Get ’em up, get ’em up!», feuert Gerry, der englische Gamekeeper des Château de Villette, seinen Hund an. Der Border Collie rast durch die Ufervegetation des Teiches, um Enten aufzuscheuchen. Fünf Jäger liegen hinter Büschen auf der Lauer, die Flinten im Anschlag, den Blick auf die Lücken zwischen den Baumkronen gerichtet. Ein paar Sekunden lang werden sich irgendwo dort die Umrisse einer oder mehrerer Enten vor dem Himmel abzeichnen. Zeit, in der man das Ziel ausmachen, das Gewehr an die Schulter nehmen, dem Ziel kurze Zeit mit dem Lauf hinterherfahren und dann feuern kann, bevor die Chance verpasst ist.

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Zu wenig Zeit diesmal für mich: zwei Schüsse – die Enten ziehen von dannen. Schlecht gezielt. Zu aufgeregt. Höhe falsch eingeschätzt. Pech gehabt.

Willkommen auf der Privatjagd des Château de Villette! Es liegt in Poil im Burgund, etwa dreieinhalb Autostunden von Basel entfernt im Naturpark von Morvan. Hier, auf einem der zahlreichen französischen Grundbesitze mit Chasse privée, kann man mit der Flugwildjagd einem besonderen Vergnügen nachgehen, für das es vor allem zwei Dinge braucht: Geld und Zeit. Geld, um sich ein solches Wochenende überhaupt leisten zu können, von den Flinten, der Munition und der Jagdkleidung ganz zu schweigen. Und Zeit, die es einem erlaubt, mindestens alle zwei Wochen auf dem Schiessplatz auf Tontauben zu schiessen. Denn ohne Training ist es reine Glückssache, eine Ente, einen Fasan oder ein Rothuhn im Flug zu treffen.

«Habt ihr gesehen? Hinter euch sind mindestens sechzig Enten vorbeigeflogen, leider zu weit weg», sagt Coen Stork, Besitzer des Château. Er hat uns, die Holländer Robert, Patrick, Peter und Guido und mich, auf einem ausgemusterten Militärtransporter vom Schloss hierhergebracht. Die Flinten werden gebrochen auf der Schulter balanciert, die Munition ist in den Patronengürteln und in speziellen Halterungen in den Taschen verstaut. Jedes Geräusch, das die Enten warnen könnte, dass Gefahr im Anzug ist, wird tunlichst vermieden.

Für die Gruppe begann das Tagewerk bereits, als es draussen noch dunkel war. Wir trafen uns vor dem Kamin in der Halle, liessen uns in die grossen Sofas sinken, blätterten in Jagdzeitschriften und begaben uns dann zum Frühstück in den Speisesaal. Dort hatten wir am Abend zuvor an der langen Tafel mit den Ehefrauen und den Gastgebern diniert. Stork hatte als Dirigent der Sitzordnung dafür gesorgt, dass keiner neben seinem Partner zu sitzen kam.

An diesem Wochenende herrscht kein Krawattenzwang beim Diner im Château. Manchmal bestehen Gäste, vor allem solche aus Grossbritannien, darauf, mit «black tie» zu erscheinen, um den Dresscode mit dem vornehmen Rahmen abzustimmen.

Stork führt die «Guns», wie die Jäger heissen, auf einem Waldweg zum nächsten Teich. Hinter einem Deich soll man sich versteckt halten, der Weg dorthin geht durch tiefen Matsch über Äste und Zweige. «Treten Sie auf die Baumstämme, sonst sinken Sie bis zur Hüfte ein», warnt er. Er postiert jeden selber, flüstert, wohin man schiessen darf, um den Nachbarn nicht zu gefährden, und gibt Gamekeeper Gerry über Walkie-Talkie dann das Startsignal, seinen Hund loszuschicken.

Diesmal hört man die Enten und hat tatsächlich eine Chance, sie schon durch die Blätter zu sehen, bevor sie im Schussfeld erscheinen, das nur ein kleines Loch in der Krone einer Esche ist. Die Flinte ist an die Schulter gedrückt, der Lauf zeigt steil gen Himmel. Der Rückstoss drückt den Kolben an den Körper, der Gehörschutz dämpft den Knall auf eine erträgliche Lautstärke. Die Ente fliegt weiter.

Flugwildjagd kann zu einer Übung in Demut und Bescheidenheit werden. Demut, weil man ständig Fehler macht, und Bescheidenheit, weil ich mich vorher offenbar doch ein bisschen überschätzt habe. Sonst hätte ich bestimmt mehr trainiert.

Château de Villette gehört Coen und Catherine Stork. Er ist Holländer, sie Belgierin. Auf die Idee, das Château aus dem Jahr 1770 mit seinen etwa 300 Hektaren Land zu kaufen, war Coen Stork vor der Hochzeit gekommen. «Er hat mich gefragt, ob ich auf einem eigenen Schloss heiraten wolle, dann ist er mit einem Freund losgezogen und hat einfach eins gekauft», erzählt sie.

