Die Uhrenmarke Ulysse Nardin hat nach Paris eingeladen, ins Entrée des Palais Garnier, jener Oper, die Schauplatz des Romans «Das Phantom der Oper» ist. Uhren sind keine zu sehen, nur reihenweise Lautsprecher des französischen Audioherstellers Devialet. Stumm stehen sie da und warten auf Aufmerksamkeit. Ihr Look fällt aus dem Raster des Gewohnten: Eiförmig, von der Grösse einer Ärztetasche, erinnern sie ein wenig an ein Haushaltsgerät von Dyson.

Ein ohrenbetäubender Tusch holt die Gedanken ins Hier und Jetzt. Er hallt von den hohen Wänden wider, schwingt durch den Raum mit dem opulenten Kristalllüster, den Devialet als Flagship Store verwendet, und lässt ihn für einen Moment zum Konzertsaal werden. Dann tritt Stéphane von Gunten vor, und es wird mucksmäuschenstill.

Der Chefentwickler von Ulysse Nardin hält in feierlicher Geste eine Uhr vor sich hoch und betätigt theatralisch einen Drücker: Glasklar und deutlich ertönt das Ding-Ding eines Stundenschlags – und zwar in einer Klangfülle, die niemand von einer Armbanduhr erwarten würde. Als der Sound verklungen ist, sagt von Gunten: «Das Klangvolumen, das Sie soeben gehört haben, wurde dank unserer Zusammenarbeit mit den Spezialisten von Devialet möglich.» Von Gunten hat das Projekt aufseiten von Ulysse Nardin geleitet.

Stéphane von Gunten

Chefentwickler Ulysse Nardin: Stéphane von Gunten.

Quelle: ZVG

Wenn die Stunde schlägt

Partnerschaften mit anderen Herstellern von Luxusartikeln sind in der Uhrenindustrie keine Seltenheit. Sie beschränken sich jedoch meistens darauf, dass eine Marke vom Prestige der anderen profitieren soll. Ein Transfer von Know-how wie in diesem Fall ist rar.

Die Zusammenarbeit mit dem Hi-Fi-Spezialisten wurde durch Patrick Pruniaux eingefädelt. Der 47-jährige CEO von Ulysse Nardin kennt Devialet aus seiner Zeit bei Apple, wo er von 2014 bis 2016 arbeitete. Dass beim französischen Hersteller mit Emmanuel Nardin ein Nachkomme von Firmengründer Ulysse Nardin arbeitet, ist Zufall, hat die Annäherung aber durchaus erleichtert. Daraus entstanden ist eine Kooperation von Ingenieuren von Devialet mit Uhrmachern von Ulysse Nardin. Das Ziel war es, eine Uhr mit akustischer Zeitanzeige und ausserordentlicher Klangfülle zu konstruieren. Die Tatsache, dass das Modell Hourstriker Phantom eine Lautstärke von 85 Dezibeln auf eine Distanz von einem Meter erreicht, steht für den Erfolg der Partnerschaft.

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Emmanuel Nardin

Co-Gründer Devialet: Emmanuel Nardin.

Quelle: ZVG

Die 2007 gegründete Firma Devialet wurde berühmt mit dem 2015 vorgestellten Lautsprecher Phantom, der trotz geringer Abmessungen die Klangfülle weit grösserer Lautsprecherboxen erreicht. Dies ist möglich, da die Marke nicht nur den Lautsprecherbau beherrscht, sondern auch die Elektronik selbst entwickelt.

Stabförmiger Gong wird kreisförmig gewunden

Uhren mit akustischer Zeitanzeige sind ja beinahe so alt wie die Entwicklung der mechanischen Uhr selbst. Die ersten Schlaguhren waren die Turmuhren von Klöstern und Kirchen. Sie enthielten Mechanismen, welche die Stunden für jedermann hörbar verkündeten und so das Leben in Dörfern und Städten ordneten. Bereits im 16. Jahrhundert war die Mechanik so weit geschrumpft, dass Uhren mit Glocken auch für den Hausgebrauch möglich waren. Erste Taschenuhren mit Schlagwerken tauchten im 19. Jahrhundert auf, die Technik war dannzumal so weit fortgeschritten, dass manche Uhren die Zeit auf Knopfdruck minutengenau verkünden konnten. Die sogenannten Minutenrepetitionen waren im Dunkeln nützlich, als es noch keine Leuchtziffern gab.

