Fiat, der wichtigste Industriekonzern Italiens, hat einen neuen Präsidenten: John Elkann (34). Damit erfüllt sich die Erb­folge, die sein Grossvater, der schillernde Gianni Agnelli, schon vor Jahren eingeleitet hat. 1998 – Elkann war gerade 22 Jahre alt – platzierte ihn der Clanchef im VR von Fiat. Der Lieblingsenkel, Sohn seiner Tochter Margherita und des französischen Schriftstellers Alain Elkann, sollte den Autokonzern von innen her kennen lernen. 2003 starb der Patriarch an Prostatakrebs. Der Enkel, in New York geboren und in Turin zum Wirtschaftsingenieur ausgebildet, ein zurückhaltender, leiser Mensch mit feinen Manieren, hatte zwar das nötige ­intellektuelle Rüstzeug, war für die Rolle des Chairman aber noch zu jung. So musste Ferrari-Chef Luca di Montezemolo in die Bresche springen. Er trat den Job in schwieriger Zeit an: Fiat stand nahe am Abgrund, war verschuldet, die Modelle fanden keinen Anklang. Als operativen Chef setzte die Familie den Italokanadier Sergio Marchionne ein. Dieser verhalf dem Konzern zu neuer Stärke, was sich heute etwa in der Beteiligung an Chrysler manifestiert. Mit der Trennung von Fiat in einen Auto- und einen Industrieteil soll nun der nächste strategische Quantensprung erfolgen. Für Erfolg oder Misserfolg wird fortan auch Elkann geradestehen müssen.

Die Vertrauten

Wenn Sergio Marchionne, CEO von Fiat, auf John Elkann zu ­reden kommt, spricht er mitunter von «The Kid». Die Mischung aus Paternalismus und Sympathie ist kennzeichnend für das Verhältnis des Italokanadiers zum Agnelli-Spross: hier der erfahrene Sanierer, dort der junge Grossaktionär, der seine Sporen erst noch abverdienen muss. Marchionne hat ein enges Vertrauensverhältnis zur Familie und wurde CEO auf deren Wunsch. Heute ist er Drehscheibe bei Fiat, weiss aber auch, dass die Macht letztlich beim Besitzer liegt: «Ich habe kein Geburtsrecht, das zu tun, was ich tue. Mir gehört die Firma nicht, ich manage sie.»
Graue Eminenz ist Gianluigi Gabetti, der als engster Consi­gliere von Gianni Agnelli jahrzehntelang als Präsident der Familien­holding agierte. Parallel zu seiner Wahl zum Fiat-Präsidenten ­ersetzt Elkann nun Gabetti auch im innersten Machtzirkel. Als Ziehvater in Managementfragen wirkte sein Vorgänger bei Fiat, Luca di Montezemolo. Den deutschen Berater Roland Berger, VR von Fiat, schätzt er wegen dessen Erfahrung in Strategiefragen. Der ­indische Automagnat Ratan Tata, ebenfalls Mitglied im Fiat-VR, hilft bei der Erschliessung des weltweiten Automarktes.

Die Widersacher

Zu den ärgsten Widersachern gehört just die eigene Mutter: Margherita Agnelli de Pahlen, mit ihrem zweiten Ehemann Serge de Pahlen am Genfersee lebend, hat im Clan ­einen Erbstreit entfacht. Ausgangspunkt war, dass ihr Vater Gianni Agnelli die Macht bei Fiat an ihr vorbei direkt ihrem Sohn John übertrug. Margherita klagte die Vertrauten ihres ­Vaters an und scheute sich nicht, ihre Mutter Marella Agnelli in die Klage einzubeziehen. Seither beschränken sich die Kontakte von John Elkann zu seiner Mutter aufs Minimum. Politisch wird der Konflikt ausgenützt. So benutzten Medien, die Silvio Berlusconi nahestehen, das Hickhack, um von den Sexskandalen des Regierungschefs abzulenken.

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Die Schweiz-Connection

Der Agnelli-Clan ist seit langem bedeutender Aktionär des Schweizer Warenprüfkonzerns SGS, den Fiat-CEO Sergio Marchionne präsidiert. Abgesandter der ­Familie ist Tiberto Brandolini d’Adda, der auch in der von John Elkann geleite­ten Familienfinanzholding Exor sowie im Fiat-VR Einsitz hat. Zweiter Grossaktionär ist August von Finck, der auch einen Vertrauten, Von-Roll-Chef Thomas ­Limberger, bei SGS platziert hat. Mehrere hundert Millionen Franken hat die ­Familie Agnelli im Firmenkonstrukt des Finanztreuhänders Herbert Batliner in Liechtenstein parkiert, wo die Agnelli-Stiftung Alkyone untergebracht ist.

Das Privatleben

Die Gattin von John Elkann ist Spross einer der vornehmsten Familien Italiens: Lavinia Borromeo entstammt dem Adligengeschlecht der Borromäer, das mehrere Kardinäle, Erzbischöfe und Generäle zählte. Ihr Vater ist Graf Carlo Borromeo, ­ihre Mutter ein Ex-Model. Die Familie besitzt seit dem 12.  Jahrhundert die Borromäischen Inseln im Lago Maggiore. Die Hochzeit im ­Jahre 2004 mit 700 geladenen Gästen fand im Palast auf der Isola ­Bella statt. Das Paar hat zwei Söhne, Leone und Oceano. Lavinia ist wie Schwager Lapo im Modebusiness tätig: Sie entwirft Handtaschen.

Die Familie

Der Agnelli-Clan umfasst über 200 Mitglieder. Die Familienstämme sind als Aktionäre in der Familienholding Giovanni Agnelli & Co. vertreten, die indirekt Mehrheitsaktionärin der Fiat Group ist. Schlagzeilen besonderer Art machte Bruder Lapo Elkann, Lebemann und Modemacher, der vor fünf Jahren nach Drogenexzessen beinahe starb. Ins Spital eingeliefert wurde er von der transsexuellen Prostituierten, bei der er die Nacht verbracht hatte. Die beiden Brüder mögen sich gut, auch wenn Lapo wenig mit dem zurückhaltenden, ja fast biederen John gemein hat. Schwester ­Ginevra Elkann schlägt eher nach dem kreativen Lapo: Sie lebt als Filmemacherin in London.

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