«Für uns ist Villette eine Möglichkeit, unseren Lebensstil zu finanzieren und
einen Traum auszuleben», sagt Stork, der früher Geschäftsführer einer internationalen Firma gewesen ist. Der eineinhalbjährige Sohn Flores, der immer wieder freundlich «Allô!» ruft, wenn er durch die Halle rennt, gehört ebenso zum Schloss wie eine Hausangestellte, der Wildhüter und ein holländisches Paar, das verschiedene Arbeiten erledigt. «Das Landleben, ein Schloss – das hatte ich noch nie», sagt Stork.

«Gentlemen», ruft er, «wir haben noch einen Teich heute Morgen!» Der scheint in guter Erinnerung zu sein. Die Holländer, exzellente Schützen, haben dort im letzten Jahr ein paar Enten geschossen. Es geht über eine Wiese, durch fast knietiefen Matsch, an einem anderen Schloss vorbei, das verträumt zwischen altem Baumbestand liegt.

Es ist Zeit für strategische Erörterungen: Gerry wird sich links vom Teich mit dem Hund postieren, Coen Stork wird einen grossen Bogen schlagen und versuchen, die Enten von hinten aufzuscheuchen, die dann direkt über die «Guns» hinwegfliegen sollen. Diese warten in Zweierreihe in Fluchtrichtung.

Jagd ist vor allem Warten. Warten, bis das Wild kommt. Zuhören, wie die Hunde ins Wasser springen. Gelassenheit, wenn man die Flinte bricht, die beiden Schrotpatronen der Nummer sieben herausnimmt, sie in die Tasche steckt und den Rückweg antritt. Die Enten waren wohl schon weg.

Im Gunroom, wo die Munition gelagert wird, die Waffen versorgt, die Stiefel verstaut und die Jagdkleider aufgehängt werden, herrscht nach dem Ende des Drives Geschäftigkeit. Der Geruch von Öl und Leder hängt in der Luft. Der leichte Regen hat die Waffen nass gemacht. Sie müssen jetzt auseinander gebaut und sorgsam mit einem in Waffenöl getränkten Lappen eingerieben werden. Ein Tau wird durch die Läufe gezogen, damit auch die letzten Pulverreste verschwinden. Klickend werden die Flinten zusammengebaut und bis zum Abend versorgt, wenn es auf die Enten eines anderen Teichs gehen wird.

Das Château liessen die Storks innerhalb von nur drei Jahren renovieren und vermieten nun Gästezimmer – oder gleich das ganze Château – und führen Jagden durch. Bei Tagespreisen von 2400 Euro allein für eine Rothuhnjagd in einer Gruppe von maximal acht «Guns» oder 1200 Euro für die Entenjagd wird die waidmännische Begeisterung der Gäste zu einem einträglichen Geschäft. Wer möchte, kann auch auf die Reh- oder die Wildschweinjagd. Ab 550 Euro sind die Trophäen der Schweine zu haben.

Der Aufwand, den die Storks betreiben, um etwa die Rothuhnjagd anbieten zu können, ist beachtlich. Als sie die Ländereien übernahmen, lebten gerade mal 24 Rothühner, die den Rebhühnern ähneln und südlich der Loire vorkommen, auf ihrem Besitz. Sie liessen Wildäcker anlegen, um das Nahrungsangebot zu verbessern, Gerry dezimierte Füchse und Krähen, um das Überleben der Hühner zu verbessern. Zudem setzen die Storks jedes Jahr einige hundert in Gefangenschaft gezüchtete Tiere aus, um die Wildpopulation zu unterstützen. Heute leben auf dem Gut etwa 800 bis 1000 Rothühner. «Auf jeder Jagd können wir 40 Stück schiessen, ohne dass der Bestand zurückgeht», sagt Coen Stork.

Am Abend während der zweiten Entenjagd stellt sich der Erfolg dann unvermittelt ein. Wir haben uns weiter von den Bäumen entfernt aufgestellt, um etwas mehr Zeit zum Zielen und Schiessen zu haben. Die Rechnung geht auf. Eine Ente, die ich treffe, fällt dem Nachbarn fast auf den Kopf. Es war wohl ein Glückstreffer.

Der zweite Tag ist den Rothühnern vorbehalten. Wo sie stecken, kann auch Gerry nur erahnen. An den Hecken werden die «Guns» in Position gebracht. Die Ehefrauen und drei Einheimische betätigen sich als «Beater». Sie schlagen mit Stöcken in die Hecke und treiben die Hühner so aus deren Versteck hervor. Einige suchen zu Fuss das Weite. Sie entkommen. «Auf dem Boden kann man sie nicht schiessen, das wäre unsportlich», sagt Stork. Bei denjenigen paar Dutzend Hühnern jedoch, die, von den «Beatern» aufgestöbert, über die Hecken davonzufliegen versuchen, zeigt sich, wer geübt hat, seine Flinte in Sekundenbruchteilen in Anschlag zu bringen und zu schiessen. Manche brauchen einen Schuss, um das Huhn zu treffen, manche zwei. Nur ich lasse mein Rothuhn entkommen. Vielleicht klappt es ja nächste Saison schon besser.