Ausgangslage: Ich bin ein Mann. Gut Auto fahren zu können, steckt tief in meinen Genen. Weiss ich seit dem Kinder­garten. Kurven, driften, sich orientieren, Karten lesen können Männer nun mal besser, parkieren sowieso. Der frühe Glaube wurde Gewissheit, Gewissheit zu kollektivem Bewusstsein (ich sage nur: Émile Durkheim). Und Stereo­type, las ich unlängst im linkslastigen, aber börsenkotierten Konkurrenzblatt, seien ja deshalb Stereotype, weil sie meistens wahr sind.

Leider hat Karen Gaillard von diesem Aspekt des kollektiven ­Bewusstseins noch nichts gehört. Sie fährt mir so erbarmungslos davon, dass dem Fotografen nur dann Bilder gelingen, auf denen ich in Front bin, wenn Karen gerade zu Überrundungen ansetzt. Später wird sie sagen, sie sei «mit etwa 40 Prozent» ihrer Leistungs­fähigkeit gefahren – mit völlig unbewegtem Gesichtsausdruck. Null sichtbare Schadenfreude, aber auch null Mitleid. Pure Information. Ich muss wohl befürchten, dass es stimmt.

Auf dem Weg zum Profi

Wir sind auf der Freiluft-Kartbahn von Payerne. Karen Gaillard, die hier in der Nähe wohnt, auf dieser Bahn ihre ersten Runden drehte und eine Ausbildung zur Fachfrau Gesundheit absolviert, schien uns eine angemessene Gegnerin, um die ­Theorie viriler Überlegenheit auszutesten: jung und ambitioniert, superschnell und auf dem Weg zum Profi. 2018 und 2019 war sie jeweils Achte der Schweizer Meisterschaften im X30-Kart, der etwa drei Mal so hoch motorisiert ist wie die schnellsten Mietkarts, aber auch auf Letzteren hat sie mehrere Podestplatzierungen eingefahren. Zudem gewann sie diverse Lang­streckenrennen auf Karts – all diese Rennen sind gemischtgeschlechtlich.

Schon ihr Vater fuhr Kart. Karen begleitete ihn zu den Rennen, schaute sich einiges ab. Mit 15 stieg sie selber in den Fahrersitz, mit 16 kaufte sie ihren ersten Rennkart.

Sie ist aktuell «wohl die schnellste Kartfahrerin der Schweiz», sagt der Schweizer Profirennfahrer Fredy Barth. Ausserdem ist sie ausnehmend höflich, freundlich, ruhig bis zurückhaltend – solange kein Lenkrad greifbar vor ihr wartet.

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Karen Gaillard und Dirk Ruschmann

Klare Siegerin: Da half auch der eigens angeschaffte Helm nichts: Der Wille war da, aber die Gegnerin fuhr besser. Viel besser.

Quelle: Lorenz Richard für BILANZ

Gewinnerin «Young Driver Challenge 2019»

Mit dem gut gelaunten Westschweizer Barth, seit vielen Jahren auch erfolgreich als Instruktor unterwegs, feierte Karen Gaillard ihren bisher grössten Erfolg: Die 18-Jährige gewann die «Young Driver Challenge 2019», ein von AutoScout24 und der Seat-Sportmarke Cupra ausgerichtetes Projekt zur Nachwuchsförderung. 2018 war sie schon einmal angetreten und erreichte damals die Top Ten.

Im Folgejahr stiess sie unter die letzten drei vor, durfte mit einem Cupra TCR, ­einem ausgewachsenen 350-PS-Touren­wagen, an einem Doppelrennen der deutschen TCR Series auf dem legendären ­Nürburgring teilnehmen. Beim ersten Start wurde sie Siebzehnte, beim zweiten fuhr sie auf den starken neunten Platz.

Bei der «Young Driver Challenge» liess sie zuletzt, von ursprünglich 1500 Bewerbern, auch noch ihre letzten zwei verbliebenen Konkurrenten hinter sich, einen Zürcher und einen St. Galler. Barth, der die Challenge konzipierte, die Finalisten coachte und in der Jury sitzt, sagt: «Es gibt keinen Grund, warum eine Frau lang­samer sein sollte als ein Mann.» Physis spiele erst in den obersten Monoposto-Klassen, wie der Formel 1, eine zentrale Rolle.

