Gerüste hier, Schutthaufen dort, die Luft voll Staub, ohrenbetäubender Lärm – die Eindrücke stammen nicht von einer Baustelle, sondern von einem Ort, an dem normalerweise nur geflüstert wird: dem Museum für Gegenwartskunst in Basel.

Hier räumt Kilian Rüthemann an diesem Nachmittag sein Werk ab: Als Gewinner des diesjährigen Manor-Kunstpreises durfte er in der gediegenen Basler Institution zwei Monate lang ausstellen. Dafür hat er den L-förmigen Saal im Dachgeschoss des Hauses ausgewählt, hat dort die schneeweissen Wände mit lang gezogenen Linien aus Beton bespritzt, klobige Sarkophage aus Schaumstoff hineingestellt und meterlange Eisenlatten verdübelt. Nun muss «Attacca», wie der Künstler sein Basler Œuvre getauft hat, wieder weg. Das geschieht nicht mit Glacéhandschuhen, sondern mit Baumaschinen. Rüthemann und die Männer vom technischen Dienst des Museums reissen von den Wänden, was Kunstkritiker in Entzücken versetzt hat: «Rüthemann bringt Beton zum Fliegen», schwärmte der eine, «Raumkünstler», jubelte ein anderer.

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Alltägliches Material. Kilian Rüthemann ist derjenige, der in der BILANZ-Rangliste der 50 besten Schweizer Künstler den grössten Sprung nach vorne gemacht hat: Lag er vor einem Jahr noch auf Platz 51, schaffte er es in der neusten Ausgabe auf Rang 26. Der gelernte Steinbildhauer aus dem Toggenburg und Absolvent der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Basel gilt als einer der aufregendsten Nachwuchskünstler der Schweiz. «Schön», sagt er dazu ungekünstelt, «schön, beachtet zu werden.»

Seine Arbeiten sind verblüffend einfach. Rüthemann verwendet für seine Installationen ausschliesslich alltägliche Materialien wie Zement, Beton, Zucker, Schaumgummi, Bitumen, Glas und Eisen. Die Installationen sind raumgreifend und haben eines gemeinsam: das Spannungsfeld zwischen Kreation und Destruktion als roten Faden. Rüthemann lässt die Platte aus gebranntem Zucker auf dem Boden zerschellen, lässt Leuchtstoffröhren zersplittern, spritzt Betonlinien an Wände oder spitzelt gar den Verputz ab. «Mich interessiert vor allem das Material», sagt er. Die Ideen für seine Installationen entstehen meist in dem Moment, in dem er einen Ausstellungsraum zum ersten Mal betritt. Modelle baue er keine, sagt Rüthemann, aber er habe stets sehr genaue Vorstellungen von dem, was er in einem Raum machen und auslösen wolle. Kommt die aufgespritzte Betonlinie nicht so heraus, wie er sie sich vorgestellt hat, macht er sie neu. Ist schliesslich alles so, wie es sein soll, lässt Rüthemann es für die Dauer einer Ausstellung hängen, stehen oder liegen – dann räumt er seine Werke weg und entsorgt sie, wie gerade «Attacca», meist in Schuttmulden.

Ein Statement, dass er dem Beständigen misstraut? Ein Zeichen dafür, dass ihn Transformations- und Auflösungsprozesse mehr interessieren als Statik und Dauerhaftigkeit? «Alles richtig», sagt Rüthemann, «aber es ist auch einfach praktisch, so brauche ich für meine Arbeiten kein Lager, ich kann ja alles immer wieder aufbauen.» Nicht eben praktisch ist Rüthemanns Kunst für Galeristen, die sich für den Künstler zu interessieren anfangen. Der Mann zeichnet nicht, er malt nicht, er gestaltet Räume: «Sie sind Teil meiner Kunst, und die ist schwierig zu verkaufen.» Anderseits will er nichts forcieren und sich nicht anbiedern. Rüthemann lebt von Stipendien und Zustüpfen wie dem Manor-Preisgeld, und ab und zu verkauft er etwas ab Ausstellung. Letztes Jahr zum Beispiel die «Rauchsäule», eine Skulptur aus Marmor, die er für seine Ausstellung im Kunsthaus Glarus geschaffen hat – mit 18  000 Franken sein bisher grösster kommerzieller Erfolg. «Wenn ich mit einer Galerie zusammenarbeite, dann entweder mit einer, die wie ich neu ist, so kann man sich gemeinsam hocharbeiten», sagt Rüthemann, «oder dann mit einer sehr etablierten.»

Befragt nach den Künstlern, die ihn beeindrucken, nennt Kilian Rüthemann den Schweizer Ausnahmekünstler Roman Signer, Drittplatzierter im diesjährigen BILANZ-Künstler-Rating (siehe Rangliste oben). International erscheint der 72-jährige Ostschweizer allerdings nicht auf dem Kunstmarkt-Kompass, ganz im Gegensatz etwa zu Fischli/Weiss. Das Duo rangiert auf dem sensationellen 11. Platz der weltweit 100 grössten lebenden Künstler. Diese Rangliste ist eben von der Online-Kunstplattform Artfacts.net ermittelt worden. Neben Fischli/Weiss sind mit Pipilotti Rist (Rang 25), Thomas Hirschhorn (Rang 58), John Armleder (Rang 82) und Sylvie Fleury (Rang 85) weitere Schweizer an prominenter Position zu finden.

