Zwar sah es monatelang ganz danach aus – aber dass der Sommer es schaffen würde, die Schweiz komplett zu umgehen, war dann doch recht unwahrscheinlich. Und selbst wer dieses Jahr noch keine Freiluft-Apéros oder Gartenhochzeiten unter praller Sonne verbringen musste, kennt es aus Erfahrung: Im obligatorischen Anzug sind solche Anlässe derart schweisstreibend, dass man eine leise Ahnung davon gewinnt, wie auf den Schlachtfeldern des Mittelalters das Binnenklima der Rittersoldaten in ihren eisernen Panzerhemden gewesen sein muss – nicht umsonst hat der Anzug den Beinamen «Rüstung des modernen Mannes». ­Regelrecht eingemauert fühlen sich viele in Hemd und Sakko: Gefangene ihrer Formalgarderobe, ausgeliefert dem heraufziehenden Hitzestau.

Jetzt was Leichtes, Bequemes, das aber gleichwohl einen guten Schnitt aufweist und formell in Ordnung geht – das wärs doch!

Sind Senkschultern normal?

«Ich gebe dir hier vorne etwas mehr an der Brust, damit es bequemer ist, und an der Schulter jeweils einen halben Zentimeter breiter», sagt Michele Iacovino, dann fragt er nach dem Armloch, «drückt oder passt es?», und konstatiert zugleich, da seien «ein bisschen Senkschultern, aber das ist eigentlich normal» – obwohl sich das nicht wirklich normal anhört. Dafür falle «der Rücken schön sauber», und schliesslich will er vorne «den oberen Schliessknopf einen Zentimeter nach unten verschieben, das gibt einen schönen V-Effekt». Aber gern.

Iacovino, der zuvor den Zürcher Männerstore von Prada geleitet hat und sich demzufolge mit edler Herrengarderobe auskennt, arbeitet für den Schweizer Massanzug-Pionier Alferano und damit für Reto Caprez. Caprez hatte nach dem Wirtschaftsstudium im Marketing diverser Konsumgüterkonzerne wie Canon und Polaroid gearbeitet und war zunächst Kunde bei Alferano, von seinem Kollegen Stephan ­Hägeli 1993 gegründet.

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Nachdem sich Caprez an massgefertigte Anzüge gewöhnt, bald bei sich selbst «einen Tick für Materialien und schöne Stoffe» diagnostiziert und schliesslich im Berufsleben festgestellt hatte, dass er zum Corporate Guy nicht taugt, übernahm er Alferano vor eineinhalb Jahrzehnten.

Harter Wettbewerb im Made-to-Measure

Damals genügten knallfarbene Innenfutter und ein offenes Knopfloch, um sich von der Masse der Anzugträger abzuheben. Heute tobt ein harter Wettbewerb im Made-to-Measure, also im industriellen Massanzugsgeschäft.

Die Segmente teilen sich wie folgt auf: Konfektionsware, das heisst Anzüge von der Stange, kommt fertig produziert aus den Fabriken und wird bei Bedarf im Nachhinein vom Änderungsschneider angepasst. Beim Feinmass, dem klassischen «Be­spoke»-Anzug wie von Londons Savile Row, wird der Kunde individuell vermessen und für ihn ein einzigartiges Schnittmuster erstellt. Ist der Schneider Einzelkämpfer, kommt im Extremfall vom Stoffballen bis zum letzten Knopfloch alles aus seiner Hand.

Die goldene Mitte bildet Made-to-Measure, wie es auch Alferano anbietet: Die Schnitte existieren bereits; die entwirft Caprez zusammen mit den Produzenten und aktualisiert sie regelmässig. Der Kunde wird vermessen und probiert ein «Schlupfteil» an, das den Schnitt repräsentiert. So lassen sich Grundmasse und Detail­anpassungen festlegen – wie es Michele Iacovino am lebenden Objekt macht. Dann wird der Anzug individuell für den Kunden gefertigt.

Eleganz mit smarten Schnitt

Aber mit der klassischen Machart war Caprez immer weniger zufrieden, wie er sagt: «Anzüge waren früher, und sind es heute noch häufig, echte Schalen», steif und beengend. Caprez, einer dieser entspannten Bündner, hat dann «nach einer lässigen Eleganz ­gesucht, die aber gleichzeitig auch einen smarten, körpernahen Schnitt hat».

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Was einfach klingt, erwies sich als Problem: «Die Textilindustrie ist eine altmodische Branche», sagt Caprez und meint damit, dass in den Fertigungsstätten der Massanzugsanbieter vieles nicht geht – Dinge, die beim Feinmassschneider möglich sind, aber auch (und das ist die Ironie der Geschichte) bei der Stangenware. Fabriken, die mehrmals im Jahr modische Kollektionen herstellen, sind heute flexibler als Nähateliers, die eher dem klassischen Schneiderhandwerk folgen.

