Zum 175-Jahr-Jubiläum seiner Mediengruppe gibt Porsche-Fahrer Peter Wanner richtig Gas. Zuerst kaufte er die TV-Stationen TeleZüri und TeleBärn, dann auch Radio 24. Keine kleinen Schritte, sondern Sprünge für ihn. Endlich hat sich der gebürtige Badener, der insgeheim am Atom- und Sondermüll-Image seines Heimatkantons leidet, den Sprung in die nationale Verlegerliga geschafft. Legt nun der 67-Jährige seine Medienstrategie dar, redet er nicht mehr von Aarau, Baden und Solothurn, sondern von der Achse Bern–Zürich.

Mit Mut und Beharrlichkeit hat er sein Terrain arrondiert. Dabei hatte man 2009 noch geglaubt, eher früher als später würde ihm die übermächtige Tamedia («Tages-Anzeiger», «SonntagsZeitung», «20 Minuten») die Luft abdrücken. Das Gegenteil geschah: Wanner kaufte Tamedia eine Radio- und eine TV-Station ab. Sein Verlagshaus, vor zwei Jahren noch in den roten Zahlen, steht auf soliden Füssen und wirft 2011 einen schönen Cashflow und einen zweistelligen Millionengewinn ab. Dabei ist er eine aussterbende Verlegerspezies: Statt übers Ebitda debattiert er lieber über Artikelanfänge. Und verpasst deswegen schon mal den nächsten Sitzungstermin – trotz Porsche, dessen Autonummer die vierstellige Postleitzahl seines Wohnortes trägt.

Die Freunde

Wer zur Entourage des Verlegers gehört, trifft sich alljährlich zum «Aser»-Fest in Wanners Waldhütte bei Baden. Kürzlich, beim 49. Mal, waren wiederum 300 Leute aus Politik, Wirtschaft und Kultur versammelt. Am Verlegertisch sassen Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann, ABB-Schweiz-Chefin Jasmin Staiblin und ­Investor Giorgio Behr. Auch Rainer E. Gut, ehemaliger Credit-­Suisse-Chef, gehört zu den regelmässigen «Aser»-Besuchern, ebenso SP-Ständerätin Pascale Bruderer und CVP-Magistratin Doris Leuthard. Mit ihr sass Wanner bis zur Wahl in den Bundesrat im ­Verwaltungsrat der Neuen Aargauer Bank, die seit 1995 zur Credit ­Suisse gehört. Leuthard war es auch, die an der 175-Jahr-Jubiläumsfeier von Wanners AZ Medien als Festrednerin auftrat.

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Zum Erstaunen vieler ist Christoph Bauer, CEO der Aargauer ­Mediengruppe und Wanners engster Mitarbeiter, noch immer im Amt. Der umtriebige VR-Präsident gab nie vor, neben dem CEO bloss den Grüssaugust spielen zu wollen. Offenbar hat man einen Modus Operandi gefunden, welcher der Verlegerseele genügend Freilauf gibt. Medieninhalte sind seine Leidenschaft, die Zahlenkränze ­überlässt er seinem pingeligen Finanzchef Roland Tschudi. Aus der Region trifft er regelmässig Coop- und Swisscom-Präsident Hans­ueli Loosli sowie Migros-Chef Herbert Bolliger.

Die Gegner

Der Kauf von Radio 24 ärgert Roger Schawinski (Radio 1), der selber mitbot, um den von ihm einst gegründeten Sender zurückzukaufen. Nun lästert der Radiopionier über die fehlende Radio-Affinität von Käufer Wanner. Mitgeboten hatte neben Schawinski auch Christoph Blocher. Mit diesem streitet sich Wanner um die Lufthoheit in Basel. Wanner wollte eine Achse «Basler Zeitung»–«Aargauer Zeitung» aufbauen, doch die Basler pochten auf einen ­Alleingang. Faute de mieux zieht Wanner nun in Basel eine Dependance hoch, die seine Zeitungen («Der Sonntag», «Basellandschaftliche») alimentieren soll.

