Noch bevor man zu Ende überlegt hat, ob es eine Verbeugung und die formal gerechte Anrede «Eure Eminenz» werden soll oder ob ein neutrales «Herr Kardinal» nicht auch genügt, hält einem Kurt Koch schon die Fahrstuhltür auf. Empfindsame Naturen könnten ins Zittern geraten ob der historischen Stätte mit dem uralten vergitterten Lift und den leeren Fluren – Koch lebt im Palazzo del Sant’Uffizio am Rand des Vatikans, im vierten Stock, oberhalb der Glaubenskongregation.
 
Hier schlägt das theologische Herz der katholischen Kirche; die «Kongregation für die Glaubenslehre» ist die älteste der Kongregationen des Heiligen Stuhls, einst Hort der Inquisitoren und so etwas wie das Wahrheitsministerium des Vatikans. Die Dachterrasse bietet spektakuläre Blicke auf den Petersdom und den kreisrunden Petersplatz mit dem riesigen Weihnachtsbaum, und weil Sant’Uffizio zwei Eingänge hat, müssen Bewohner, die sich an der Tür verabreden, vorab klären, «ob wir uns in Italien oder im Vatikan treffen wollen».

Einer von nur noch zwei Schweizer Kardinälen

Seit Juli 2010 arbeitet Kurt Koch im Vatikan, gerufen vom Deutschen Joseph Ratzinger, als dieser bereits zum Papst Benedikt XVI. gewählt worden war. Er ist einer von nur noch zwei Schweizer Kardinälen; der andere ist der emeritierte Bischof von Sitten, Henri Schwery. Zwei weitere sind im Frühjahr 2016 respektive Anfang 2017 verstorben: der Dominikaner Georges Cottier, ein Westschweizer, der lange Jahre als persönlicher Theologe von Papst Johannes Paul II. gearbeitet hatte und dafür im hohen Alter zum Kardinal gekürt wurde, und der Schaffhauser Kurienkardinal Gilberto Agustoni, der einst das Oberste Gericht des Vatikans, die Apostolische Signatur, leitete. Beide starben in Rom, hochbetagt in ihren Neunzigern. Auch Schwery ist schon 85.
Kardinal Kurt Koch

Kardinal Koch auf dem Dach des Palazzo del Sant’Uffizio, des Sitzes der mächtigen Glaubenskongregation. Im Hintergrund die Kuppel des Petersdoms.

Quelle: Gian Marco Castelberg
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Koch, erst 67, ist Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, also Ökumene-Minister – eine Schlüsselposition im Vatikan: Koch pflegt die Beziehungen zu Reformierten, Anglikanern, Lutheranern, Baptisten, Methodisten oder Mennoniten; etwa zwölf «Dialoge» sind es, die Koch nicht nur am Laufen hält, sondern die auch ihn ins Laufen bringen. Drei bis vier Mal im Monat ist er tagelang unterwegs und besucht kirchliche Oberhäupter, von seinem Wohnort Rom kenne er am besten den Flughafen, scherzt er. Wenn er in der Stadt ist, führt er Gespräche mit Kirchenführern, nimmt Delegationen in Empfang und begleitet sie zu Audienzen beim Papst, die vor- und nachzubereiten sind.

Mitarbeiter des Papstes

«60 Prozent meiner Arbeit sind Diplomatie», sagt Koch, «mehr, als ich seinerzeit erwartet hatte, als Benedikt mich berief.» Koch hatte gehofft, es sei wieder mehr Zeit für Theologisches, aber eben: «Auch die Oberhäupter der Kirchen sind Menschen mit Gefühlen, da gilt es bisweilen schon, sehr vorsichtig zu sein.» Dennoch sei es «eine wunderschöne Aufgabe», es gebe viele schöne Begegnungen, sodass sich kaum sagen lasse, «was hier Arbeit und was Vergnügen ist».
 
Doch selbst wenn Koch seine Aufgabe als Schwerarbeit empfände, aussprechen würde er so etwas niemals. Er will seine Arbeit bestmöglich machen, und zwar dort, wo der Papst ihn hinstellt. Und als «Minister» möchte er sich nur bezeichnet wissen, «wenn man es im ursprünglichen Wortsinn versteht: Diener. Ich bin Mitarbeiter des Papstes für die mir zugewiesene Aufgabe.» Ferien, wenn er sie denn antritt, legt er gern in Zeiten, da sich auch der Papst nicht in Rom aufhält.
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Henri Schwery

Einer von nur noch zwei Schweizer Kardinälen: Kardinal Henri Schwery.