Alte Garde. Noch immer wird der Markt der Gegenwartskunst von älteren Künstlern dominiert. Von den 100 Top-Künstlern der Welt sind 79 vor 1960 geboren, und nur gerade ein einziger – der Albaner Anri Sala – ist unter 40 Jahre alt. Auch das BILANZ-Rating 2010 der Schweizer Künstler wird mit Fischli/Weiss, Christoph Büchel, Roman Signer, John Armleder und Pipilotti Rist abermals von Etablierten angeführt. Vertreter der älteren Generation wie Ian Anüll, Christian Marclay, Franz Gertsch oder Jean-Frédéric Schnyder erleben gar ein Revival und machten zahlreiche Plätze gut.

Zwischen ihnen und aufstrebenden Talenten wie Kilian Rüthemann gibt es einen entscheidenden Unterschied: Während sich die alte Garde in etablierten Strukturen bewegt, haben sich die Newcomer ihre eigenen Bühnen geschaffen. «Weil es als Plattformen grosso modo nur Galerien und Kunsthallen gibt, haben wir angefangen, selber Ausstellungsräume zu organisieren, um uns Publicity zu verschaffen», sagt Rüthemann. Wir – das ist die junge Schweizer Kunstszene, die in Fachkreisen als frisch, aufregend und innovativ gilt und mit selbst initiierten Kunsträumen auf sich aufmerksam macht: Forde, Darse und Hard Hat in Genf, Circuit in Lausanne, New Jerseyy, Vrits, Galen und Radio Arthur in Basel sowie die Galerie Karma International in Zürich. Typisch für die Szene ist, dass sie nicht aus Einzelkämpfern besteht, sondern hervorragend vernetzt ist: Man kennt sich und arbeitet sogar gemeinsam an Kunstwerken.

Junger Shooting Star. Der Basler Tobias Madison ist mit Jahrgang 1985 einer der jüngsten der Szene und der jüngste Newcomer im BILANZ-Rating der 50 besten Schweizer Künstler. Er wird von der aufstrebenden Zürcher Galerie Karma International vertreten, die im zweiten Jahr ihres Bestehens nach Pamela Rosenkranz bereits den zweiten Shooting Star in der BILANZ-Liste platzieren kann. Rosenkranz, die 2009 auf Anhieb auf Rang 35 landete, arbeitete sich in der Zwischenzeit gar auf Rang 24 vor. Madison absolvierte einen ähnlich glorreichen Aufstieg, indem er von Rang 192 auf Rang 47 vorrückte.

Wenn Madison nicht gerade durch die Welt nomadisiert, lebt er in Basel, wo er aufgewachsen ist, oder in Zürich. Ein ständiges Atelier hat er nicht. «Ich bin froh, wenn ich nicht an einen Ort gebunden bin», sagt Madison. Ihm reicht es, wenn er seine Mitstreiter um sich weiss, mit denen er Ideen entwickelt oder Werke produziert – unter anderem Daniel Baumann, Emanuel Rossetti und Dan Solbach, wie er Mitbegründer des Basler Ausstellungsraums New Jerseyy. Anfang Jahr sorgte Madison mit einer Ausstellung im Swiss Institute in New York bei einem internationalen Fachpublikum für Aufsehen. Seit einigen Monaten verkaufen sich seine Bilder, Skulpturen, Fotografien und Scans so gut, dass er davon leben kann.

Wie viele Künstler seiner Generation nähert sich Tobias Madison der materiellen und künstlichen Welt nicht mit gesellschaftskritischem Eifer an, sondern mit Ambivalenz und stellt diese in ungewohnte Zusammenhänge.

Skurrile Skulpturen. Gute Beispiele dafür sind seine Arbeiten mit dem Slogan «Yes, I can!» der amerikanischen Hotelgruppe Radisson, der mit seiner «Dumpfheit und Stereotypie», so Madison, zum Symbol für den weltweiten Triumphzug der Dienstleistungsindustrie geworden ist. Madison empfand den Slogan als Aufforderung, ein paar Fahnen mit dem Schriftzug zu entwenden und sie durch Abstraktion umzudefinieren. Fortan benutzte er das Motto für seine Soloshows. Für die Ausstellung im Swiss Institute in New York stellte er der Corporate Identity von Radisson einige Trailer für einen kommenden Film über sozialistische Repräsentationsbauten aus Ländern wie Kasachstan und Turkmenistan gegenüber – Sinnbilder der Verlorenheit und Zweckentfremdung im kapitalistischen System.

Einen weiteren vieldeutigen Blick auf die grelle Konsum- und Werbeindustrie erzeugt Madison mit seinen Vitrinen. Die einen füllt er mit buntem «Vitamin Water», in anderen arrangiert er Zierpflanzen zu skurrilen Skulpturen. Damit illustriert er die Entwicklung exotischer Pflanzen vom Statussymbol in Bürgerhäusern bis zum kruden Dekorationsobjekt in Grossraumbüros. Zunächst arbeitete er mit echten Pflanzen, die er mit Farben bespritzte, um ihnen die Designfunktion zu nehmen. Heute drapiert er Palmen, Bonsais und Ananas aus Plastik zu künstlich-kunstvollen Arrangements. Diese stellt er in Plexiglasvitrinen, die auf Tropenholzsockeln stehen – für Madison «die zwingende Verbindung von Lyrik und Formalismus». Die Nachfrage nach den Skulpturen ist seit der New Yorker Ausstellung hoch. Bereits zieren mehrere Werke des Schweizers die Kunstsammlung der renommierten Rubell Family Collection in Miami.