Über die Tamedia-Granden Martin Kall und Pietro Supino lästerte Wanner, als die Tamedia-Gratiszeitung «News» im Wanner-Land wilderte. «In die Luft sprengen» müsste man die «News»-Zeitungsständer, wetterte er. Sauer auf den Verleger sind (vermeintliche) Opfer seiner Medien. Ulrich Giezendanner, SVP-Nationalrat, ist gallig, weil die Lokalmedien Schuld an seiner Nichtwahl in den Ständerat trügen. Gift und Galle spuckte Marcel Rohner, damals UBS-Chef, als seine Bank regelmässig im «Sonntag»-Kugelhagel stand. Angeblich soll er die lokale UBS-Filiale angewiesen haben, Wanners Restaurant Einstein mit Nichtbesuch abzustrafen.

Club der unruhigen Geister

Als Student der Pariser Sorbonne schnupperte Wanner tagsüber am süssen Duft des Marxismus, anschliessend zog er mit dem trinkfesten Bürgerschreck Niklaus Meienberg durch die Bistros. Mit zunehmenden Gesichtsfalten entwickelte sich der einstige 68er zum Radikal-Liberalen, dem jedes Dogma ein Greuel ist. Seine Leidenschaft lebt er aus im Bund «Vom Geist der unruhigen Freiheitlichkeit», der den Freisinn erneuern will. Zu den Unruhigen gehören ­Alt-Bundesrat Pascal Couchepin, Ständerätin Christine Egerszegi, Regierungsrat Christian ­Wanner, SBB-Kommunikator Stefan Nünlist,Franz Steinegger und der Philosoph Georg Kohler.

Die Karriere

Verleger Otto Wanner, ein Patron von altem Schrot und Korn, liess den Junior schmoren, bis dieser 50-jährig war. Erst dann durfte Filius ­Peter Wanner ans Werk. Sein Meisterstück war die knitterfreie Fusion von «Aargauer Tagblatt» und «Badener Tagblatt» (1996) zur «Aargauer Zeitung».

Einen zweiten Coup landete er mit der Lancierung des «Sonntags», der im hart umkämpften Wochenendmarkt eine Lücke fand. Wanners Argument in Verlegerkreisen war stets sein kooperativer Stil: Er setzte auf enge Partnerschaften, in denen alle profitierten. Die Rechnung ging für ihn auf: Heute gebietet er über ein Imperium von Zeitungen, Zeitschriften, Buchverlag, Radiosendern, TV-Stationen. Der Umsatz: 250 Millionen Franken, Mitarbeiterzahl: 1000.

Neben dem Geschäftlichen gönnt er sich zehn Wochen ­Ferien, die er meist im Engadiner Ferienhaus verbringt. Spass dürfte ihm letzten Winter bereitet haben, als er am Engadiner Skimarathon dem Zürcher Verlegerkollegen Pietro Supino volle 40 Minuten abnahm.

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Die Familie

Der Verleger residiert auf dem Landsitz Schloss Bickgut, das seit 90 Jahren in Familienbesitz ist. Vom angrenzenden Weingut stammt der Bicker-Wein, der bei Firmenanlässen ausgeschenkt wird. Gattin Maja sitzt für die FDP im Aargauer Grossen Rat; kürzlich verpasste sie den Sprung in den Nationalrat. Die Wanners haben vier Kinder. Der Älteste, Michael, schickt sich an, in fünfter Generation das Verlagshaus zu übernehmen. Derzeit ist der Betriebswirtschaftler Assistent von Bernd Buchholz, CEO beim Hamburger Grossverlag Gruner + Jahr («Stern», «Geo»). Anna schreibt als Stage bei der «Aargauer Zeitung» und absolviert das MAZ, Caroline ­studiert in Zürich Medizin. Der Jüngste, Florian, studiert in St. Gallen Ökonomie und lebt in einer WG mit dem Sohn von ­Migros-Chef ­Herbert Bolliger.