Quelle: Keystone

Kein Mann der Anekdoten

Zum Gespräch bittet Koch in seine Büroräume. Der päpstliche Ökumene-Rat haust, wenige Meter vom Palazzo del Sant’Uffizio entfernt, in der Via della Conciliazione, jener monumental breiten, mittlerweile verkehrsberuhigten Achse, die von der Engelsburg auf das Portal des Petersdoms zielt. In einem nüchternen Besprechungsraum sitzt Koch, im Sessel eingesunken, wirkt zurückhaltend, fast schüchtern. Fragen beantwortet er argumentativ und abstrakt; Koch ist kein Mann der Anekdoten. «Ein liebenswürdiger Mensch» sei Koch, kein spitzfindiger Kirchenfürst, sagt ein Vatikan-Mitarbeiter, eher wie ein Franziskaner, «Koch hat keinen Sinn für Geld».
 
Auch gehört er nicht zu der lebensfrohen bis quietschvergnügten Kardinalsfraktion wie der Motorradfahrer und Zigarrenkenner Reinhard Marx aus München oder der glühende Anhänger von guten Weinen und Juventus Turin, der langjährige Vatikan-Staatssekretär Tarcisio Bertone. Und dass Koch, wie Freiburgs Bischof Charles Morerod, zur Förderung der Kommunikation mit den Gläubigen eigenes Bier brauen liesse, ist auch schwer vorstellbar.
 
Koch lebt wie ein Asket, raucht nicht mehr, trinkt kaum Alkohol, fährt nicht Auto, einen Espresso genehmigt er sich frühestens nach dem Lunch. Koch sei «auch als Kardinal einfacher Priester geblieben», sagt der Vatikan-Mann. Er selbst findet, «man sollte normal bleiben», doch ob das allen gelingt? «Es gibt hier viele Nationalitäten, und die sind sehr verschieden», sagt er diplomatisch. Ins Detail gehen möchte er nicht.
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Kurt Koch (links) und Papst Franziskus (in Weiss) beim Reformationsgedenken

Kirchenführer üben Ökumene: Kurt Koch (links) und Papst Franziskus (in Weiss) beim Reformationsgedenken einem Jahr in Schweden, mit dem Präsidenten des Lutherischen Weltbundes, Bischof Munib Younan, und seinem Generalsekretär Martin Junge (ganz rechts).

Quelle: Michael Campanella/Getty Images

Stereotypen im Kirchenstaat

Doch Stereotypen treffen auch im Kirchenstaat oft zu. Etwa die sprichwörtliche Gastfreundschaft der Orientalen. Oder das Statusbewusstsein des italienischen Klerus, der jeden fünften Kardinal und einen Grossteil des sonstigen Personals stellt, den Vatikan als sein natürliches Hoheitsgebiet und jedes Pontifikat eines Nicht-Italieners als Unfall der Geschichte betrachtet. Oder dass ankommenden Bischöfen aus deutschsprachigen Ländern gern jene Wohnungen zugewiesen würden, in die am meisten investiert werden müsse, wie der deutsche Kurienkardinal Gerhard Ludwig Müller durchblicken liess – er musste auf eigene Kosten Renovation und Klimaanlage bezahlen.
 
Rom hält seine Purpurträger knapp: 3000 bis gut 4000 Euro, schätzt ein Insider, bezieht ein Kardinal monatlich – in Deutschland und der Schweiz können bereits Jungpriester besser verdienen, Bischöfe ein Mehrfaches. Der Lohn von Kochs Nachfolger als Oberhirte in Basel, Felix Gmür, soll bei 14'000 Franken liegen. Auch das zeigt, warum italienische Geistliche mit Zugkraft in den Vatikan streben: Priester in Italien verdienen keine 1500 Euro – der klerikale Aufstieg wäre also auch ein finanzieller.