Da im Gehäuse einer Taschenuhr keine ausgewachsene Glocke Platz findet, behelfen sich die Uhrmacher bis heute mit einem Trick, der auch bei mancher Stubenuhr zum Einsatz kommt: Ein stabförmiger Gong wird kreisförmig gewunden, sodass er um das Uhrwerk herum passt. Diese Methode wird auch bei Armbanduhren mit Repetierfunktion angewandt, die es schon seit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gibt. Bedingt durch das kleinere Volumen und die kürzeren, dünneren Klangstäbe, sind die Lautstärke und die Klangfülle bei Armbanduhren jedoch bedeutend geringer als bei Taschenuhren.

Die eiförmige Ikone aus dem Hi-Fi-Haus Devialet liefert einen Sound wie sehr grosse Lautsprecherboxen.

Phantom: Die eiförmige Ikone aus dem Hi-Fi-Haus Devialet liefert einen Sound wie sehr grosse Lautsprecherboxen.

Quelle: ZVG

Ein Lautsprecher in der Uhr

«Um die Schallausbeute zu verbessern, haben wir für die Klangfeder eine Art winzigen Lautsprecher konstruiert», erklärt Stéphane von Gunten, «eine Membran, die ein grösseres Luftvolumen bewegen kann.» Bei herkömmlichen Repetitionsuhren ist der Klangstab in einem Metallblöckchen verankert, das seinerseits mit dem Werk verschraubt ist und so einen Teil der Schwingungen der Stahlfeder an Werk und Gehäuse weitergibt, die dann als Resonanzkörper wirken.

«Wir haben mit unserer Software eine elastische Aufhängung für dieses Klötzchen entwickelt», ergänzt Emmanuel Nardin, «welche die Schwingungen über einen Arm auf das Zentrum einer Membran überträgt. Der Hebel ändert die Richtung der Schwingung und bewirkt, dass die Membran den erzeugten Schall in Richtung des Bodens der Uhr abgeben kann.» Damit der Schall auch durch den soliden Boden entweichen kann, besitzt dieser kreisförmig angeordnete Öffnungen mit kleinen Kanälen, die dafür sorgen, dass die Luft auch dann bewegt werden kann, wenn man die Uhr am Handgelenk trägt.

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Das Gehäuse der Uhr, von der es nur 85 Stück geben wird, ist aus poliertem Titan gefertigt, einem Metall, das für seine guten akustischen Eigenschaften bekannt ist. Auf dem Zifferblatt prangt das Signet von Devialet, das sich auf den Lautsprechern als Schutzgitter für die Hochtöner wiederfindet.

«Die Entwicklung eines Lautsprechers ist natürlich eine völlig andere Aufgabe als die einer klingenden Uhr.»

Emmanuel Nardin, Co-Gründer Devialet

«Die Entwicklung eines Lautsprechers ist natürlich eine völlig andere Aufgabe als die einer klingenden Uhr», stellt Nardin klar. «Eine Repetitionsuhr ist eigentlich ein Musikinstrument mit einem eigenen Klangspektrum, während ein Lautsprecher absolut klangneutral sein sollte. Das Wissen von Devialet und die Software, die sonst darauf verwendet wird, Resonanzen zu vermeiden, halfen uns dabei, genau das Gegenteil zu erreichen, nämlich sie zu verstärken.»

Von Gunten ergänzt: «Bei der Klangoptimierung von Repetitionsuhren tastete man sich in der Uhrmacherei bisher weitgehend empirisch an ein befriedigendes Resultat heran.» Dank dem Knowhow von Devialet war die Hourstrike Phantom am Computer optimiert – bevor der erste Prototyp entstand.

Dieser Text erschien in der November-Ausgabe 11/2019 der BILANZ.