Nun wird Karen Gaillard mit dem Schweizer Rennstall Topcar an der Langstreckenserie «24H» des niederländischen Veranstalters Creventic teilnehmen; die beiden Sponsoren der Challenge unterstützen ihre weiteren Schritte. «Eine Profikarriere im Motorsport», sagt sie, «das wäre mein Traum.»

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Unbändiger Wille

Neben dem Gasgeben, für das sie nur abends und an Wochen­enden Zeit hat, absolviert sie ihre Aus­bildung im Spital und macht zudem die Matura. Einen strammen Willen attestiert ihr auch Fredy Barth: «Karen hat einen unbändigen Willen und arbeitet hart an sich und ihren Zielen. Der Fokus liegt zu 100 Prozent auf dem Motorsport, und das ist ein Muss, wenn man weiterkommen will.» Natürlich fehlten ihr derzeit noch «Erfahrung auf der Rennstrecke mit dem Auto und das entsprechende Vertrauen. Das wird sich aber im Verlauf der Zeit ­logischerweise ergeben.»

Beim Kartfahren braucht Karen den Coach jedenfalls weit weniger dringend als ich. Über den klitschnassen Asphalt, bisweilen liegt feuchtes Laub in den Kurven, fährt sie mir in einer nicht nachvollziehbaren Rasanz davon, noch dazu auf ­einer ganz anderen Linie. Nasser Asphalt heisst wohl: nicht die übliche Ideallinie, sondern Kurven eher ganz aussen nehmen, grosse Radien fahren und mittels Nach-­aussen-Lehnen Gewicht aufs kurvenäus­sere Hinterrad bringen, sodass es auf den Boden gepresst wird.

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Karens Coach Fredy ist längst zu meinem Coach mutiert und legt mir nahe, den Oberkörper in Kurven noch viel mehr nach aussen zu verlagern. Dabei hänge ich gefühlt schon seitlich vom Sitz. Mehrfach küsse ich die Grasnarbe, auf der die Haftung nicht unbedingt zunimmt. Dafür ist anschliessend der ­Asphalt schön mit Erdklumpen übersät.

Immer wieder lässt sich Karen zurückfallen, um mir die richtige Linie vorzu­führen, wohl weil Fredy ein Einsehen mit mir hat – oder auch echtes Mitgefühl. In den beiden Haarnadelkurven bricht mir trotzdem auf jeder zweiten Runde das Heck aus. Jagdinstinkt sollte sich auf der Strasse wohl besser mit Fahrkönnen ­paaren. Und mit geringerem Körper­gewicht. Dieses, sagte Fredy schon vor dem Start, spiele beim Kartfahren «eine zentrale Rolle».

Zum Schluss beginnt es noch, vom Himmel zu tröpfeln. Die Erfahrung des ersten Duells kommt aber nicht tröpfchenweise, sondern regnet wie ein ganzer Eimer Niederlage auf mich herab – beste Runde Gaillard: 1.23 Minuten, beste Runde Ruschmann: 1.38 Minuten. Den im Motorsport üblichen Ausschluss-Cut von 107 Prozent der Siegerzeit habe ich weit überschritten, und das bei «etwa 40 Prozent» Leistungseinsatz der Gegnerin. «Immerhin hattest du nur drei Dreher», bilanziert Fredy mit mildem Lächeln. Die Definition von Erfolg ist wohl eine Frage des Ausgangspunkts.

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Das Schöne an der Kartbahn Payerne: Es gibt zwei davon. Neben der Aussen­strecke gibt es eine Bahn in der Halle. Beide messen satte 900 Meter Länge, die Innenbahn verfügt sogar über eine Steilwand-Haarnadelkurve. Zudem ist sie an diversen Stellen breit genug zum Überholen, was längst nicht für alle Strecken gilt.

Chance auf Revanche

Also die Chance zur Revanche, nachdem Karen Gaillard ihren Regenüberzug vom Rennoverall abgestreift hat!

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Im Vorraum hängen die Bestenlisten der vergangenen Monate. Demnach markierte Karen im März 2019 die schnellste Rundenzeit bei den Damen, mit 53,2 Sekunden. Kategorisiert wird in Junioren bis 15 Jahre, Damen, Jungs und Männer bis 80 und über 80 Kilogramm. Die Besten aller Zeiten liegen bei rund 52 Sekunden.