Studium in München und Luzern

Finanzielle Erwägungen haben Kurt Koch also nicht nach Rom gelockt; sein langjähriges Thema Ökumene reizte ihn, und er liess sich von Papst Benedikt in die Pflicht nehmen, natürlich. Aus Emmenbrücke stammend, studierte Koch Theologie in München und Luzern. Als Seelsorger an der Basis wirkte er nur wenige Jahre, zuerst in Sursee, später in Bern. Ab Mitte 30 unterrichtete er einige Jahre angehende Religionspädagogen an der Universität Luzern, mit Ende 30 avancierte er dort zum Professor für Dogmatik, Liturgiewissenschaft (religiöse Zeremonien) sowie Ökumenische Theologie und erwarb sich den Ruf eines Reformers: Er verteidigte den kircheninternen Rebellen Hans Küng und kritisierte den Ausschluss von Frauen vom Priesteramt, machte sich Gedanken zur Abschaffung des Zölibats.
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Papst Benedikt XVI. setzt Kurt Koch 2010 das Birett auf

Magischer Moment: Papst Benedikt XVI. setzt Kurt Koch 2010 das Birett auf, die Kopfbedeckung der Kardinäle.

Quelle: Franco Origlia / Getty Images
1995 zum Bischof von Basel gewählt, liess Koch diese Positionen hinter sich und schwenkte auf die konservative Vatikan-Linie um, was ihm Kritik einbrachte. Koch jedoch hält das für eine natürliche Anpassung: «Das Amt des Professors habe ich so verstanden, dass man versucht, der Kirche neue Wege vorzuschlagen, ohne dass man das selber entscheiden kann. Als Bischof steht man dann in der Verantwortung für die Kirche, da kann man nicht mehr Hypothesen aufstellen, sondern muss handeln und seine Verantwortung wahrnehmen.»
 
Beobachter erinnern sich an einen «beeindruckenden» Hirtenbrief Kochs zu Beginn seiner Zeit als Bischof, in dem er die innerkirchlichen Konfliktlinien und seine Position einfühlsam erklärt habe. Und heute als Kardinal sei er eben «für den Bereich, der mir übertragen ist, als Mitarbeiter des Papstes in der universalen Kirche verantwortlich».

«Verantwortung» als zentrale Kategorie

Überhaupt ist «Verantwortung» für Koch die zentrale Kategorie – hier bemüht er sogar eine Analogie (um das Wort Gleichnis zu vermeiden): «Wenn ein Ökonomieprofessor Bundesrat wird, kann er auch nicht einfach seine Theorien weiter vertreten, sondern muss die konkrete Verantwortung für den Wirtschaftsstandort Schweiz wahrnehmen.» Und wenn ein Bischof feststelle, dass Forderungen oder Wünsche der Gläubigen nicht umsetzbar seien, dann «darf er nicht Versprechungen machen, die er nicht halten kann».
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Kardinal Kurt Koch feiert an Neujahr 2011 seine erste Messe

Priester in Rom: Koch feiert an Neujahr 2011 seine erste Messe in seiner Titelkirche an der Piazza Navona.

Quelle: Alessandro Serrano/Polaris/laif
Papst Franziskus, der vormalige Kardinal José Bergoglio aus Argentinien, hat bei den Gläubigen zumindest Erwartungen geweckt: mit seiner liberaleren Haltung gegenüber Geschiedenen, die wieder geheiratet haben, mit seiner Forderung nach neuer Spiritualität, dass man kirchliche Gottesdienste nicht einfach konsumieren, sondern innerlich teilnehmen solle, oder mit seiner Forderung nach einem Aufbruch.
 
In der Tat, sagt Koch, «möchte Franziskus eine Kirche, die nicht um sich selber kreist, sondern sich nach aussen wendet, die Botschaft verkündet». Was aber zu wenig gesehen werde: Das sei mitnichten eine neue Entwicklung. Schon das Zweite Vatikanische Konzil setzte solche Impulse. Franziskus beziehe sich explizit immer wieder auf «das grossartige Schreiben Evangelii Nuntiandi» von Papst Paul VI., Johannes Paul II. habe das Projekt einer neuen Evangelisierung in Europa gefördert und Benedikt XVI. eigens einen Rat zur Neuevangelisierung gegründet. Hier, sagt Koch, «zieht sich ein roter Faden vom Konzil bis zum aktuellen Pontifikat».

Zwei Päpste in Rom

Überhaupt, Benedikt und Franziskus, Ratzinger und Bergoglio. Nach aussen hin sind die Rollen klar verteilt: hier der volksferne deutsche Intellektuelle mit den Massschuhen in Papst-Rot, dort der twitternde Popstar mit seinen schwarzen Strassentretern und Fusswaschungen, der einen Rollbraten köchelt und nebenbei Interviews gibt. Doch diesen wahrgenommenen Gegensatz gebe es vor allem ausserhalb des Vatikans, sagt Koch: «Ich teile diese Schwarz-Weiss-Malerei nicht, die über die beiden Päpste in der Öffentlichkeit dominiert. Die Demut ist nicht erst mit Franziskus in den Vatikan gekommen, die war vorher schon da, und Franziskus betont auch immer wieder, dass er weiterführt, was zuvor gesät worden ist.»
 
