Wie schön, wie sonnig, wie possierlich: Der ewige Südtirol-Kitsch. Behagliches für Pensionäre? Von wegen! Denn längst hat die idyllische Gegend ein feines ­Gespür entwickelt, wie mit den üblichen Klischees selbstironisch umzugehen ist.

So findet der Besucher im Schloss Trauttmansdorff eben nicht nur die erwartbare Sissi-Statue vor, sondern auch eine Dauerausstellung, die sich dem spannenden Thema des Südtirol-Tourismus durchaus kontrovers widmet. «Die Tiroler sind lustig, die ­Tiroler sind froh, sie verkaufen ihr Bettzeug und schlafen auf Stroh.»

Gut und korruptionsfrei verwaltet, ist das innerhalb Italiens autonome, überwiegend deutschsprachige Südtirol inzwischen eine der wohlhabendsten Regionen in ganz ­Europa – und das im 13. Jahrhundert zur Stadt erhobene Meran darin ein Schmuckstück, das keineswegs nur museal leuchtet.

Allein diese ausgedehnte Gartenlandschaft unterhalb des Sissi-Schlosses: Ein wahr gewordener Landschaftsarchitekten-Traum, welcher nördliche Eichen und ­mediterrane Olivenbäume zwanglos in Beziehung setzt – nicht zu vergessen die Seerosen, mexikanischen Kakteen, die ­Papageien-Voliere, die Reisfeld-Terrasse, der japanische Lorbeerwald oder der jetzt aufblühende Isländische Mohn inmitten Tausender Tulpen.

Bevor es danach wieder hinab ins Städtchen geht, lohnt sich ein Abstecher nach Schenna. Das Dorf auf seinem Bergbalkon hat gleich zwei Monumente mit Habsburg-Bezug zu bieten: Schloss Schenna, einen der bedeutendsten Adelssitze Südtirols, den Erzherzog Johann 1844 erworben hatte. Nebenan steht, in neu­gotischem Stil, sein Mausoleum.

Schloss und Grabstätte können beide besichtigt werden. Sie sind bis heute im Besitz der Grafen von Meran, der Nachkommen des Erzherzogs, der eine Bürgerliche ehelichte und deshalb auf den Thron verzichten musste. Wohl kein Zufall, denkt der Besucher, inzwischen wieder ins ­beschauliche Stadtzentrum zurückgekehrt, dass sich hier einst sogar der melancholische Franz Kafka wohl gefühlt hatte.

Anzeige

Auf dem Balkon einer Pension im Villenviertel von Untermais sitzend, hatte er im Frühjahr 1920 seine späterhin berühmten «Briefe an Milena» geschrieben: «Was für ein Land ist das! Du lieber Himmel, ­Milena, wenn Sie hier wären …»

Noch heute erinnert eine Gedenktafel an der Ecke Maia- und Brennerstrasse an jenen wichtigen Moment im Leben Kafkas, als Hoffnung und Liebe stärker waren als alle grauen Seelenschatten. Den Weg zum Postamt am ehemaligen Kaiser-Ferdinands-Kai schlagen wir bei aller Bewunderung dennoch nicht ein, sondern tauchen lieber unter, besitzt Meran doch eine ultramoderne Therme mit zahlreichen Saunen und Wasserbecken voller Licht­effekte, von denen uns das Freiluft-Bassin am liebsten ist: Angenehme Wärmegrade im Wasser – und ebenfalls warm die Luft, schon jetzt geschwängert vom Frühling.

Das ist dem erfreulichen Umstand zu verdanken, dass sich das Etschtal, in dem Meran liegt, nach Süden hin öffnet; deshalb strömt praktisch fast immer warme Luft vom Mittelmeer hierher. Dadurch klettert das Thermometer schon im April gern mal auf 25 Grad. Dieses milde Klima macht das Tal denn auch zum Obstgarten Südtirols: Rund 60 Millionen Apfelbäume zieren das Land – haben die Statistiker nachgezählt –, aus denen sagenhafte 120 Milliarden Apfelblüten spriessen.

Aus denen gedeihen bis zum Herbst wiederum fast sechs Milliarden Äpfel, 12 Prozent der europäischen Apfelernte. Würde man die Jahresernte in gängigen Obstkisten übereinanderstapeln, so wäre der Turm 2222 Kilometer hoch.

Hier oben ist es offensichtlich: Gott oder das Schicksal oder beide meinen es aussergewöhnlich gut mit diesem wunderbaren Flecken Erde, der alles andere ist als ein tumbes Bauernland.