Relaxed Tailoring auf Mass

Nach längerer Suche stiess Reto Caprez auf die holländische Firma Munro, «das sind junge Leute, die auch eine Art Relaxed Tailoring entwickeln wollten». Mit denen arbeitet er nun eng zusammen – sie haben Näher und Näherinnen geduldig geschult, «sodass wir Looks wie von Boglioli oder Brunello Cucinelli, die bisher nur in der Konfektion möglich waren, jetzt auch auf Mass anbieten können».

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Wie gesagt: Im Feinmass ging das schon bisher, aber eben zu Preisen von zirka 5000 Franken aufwärts. Bei Caprez ist man mit rund 1500 Franken dabei. Nebenbei führt er Einsteiger-­Anzüge, die im dreistelligen Preisbereich starten, und eine Sartoriale-Linie mit besonders viel Handarbeit, die er bei Italiens Edelschneider Caruso fertigen lässt.

Pikieren verleiht Elastizität

Was die neuen Möglichkeiten bieten, demonstriert eine Schneiderpuppe in Alferanos Atelier im trendigen Zürcher Binz-Viertel: Revers und Brustpartie sind aufgetrennt, darunter zeigt sich eine Full-Canvas-Brusteinlage – fein vernäht. Diese Art des Annähens, das Pikieren, «war bisher klassischen Schneidern vorbehalten», sagt Caprez, und sie verleiht der Jacke etwas Elastizität.

Klassisch werden die Einlagen geklebt; das sorgt für Gewicht und Struktur, aber eben auch für das Gefühl, in einer vakuumierten Rüstung zu stecken. Die vernähte Variante trage sich «weicher und natürlicher, und die Haltbarkeit ist besser». Und sie verschafft dem Inhaber etwas Durchzug, wenn es im Hochsommer ein Anzug sein muss.

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Federleichte Shut-up-Suits

Es geht allerdings noch eine Stufe luftiger – und hier wird die Referenz Boglioli besonders deutlich. Die Familienfirma aus der Lombardei ist bekannt für ihre «dekonstruierten» Sakkos; das Innenfutter und alle unnötigen Einlagen werden entfernt, sodass sich ein Boglioli-Anzug federleicht trägt, beinahe wie ein Hemd, «superleicht und fein, ideal für den Sommer», sagt Reto Caprez – der solche Anzüge jetzt auf Mass anbieten kann.

Er warnt aber: Für tägliche Büroarbeit seien sie nicht das Richtige, weil dort immer wieder am Stoff geschabt werde, sondern eher dafür gedacht, «um an einem gepflegten Apéro zu stehen oder in der Pause im Opernfoyer». Passend dazu hat er einen dunkelblauen Zegna-Stoff im Angebot, ein Gemisch aus Wolle und Seide mit Herringbone-Struktur, der als unkonstruiertes Sakko nur 400 Gramm wiegt. «Wir haben einen Schweden im Team, der nennt solche ­Anzüge immer Shut-up-Suits», grinst Caprez. Soll heis­sen: Da verstummt die Konkurrenz im Raum.

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Sakko aus weissem Frottee-Stoff

Auch Strick kann Caprez jetzt zu Anzügen oder ­Jacken verarbeiten lassen; das sei im Trend und dank der groben Maschen besonders luftig. Sogar ein Sakko aus weissem Frottee-Stoff hängt im Alferano-Atelier – richtig gelesen: eine Jacke aus jenem Material, das ansonsten bei Handtüchern Anwendung findet und stark an jenen hellblauen Einteiler erinnert, mit dem «007» Sean Connery in «Goldfinger» um den Hotelpool ­herumstolziert.

So etwas dürfte ein Nischenprodukt bleiben, das ist ­Caprez bewusst; «klar, für den Kunden ist das etwas Neues». Aber ihm sei wichtig, dass man punkto Produkt dem Wettbewerb voraus sei, die Nachfrage werde kommen, jetzt müsse sich eben der Markt für «Relaxed Tailoring» entwickeln.

Ein grosser Schritt für das Männertum

Suitsupply, die auch in Zürich präsente jugendliche Anzugmarke, sieht Reto Caprez als Mitstreiter. Die Kette schaffe auf ihre Art «ein Bewusstsein für lässige Schnitte», und mit ihren günstigen Einstiegspreisen führe sie junge Männer an das Anzugtragen heran: «Wäre ich 20, würde ich wohl auch dort einkaufen.»

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Doch Caprez ist 49 und damit, wie der Autor dieses Textes, mehr als doppelt so alt. Caprez hat aber seit der Schulzeit kaum Gewicht zugelegt, was nicht auf jeden zutrifft. Und so sagt Michele Iacovino auf die Frage, ob die Anpassungen umfangreich sind, man werde bei Käufen ab Stange wohl oft das Problem haben, «dass es oben sitzt, unten aber zu weit ist»; wie wahr, und zudem sehr bekömmlich formuliert. Wenn ein Anzug nun also formvollendet passt und zudem die Luftzufuhr unterstützt, dann hat die Männerwelt einen ihrer seltenen Schritte vorwärts gemacht.