Die Beziehung zwischen den beiden sei «herzlich und liebenswürdig». Benedikts Papstzeit werde vor allem in deutschsprachigen Ländern negativ gesehen, seine positiven Impulse würden kaum gewürdigt. In Italien und auf anderen Kontinenten dagegen «hat man ihn sehr geschätzt». Tatsächlich, bestätigt ein Insider: Das Kirchenbild von Franziskus hatte schon Ratzinger entwickelt, dieser habe sich dann aber später als Papst mit Leuten umgeben, die «ältere Denkweisen hatten als er selbst».
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Papst Franziskus und der emerierte Papst Benedikt XVI

Papst Franziskus und der emerierte Papst Benedikt XVI.

Quelle: Mondadori Portfolio/Getty Images

Der dritte Dogmatiker

Koch wird viel Ähnlichkeit zu Ratzinger attestiert: zwei analytisch-professorale Denker, beide Dogmatik-Professoren, beide im persönlichen Umgang angenehm und bescheiden. Auch mit einem dritten Dogmatiker verbindet Koch einiges: Gerhard Ludwig Müller, der Ratzinger als Chef der Glaubenskongregation nachfolgte, aber mit seinem Anspruch, das Franziskus-Pontifikat «theologisch zu strukturieren» und damit dem Papst inhaltlich Nachhilfe zu erteilen, der Franziskus-Fraktion schnell als engstirniger Teutone und bald untragbar galt, sodass Franziskus Müllers Vertrag als Kongregations-Präfekt im Sommer 2017 nicht mehr verlängerte.
 
Müller jedenfalls promovierte wie Koch über Vordenker der evangelischen Kirche, diente in Deutschland als Ökumene-Bischof und sitzt in denselben Vatikan-Kongregationen wie Koch – und auch er hat seine Titelkirche an Roms wohl prächtigstem Platz, der Piazza Navona: Müller mit der prächtig-barocken Sant’Agnese in Agone genau im Zentrum, hinter Berninis Vierströmebrunnen (der aus Dan Browns «Illuminati»), Koch an der südöstlichen Ecke mit der uralten kleinen Hallenkirche Nostra Signora del Sacro Cuore. Beides sind formal Diakonien, weshalb Müller wie Koch als Kardinaldiakone firmieren.

Drei Kardinalsklassen

Weil früher der Papst von den Geistlichen Roms gewählt wurde, bekommt jeder Kardinal bis heute als Schirmherr eine Titelkirche zugewiesen; damit gehört er zum römischen Klerus. Da es Bistümer, Pfarreien und Diakonien gibt, existieren drei Kardinalsklassen – Kardinalbischöfe, von denen es nur sieben gibt, die zahlenmässig grösste Klasse der Kardinalpriester sowie die Kardinaldiakone. Praktische Bedeutung hat diese Ehrenrangfolge so gut wie keine, die italienische Fraktion im Vatikan achtet jedoch eifrig auf diese Titel. Als Priester Gottesdienst feiern kann Koch in seiner Titelkirche nur noch selten: «Früher war das häufig der Fall, der Rektor dort hatte das sehr gewünscht, er ist aber leider verstorben.» Der aktuelle Rektor, sagt Koch, habe weniger Interesse daran, «ich stehe jederzeit bereit, aber dränge mich nicht auf».
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Kardinal Kurt Koch

Seit Juli 2010 arbeitet Kurt Koch im Vatikan, gerufen vom Deutschen Joseph Ratzinger, als dieser bereits zum Papst Benedikt XVI. gewählt worden war.

Quelle: Gian Marco Castelberg

Genauso hält er es mit den Beziehungen in die Heimat. Die Vermutung, er sei für den Schweizer Katholizismus «unser Mann in Rom», weist er von sich: Er sei kein Botschafter. Und die Verbindungen liefen über die Bischöfe – alle hätten ihre eigenen Drähte in den Vatikan.