Dass im Motorsport ganz oben nur ­wenige Frauen mitmischen, darunter die Schweizerin Rahel Frey, erklärt sich Fredy Barth mit dem statistischen Nachteil. «Bei vielen Kategorien im Nachwuchs kommt eine Dame auf 40 Männer», weiss Barth – und wie viele dieser jeweils 40 Jungmänner werden wirklich gut, haben später eine echte Karriere? Er meint die Frage rhetorisch. Zumal ihn die Erfahrung lehrte, dass «Frauen Input besser aufnehmen und verarbeiten, während Männer mehr, und manchmal stur, ihrem Gefühl folgen».

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Den Körper möglichst ruhig halten

Gut, dass ich nicht so bin. Im Gegenteil nehme ich inzwischen jede Unterstützung mit Dankbarkeit entgegen. Zwar findet Barth meine Fahrerei «erstaunlich gut, da hab ich schon ganz andere Fälle gesehen», aber mit der physischen Mitarbeit passt es noch nicht: Wenn der Kart in ­Bewegung ist, sollte ich den Körper möglichst ruhig halten, hingegen in anderen Fällen, wo Gewichtsverlagerung zur Stabilisierung beiträgt, genügend mitarbeiten; es fehlte offenbar an beidem. Dass er ­Karen bittet, eine Runde lang vor mir herzufahren und die Ideallinie (hier ist es ja trocken) zu ­demonstrieren, ist eine willkommene Hilfe­stellung. In Wahrheit war mir von Anfang an sonnenklar, dass ich keine Chance haben würde.

Die erlebte Wirklichkeit ist deshalb aber kein Stück weniger enttäuschend. Nach der Einführungsrunde, in der ersten langen Gerade nach Start/Ziel, folge ich Karen in eine weite Rechtskurve, die bei warmen Reifen mit Vollgas geht, und in eine weitere «Mutkurve», bis zu 70 km/h sind hier drin – eine beeindruckende Strecke, die längste Indoor-Bahn der Schweiz. Schon im ersten Geschlängel muss ich abreissen lassen.

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Sie fährt Kurven schneller an, rollt zügiger hindurch, muss nie den Lenkeinschlag korrigieren – im Gegensatz zu mir. In die Steilkurve sehe ich Karen wieder hineinpreschen, dann nur noch gelegentlich ­ihren Oberkörper über den Hochbanden vorbeirauschen. Zeit, ihr nachzutrauern, bleibt keine – das komplexe Layout der Bahn und die schnellen Karts fordern volle Konzentration.

Trocken überholt

Ausserdem treffen wir uns unverhofft wieder. Kurz vor der Einfahrt in die Steilkurve beschleicht mich ein Gefühl, als ob mir jemand ins Kreuz atmete. Bei der Abfahrt, wo die folgende Linkskurve von der Aus­senseite angefahren wird, drängt sich ­urplötzlich ein Kart innen in den Kurvenscheitel: Frau Gaillard lässt mich knochentrocken aussen verhungern. Sie tritt aufs Gas – zwei Kurven weiter, und ich sehe bereits zu wenig von ihr, um ihrer Linie noch zu folgen. Drei weitere Kurven, und die Bahn scheint mir wieder allein zu gehören.

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Ein Tiefschlag sind dafür die Rundenzeiten. Karen Gaillard erzielte 54,8 Sekunden, bei kaltem Asphalt und damit schlechter Haftung eine Spitzenzeit. Bei mir reichte es immerhin zu 57,7 Sekunden, allerdings ein Ausreisser nach oben: Während sie relativ konstant schnelle Zeiten fuhr, liegt mein Schnitt mehr als eine Sekunde tiefer als die Bestzeit – die typische Glücksrunde eines Amateurs.

So endet die Challenge eindeutig null zu zwei. Immerhin sagt Karen, sie habe sich nicht gelangweilt, sondern «viel Spass gehabt» und in der Halle «vielleicht 50 Prozent Leistung» abrufen müssen. Dafür ernte ich ein gemeinschaftliches Grinsen der Zuschauer. Sollen sie – wer die Herrlichkeit verteidigen will, und sei sie nur ein Stereotyp, der kann auch Spott einstecken.

Wetter und Wasser liefern unter Dach keine Ausreden mehr. Am ehesten noch das Gewicht; in diesem Bereich habe ich eindeutig mehr zu bieten als Karen. Aber die krachende Niederlage darauf zu schieben – das wäre typisch männlich. Und so etwas machen wir heute ja nicht mehr.

Da verfolgen wir doch lieber die weiblich anmutende Strategie: mehr trainieren, härter trainieren, und im nächsten Jahr wieder antreten. So hat auch Karen Gaillard ihren grossen Schritt Richtung Profikarriere geschafft.

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