Die Zeiten sind vorbei, als Verwaltungsräte und Manager ­Dominique Biedermann belächelten. «Der Robin Hood der Kleinanleger» oder «der höfliche Firmenschreck», wie ihn die Presse schon nannte, kämpft gegen Doppelmandate, überrissene Saläre und für eine Corporate Governance, die diesen Namen verdient. Kündigt der 52-Jährige seinen Auftritt an der Generalversammlung an, werden Verwaltungsräte nervös.

Die Kritisierten wissen nämlich Biedermann kaum beizukommen. Dieser argumentiert objektiv und detailkenntnisreich. Er lässt sich weder auf hitzige Wortgefechte ein, noch führt er einen Kreuzzug. Seine Sachlichkeit ist seine schärfste Waffe. Er hat geschafft, was schon viele erfolglos versuchten: Die Ansprüche der Aktionäre werden von den Unternehmen zunehmend wieder ernst genommen.

Die von ihm 1997 mitbegründete Ethos ist eine Anlagestiftung für nachhaltige Entwicklung, die von 84 institutionellen Investoren gestützt wird und für ein Anlagevermögen von 2,2 Milliarden Franken verantwortlich ist. Doch Biedermann kann auf noch mehr Support zählen. Der von Ethos ins Leben gerufenen Unterstützungsgruppe Say on Pay gehören 30 Institutio­nelle an, die zusammen über 600 Milliarden Franken verwalten. Damit lassen sich Aktionärsanträge leichter durchboxen.

Die Vertrauten

Kaspar Müller, Präsident der Stiftung Ethos, ist Weggefährte der ersten Stunde und begleitet Biedermann an sämtliche Gespräche mit Schweizer Topshots. Ebenfalls seit Anfang an Biedermanns Seite ist Renaud de Planta, Bankier bei Pictet, der Hausbank von Ethos. Patrick Odier von LODH und Eric Sarasin von der Bank Sarasin haben Biedermann beim Aufbau von Ethos unterstützt. Zu Biedermanns Seelenverwandten zählen Roby Tschopp, Geschäftsführer von Actares, der Vereinigung von Aktionären für nachhaltiges Wirtschaften, Claudio Kuster, Sekretär der Volksinitiative gegen die Abzockerei, sowie Paul Dembinski, Gründer der Beratungsfirma Eco’Diagnostic. Und mit Monika Roth, ­Professorin an der Hochschule Luzern und Autorin von Standardwerken über Corporate Governance und Compliance, hat sich ­Biedermann 2007 frischen Wind in den Verwaltungsrat von Ethos Services geholt. Mit Fragen ethischer Natur wendet sich Dominique Biedermann seit Jahr und Tag an den renommierten Ethiker Christoph Stückelberger, Gründer und Direktor bei ­Globethics.net.

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Die Kontrahenten

Vor allem das Doppelmandat CEO/Präsident ist Biedermann ein Dorn im Auge. Novartis-Lenker Dani­el Vasella stellte sich jahrelang taub; im Januar aber hat auch er dem Druck nachgegeben und amtet künftig nur noch als Präsident. Biedermann jedoch gibt keine Ruhe. Als stossend empfindet er Vasellas ­Salär im zweistelligen Millionenbereich. Aus demselben Grund auf seinen Radar geraten sind UBS-Chef ­Oswald Grübel, Roche-Präsident Franz Humer und CS-Chef Brady Dougan. Auf eine hektische GV muss sich UBS-Präsident Kaspar Villiger einstellen, denn Biedermann will verhindern, dass den einstigen UBS-Führungsleuten Marcel Ospel und Peter Wuffli sowie ­Peter Kurer und Marcel ­Rohner die Décharge erteilt wird – mit intakten Erfolgschancen. Arg getrübt ist das Verhältnis zwischen Biedermann und Swatch-Patron Nicolas Hayek. Biedermann monierte einst an der Aktionärsversammlung, die Unabhängigkeit des VR sei ungenügend. Er kritisierte sodann Amts­dauer und Alter gewisser Verwaltungsräte. Hayek konterte gereizt und hielt eine Brandrede.

Die Karriere

Als Volkswirtschaftsstudent an der Uni Genf wurde Biedermann unter anderem vom ehemaligen Nationalbankpräsidenten Jean-Pierre Roth geprägt. Nach der Dissertation arbeitete er in Diensten des Kantons Genf, ab 1994 als Direktor der Pensionskasse, wo er an die heutige Bundesrätin ­Micheline Calmy-Rey rapportierte. 1997 gründete er die Ethos-Stiftung und ist seither deren Direktor. Daneben hat er mehrere Lehraufträge. Biedermann ist längst auch im Ausland ein Begriff – und vernetzt. Er sitzt im Verwaltungsrat des European Corporate Governance Service, zusammen mit Peter Montagnon aus der Führungsriege der mächtigen Association of British Insurers. 2009 hat dieser Biedermann den Preis des International Corporate Governance Network (ICGN) überreicht. Es ist dies der wichtigste Preis im Sektor Corporate Governance.

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Die Mitstreiter

Biedermanns Gradlinigkeit hat aus Kritisierten schon Verbündete gemacht. So Peter Brabeck; Biedermann kritisierte dessen Doppelmandat als Präsident und CEO von Nestlé. Inzwischen schätzen sich die beiden. Angegriffen hatte Biedermann einst auch Raiffeisen-CEO Pierin Vincenz. Dennoch: 2009 lancierte Raiffeisen einen Fonds, der seine Stimmrechte gemäss Ethos-Empfehlungen ausübt. Einen Verbündeten mit klangvollem Namen hat Biedermann in Ulrich Grete. Der Ex-SBG-Generaldirektor und einstige Präsident des AHV-Ausgleichsfonds bot Biedermann öfters Schützenhilfe. Als Vorbild bezeichnet Biedermann Ex-US-Vizepräsident Al Gore. Hoch achtet er Sir Adrian ­Cad­bury, Ex-Chairman von Cadbury Schweppes und Vordenker in Sachen Corporate Governance, sowie den Industriellen Stephan Schmidheiny.

Privatleben

Biedermann ist verheiratet mit der Griechin ­Yola Livieratou, die er an der Uni Genf kennen lernte. Wie er ist sie Dr. oec. und wie er bei der Ethos-Stiftung in einer Führungsposition: als Head Corporate Governance. Zusammen haben sie drei Kinder im Alter zwischen 16 und 20 Jahren. Wenn er Zeit dafür findet und genügend Schnee liegt, geht Biedermann langlaufen. Andere Hobbys pflegt er nicht. Gelegentlich spielt er auf dem Alphorn, das er sich einst von seinen Eltern als Maturageschenk wünschte.