblichen Investments bei der European Financial Group und der börsenkotierten Bank EFG International haben das Familienvermögen arg zerzaust. Allein in den letzten zwölf Monaten haben sich zwei Milliarden in Luft aufgelöst, über die letzten drei Jahre waren es neun Milliarden. Ein weiteres Mal gelitten hat auch das Vermögen der Familien Hoffmann und Oeri. Die Roche-Erben erlitten wegen der sinkenden Aktienkurse des Pharmakonzerns einen Schwund um zwei Milliarden.

Segen von der Börse. Auch sonst ist das Bild gemischt. 38 Aufsteigern bei den Vermögen stehen 32 Absteiger gegenüber. Die Reichsten mit Zuwächsen im Milliardenbereich haben den Geldsegen in den meisten Fällen Börsengewinnen zu verdanken – obwohl sich die Aktienmärkte nicht gerade in Top-Form präsentieren. Dank Kursavancen legten Bierkönig Jorge Lemann oder die Unternehmerfamilien Schindler und Bonnard je zwei, die Familien Hayek sowie Jacobs und der Transpor­teur Klaus-Michael Kühne eine Milliarde Franken zu. Aus eigener Kraft konnte das Schweizer Tennis-Ass Roger Federer seinen Kontostand annähernd verdoppeln. Seine Zwillinge dürfen sich – wenn auch sichtbar erst in einigen Jahren – an einem Zuwachs um 100 Millionen freuen.

Bei den Absteigern das gegenteilige Bild: Thomas Schmidheiny oder Hansjörg Wyss verloren je eine Milliarde wegen Börsenverlusten. Ausgeprägt sind dieses Jahr die Vermögenseinbussen aufgrund von Währungsveränderungen. Einige Dutzend Reiche aus Frankreich, Italien, Deutschland oder andern Ländern Europas leben zwar in der Schweiz, doch ihre Besitztümer, meist Firmen, befinden sich im Ausland. Die Abwertung des Euro um gute dreizehn Prozent innert Jahresfrist hat die Habe von Reichsten wie Carlo De Benedetti, der Familie Mackie, von Dame Vivien Duffield oder der Familien Fournier und Defforey zwischen 100 und 750 Millionen Franken geschmälert – zumindest auf dem Papier. Echte Währungsverluste fallen erst an, wenn sie Vermögenswerte oder deren Ertrag in die Schweiz transferieren. Dagegen muss Mar­gherita Agnelli de Pahlen eine Einbusse von 800 Millionen aus anderen Gründen verschmerzen: Die Contessa hat den von ihr angezettelten Erbschaftskrieg gegen ihren Sohn, den Fiat-Haupterben John Jacob Elkann, auf der ganzen Linie verloren.

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Viele unter den 300 Reichsten sorgen für zahlreiche Arbeitsplätze in der Schweiz. Dazu zählt auch mancher Ausländer. Immerhin sind mehr als 130 Wahlschweizer auszumachen, also beinahe jeder Zweite unter den Superreichen. Von ihnen stammen wiederum rund die Hälfte aus deutschen Landen. Wie segensreich sich ihr Zuzug auf die Schweizer Volkswirtschaft auswirken kann, zeigt das Beispiel der ­Familie Liebherr. Um seinen Kindern die kaum kalkulierbare Belastung einer Nachlassbesteuerung in der deutschen Heimat zu ersparen, zog Hans Liebherr mitsamt fünfköpfiger Kinderschar und gleichnamigem Baumaschinenkonzern Ende der siebziger Jahre in den Kanton Freiburg, der schon damals keine Erbschaftssteuer für direkte Nachkommen kassierte.

Die vom deutschen Fiskus in Rechnung gestellte Wegzugssteuer von knapp 100 Millionen D-Mark hat sich für den Patron gelohnt. Seither prosperiert das in zweiter Generation von den Geschwistern Isolde und Willi Liebherr gemeinsam geleitete Unternehmen mit Hauptsitz Bulle. Es ist heute weltweiter Branchenprimus sowie in weiteren Gebieten aktiv. Konzernweit werden mehr als 32 000 Mitarbeiter beschäftigt – davon rund 1000 Personen in der Schweiz.

In der helvetischen Alpenrepublik leben 121 Milliardäre. Das US-Wirtschaftsmagazin «Forbes» ortet weltweit 1011 Dollarmilliardäre. 403 von ihnen haben ihren Wohnsitz in den USA, gefolgt von China mit 128 Milliardären. Die Schweiz belegt Rang drei, sie belegt gar Rang eins, wenn es um die Milliardärsdichte nach Bevölkerungszahl geht. Das kleine Land weist einen Milliardär auf 65 000 Einwohner auf. In Gstaad entspannen sich über die Weihnachtstage mehr Milliardäre als sonstwo in der Schweiz.

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Genug der Ouvertüren. Sie halten die 22.  Ausgabe der Gold-BILANZ in Händen. Bühne frei, Vorhang auf für die Parade der 300 Reichsten der Schweiz, Scheinwerfer an für 470 Milliarden Franken!