Der Vatikan, Kirchenstaat im Staat. Ein mythischer Ort, jedenfalls für Aussenseiter. Interne lächeln, wenn Externe nach dem Innenleben fragen. «Zunächst», sagt einer, «muss man sich von dem Bild verabschieden, der Vatikan sei eine strukturierte Organisation, gar ein monolithischer Block.» Was also dann? «Italienisch. Unordentlich. Im Mittelbau sind viele Mitarbeiter allenfalls durchschnittlich begabt.» Und alles hänge in hohem Mass von Einzelpersonen ab.

Präsident Papst

Am ehesten gleiche das Ganze einem Präsidialsystem. Kurt Koch bestätigt indirekt, wenn er sein Amt als Präsident eines päpstlichen Rates «nur teilweise» mit einem politischen Posten vergleichen möchte: «Weil staatliche Minister mehr Kompetenzen haben als wir hier. Wir Kardinäle bereiten Entscheidungen vor, getroffen werden diese dann aber vom Papst oder vom Staatssekretariat.»
 
Staatssekretär ist heute Kardinal Pietro Parolin, der aus dem diplomatischen Dienst des Vatikans kommt, als Nachfolger der Vatikanlegenden Angelo Sodano und Tarcisio Bertone. Die eigentliche Macht im Staatssekretariat liegt jedoch in der «Sektion für allgemeine Angelegenheiten», die von einem Erzbischof geleitet wird und den Papst im Tagesgeschäft unterstützt, etwa Dokumente redigiert und Mitteilungsorgane beaufsichtigt. Bischöfe besetzen auch die Posten als Sekretäre der «Ministerien» des Vatikans, also der Kongregationen und Räte, und gelten oft als die wahren Schaltstellen und Machthaber, häufig sind es zudem Geistliche aus Italien, gut vernetzt untereinander.
 
Die Kardinäle sind viel unterwegs und nicht nur Kongregations-Präfekte und Ratspräsidenten, sondern meist Mitglieder zahlreicher weiterer Vatikangremien. Regelmässige «Kabinetts»-Sitzungen dieser Kurienkardinäle mit Papst Franziskus soll es übrigens keine geben; zuletzt war das wohl unter Johannes Paul II. üblich.
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Kardinal Pietro Parolin

Kardinal Pietro Parolin: Der Staatssekretär kommt aus dem diplomatischen Dienst des Vatikans.

Quelle: Vatican Pool/Getty Images

Kooperativer Führungsstil

Koch selbst betreibt kein Mikromanagement, sondern er «möchte einen kooperativen Führungsstil und nicht befehlen, das liegt mir nicht». Am liebsten sei ihm, «wenn Mitarbeiter selber denken und planen und nur mit jenen Dingen zu mir kommen, von denen sie glauben, das müsse ich entscheiden». Die meisten Fragen regelt Koch mit seinen acht Mitarbeitern in Einzelgesprächen, hin und wieder gibt es Sitzungen. Ist er montags im Büro, versammeln sich alle um 9 Uhr zum Gebet.
 
Den Lunch nimmt Koch meist allein in seiner Wohnung ein, in Restaurants verabredet er sich ungern, denn sonst werde «gern getuschelt, was die beiden Herren wohl zu besprechen haben». Für Geistliche ist Rom ein Dorf. In der Via delle Fornaci, einen Steinwurf von der Glaubenskongregation entfernt, trifft sich der halbe Vatikan zur Speisung, Gruppen von Ordensschwestern sitzen hier mittags in den Cafés um Pizza und Cola versammelt. Ein Teil der anderen Hälfte isst in der Mitarbeitermensa. Einen Fitnessraum soll es nicht geben, dafür einen Supermarkt und eine Station für medizinische Notfälle, ein Ambulatorium. Für grössere Eingriffe begeben sich die Geistlichen gern in die Gemelli-Klinik. Sie gehört zur privaten Katholischen Universität vom Heiligen Herzen.
 
Zwei Mal im Jahr etwa, sagt Koch, sei er noch privat in der Schweiz, besucht seine beiden Brüder, einen Kaufmann und einen pensionierten Polizeikommandanten, steigt auch bisweilen auf Berge. Gelegentliche berufliche Besuche kommen hinzu, etwa beim höchsten Reformierten Gottfried Locher oder zu Kirchenfesten – ihren Lebensmittelpunkt aber verlegen Kardinäle nach Rom, oft unwiderruflich.
 
Dieser Text erschien in der Januar-Ausgabe 01/2018 der BILANZ.
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